Medien 23.12.2005, 18:42 Uhr

Cramer“s Mad Money

VDI nachrichten, Düsseldorf, 23. 12. 05, elb – Er schwitzt. Er schreit. Er hüpft durch das CNBC-Studio wie Rumpelstilzchen. Zwischendurch streckt er seinen hochroten Kopf in die Kamera, als wolle er ins Wohnzimmer der Zuschauer springen. Jim Cramer – fast haarlos, immer rot im Gesicht und ständig in Rage – ist der neue TV-Star unter Amerikas Börsianern.

Seine Aktienempfehlungen brüllt Cramer heraus wie die Händler auf dem Hamburger Fischmarkt. Wenn er ein Papier nicht mag, schneidet er Stoffbullen vor laufender Kamera mit einem scharfen Messer den Kopf ab oder schleudert einen Bürostuhl durch die Luft, oder er haut mit der Faust am Mischpult auf jenen roten Knopf, der das Geräusch einer Klospülung auslöst. Fragt ein Zuschauer nach einer Aktie, deren Kurs Cramer auf dem Weg nach unten sieht, kommt gelegentlich die Gegenfrage: „Sind Sie verrückt geworden?“ Die Fans seiner „Mad Money“-Show lassen sich davon nicht einschüchtern. Für sie sind Cramers Verrücktheiten die Würze an der Sendung. Die tägliche Show hat regelmäßig um die 380 000 Zuschauer. Das sind 80 % mehr als die eingestampften Vorgänger-Sendungen, die kaum jemand sehen wollte. „Andere Leute wollen Freunde gewinnen, ich will, dass Ihr alle mehr Geld macht“, wiederholt Cramer gebetsmühlenartig das Credo seiner chaotischen Geld-Gala. Kritiker und Fans sind sich einig: Mit ihm macht es wieder Spaß, Börsianer zu sein. Keine schlechte Leistung in Zeiten sinkender Börsianer-Zahlen.

Cramers Zuschauer melden sich mit lauten „Boooyah“-Schlachtrufen, bevor sie um Rat für Investments fragen. Pro Show gibt er gut 50 Aktientipps. Und damit bewegt er nicht nur Gemüter, sondern auch Märkte. „Er ist halb Börsenverrückter, halb Showman“, gibt seine Producerin bei CNBC, Susan Krakower, lächelnd zu. Doch nicht alle schätzen ihn. John Markese, der Präsident der American Association of Individual Investors, nennt Cramer schlicht „peinlich“.

Auch als Börsenguru hat der ehemalige Hedgefonds-Manager, der jährliche Zuwachsraten von über 20 % erzielte und zwischen 50 Mio. $ und 100 Mio. $ reich sein soll, nicht nur Bewunderer. Die New York Post schrieb im Frühjahr eine Woche lang 183 Aktientipps von Cramer mit. Resultat der anschließenden Erfolgs-Analyse: 54 % aller Aktien schlugen nach Cramers Vorhersagen genau die entgegengesetzte Richtung ein. Seitdem nennen ihn seine Gegner auch das „46 % Kid“. Einige Kritiker halten seine Empfehlungen auch für schlichte Luftnummern. Wenn Cramer abends auftritt, wird an der Wall Street schon nicht mehr gehandelt. Und am nächsten Morgen, wenn die von ihm empfohlenen Aktien mit Aufschlag starten, ist es für Kleinanleger bereits zu spät.

Der 50-Jährige wurde in Germantown, Pennsylvania, geboren. Als Kind prägte er sich ungezählte Ticker-Symbole von den Wirtschaftsseiten der Zeitungen ein, kritzelte sie an die Küchenwände und verwaltete Phantasie-Portfolios. 1977 machte er seinen Harvard-Abschluss und verdingte sich jahrelang bei kleinen Zeitungen als Kriminalreporter. Während der Zeit beim Los Angeles Herald räumten Diebe seine gesamte Wohnung aus und nahmen auch den Computer samt Börsendaten mit. Neun Monate lang schlief Cramer mit einer Pistole unter dem Kissen auf dem Rücksitz seines Ford Fairmont.

Von der Börse kam er nie los. 1981 ging Cramer zurück nach Harvard, um Jura zu studieren. Auf seinen Anrufbeantworter sprach er Aktientipps: „Hallo hier ist der Anschluss von Jim Cramer, ich bin gerade nicht da, aber schauen Sie mal auf People-Express, die haben ein gutes Business-Modell.“ Einer seiner Professoren folgte den Empfehlungen und verdiente in zwei Jahren 150 000 $. 1987 gründete Cramer seinen eigenen Hedgefonds „Cramer Berkowitz“ und beteiligte sich am Start mehrerer Wirtschaftsmagazine. Mit dem Harvard-Professor Martin Peretz, der Cramer 500 000 $ zum Spekulieren anvertraute, gründete der Börsen-Enthusiast die Finanzwebseite „thestreet.com“, für die er viele Kolumnen schreibt.

Als 2001 der IT-Crash seinen verheerenden Lauf nahm, stieg Cramer aus und machte Fernsehen. Nicholas Maier, ein ehemaliger Händler in Cramers Hedgefonds, schildert das Verhalten des Maniacs als Hedgefonds-Manager und als Börsenguru in dem Bestseller „Trading with the Enemy“. Cramers Aktientipps aus der Mad-Money-Show können per e-Mail kostenlos von der Internetseite bezogen werden.

MARKUS GÄRTNER

www.cramersmadmoney.com

Kritiker halten ihn schlicht für peinlich

Von Markus Gärtner

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