Medien 10.09.1999, 17:22 Uhr

Chemie schafft Hochglanz

Immer schneller, immer perfekter und vor allem schön bunt – ausgefeilte Technik macht aus dem letzten Urlaubsfilm im Handumdrehen Erinnerungen mit Hochglanz. Zum Bildergucken bleibt dabei keine Zeit.

Ohne Fotos ist der Urlaub nichts wert. Etwa 160 Mio. Filme werden Jahr für Jahr in Deutschland verkauft, belichtet und entwickelt. Fast die Hälfte dient allein dem Zweck, die schönsten Ferienerlebnisse auch in der dunklen Jahreszeit noch farbecht ans Licht zu befördern. Insofern müßte es Petra Fernandez gut haben: Den ganzen Tag sieht sie Urlaubsbilder. Aber Zeit zum Betrachten hat sie nicht. Die junge Frau sortiert bei der Cewe Color AG Fotoabzüge und Negative im Sekundentakt – täglich verarbeitet der größte Foto-Finisher Europas allein am Standort Oldenburg 200 000 Farbbilder.
Daß hier im Sekundentakt Erinnerungen gepflegt werden, ist im Stammwerk der europaweiten Fotokette kaum zu spüren. Eigentlich könnte der 670-Mann-Betrieb alles mögliche produzieren, denn in den taghell erleuchteten Hallen herrscht alles andere als schummrige Dunkelkammer-Atmosphäre. Allein die fast klinische Sauberkeit fällt auf. Staub ist ein großer Feind der Fotografie. Ein winziges Korn – und schon trüben unschöne „Telegrafenlinien“ das idyllische Bild von der schönsten Zeit des Jahres.
Nur bei genauem Hingucken erkennt der Besucher, daß hier Filme und Fotografien bearbeitet werden. Am Arbeitsplatz von Silvia Schönfisch beispielsweise: Für einen kurzen Moment sind hier die über Nacht angelieferten Filmrollen zu sehen, bevor sie auf die Reise durch Entwicklungsbäder, Trockenschränke, Scanner und Belichter, Cutter und Pricer gehen. Für Silvia Schönfisch bedeutet dieser Moment nur drei kleine Handbewegungen: Mit der einen öffnet sie die Plastikdose, in der sich die Filmpatrone befindet, mit der zweiten steckt sie die verschlossene Patrone in den sogenannten Splicer. Mit dem dritten Griff legt sie die vom Kunden ausgefüllte Versandtasche auf ein Förderband. Von jetzt an halten die Maschinen die Sache in der Hand.
Die Zeiten sind lange vorbei, in denen ein Drogist im eigenen Fotolabor stand und von Hand entwickelte, was die Kunden fotografiert hatten. Heinz Neumüller hat so noch gearbeitet. Der im vergangenen Jahr verstorbene Gründer von Cewe Color betrieb Anfang der 60er Jahre in Oldenburg ein klassisches Fotolabor – mit Entwicklungsbädern, Vergrößerern und viel Handarbeit. Als 1964 der Boom der Farbfotografie begann, hatte Neumüller den richtigen Riecher – auf einer Produktionsfläche von 4000 m2 baute er in Oldenburg den ersten Labor-Großbetrieb. Inzwischen gehören europaweit über 20 der modernsten Anlagen zu dem Konzern. 1998 wurden in diesen Betrieben 80,2 Mio. Filme und 2,8 Mrd. Bilder verarbeitet.
Silvia Schönfisch verarbeitet davon 465 Filme in der Stunde. So viele Kleinbildstreifen mit jeweils 36 Aufnahmen kann ihr „Splicer“ auf eine Rolle spulen. „Die Filmpatrone knacken, den Negativstreifen abrollen und an den vorherigen Film ankleben, dann auf die große Trommel drehen“ – was ihre Maschine macht, kennt die junge Frau aus der Theorie. Gesehen hat sie es in der Praxis noch nie. Licht ist der natürliche Feind jedes Films – deswegen spielt sich das entscheidende Geschehen im Inneren der Maschine in perfekter Dunkelheit ab. Und wenn etwas schiefläuft? „Dann muß ich mich auf mein Tastgefühl verlassen“, sagt Silvia Schönfisch. Durch eine Art Sack kann sie in die Maschine greifen, ohne daß Licht eindringen kann, und mit etwas Fingerspitzengefühl den Schaden beheben. Überhaupt sieht man hier fast nur Frauen. „Frauen sind dabei viel geschickter als Männer“, weiß Marketing-Managerin Hella Meyer.
Der Geschicklichkeit von Silvia Schönfisch muß Karl Heinz Grützner an der nächsten Station im Produktionsprozeß im Zweifelsfalle Schnelligkeit entgegensetzen. Denn wenn es im Entwicklungsbad zu Problemen kommt, zählen Sekunden. Genau 215 Sekunden muß der Film in der 37,8 °C warmen Flüssigkeit verbleiben, damit die belichteten Stellen auf dem Negativstreifen sichtbar gemacht werden, dann folgen Stopper, Bleicher, Fixierer und Wässerung.
Cewe Color kommt dabei mit geringen Chemiemengen aus. 13,2 l Tankinhalt sind die Standardvorgabe des Entwickler-Herstellers für das Entwicklerbad geschlossene Kreislaufsysteme und eine Wiederaufbereitungsanlage mit elektronischen Sensoren sorgen dafür, daß die Chemie stets frisch bleibt. Doch wenn der Alarmton eine Störung in der vollautomatischen Anlage signalisiert, muß Grützner springen: „Nur ein paar Sekunden mehr oder eine Temperaturschwankung von mehr als 0,15 0C – dann wären die Bilder unbrauchbar.“
Doch offensichtlich gibt es hier und an den anderen Stellen des Produktionsablaufes nur sehr selten gravierende Probleme: „Unsere Fehlerquote liegt unter einem Promille“, versichert Hella Meyer. Weil er stets auf dem Sprung ist, nimmt Grützner den erhebenden Moment seiner Arbeit gar nicht wahr: Er ist der erste im ganzen Betrieb, der zu Gesicht bekommt, was die Kunden fotografiert haben: Nach dem knapp 20-minütigen Entwicklungsprozeß und rund eineinhalb Stunden nach dem Eintreffen im Betrieb werden für wenige Momente Negativstreifen im Trocknungsschrank sichtbar – nur um Sekunden später wieder auf einer Trommel im Dunklen zu verschwinden.
Am liebsten wäre es Hella Meyer, wenn manches technische Detail aus dem Betrieb genauso schnell unsichtbar werden würde: „Unser Wettbewerbsvorteil besteht vor allem in den von unseren eigenen Technikern ausgetüftelten Raffinessen.“ Alle Großlabore setzen dieselben Gerätetypen ein, arbeiten mit der gleichen standardisierten Chemie und verwenden dieselben Papiermaterialien. Die grundsätzliche Normierung hat den Vorteil, daß in jedem Labor jeder Film bearbeitet werden kann.

Kleine Fortschritte sichern

Vorsprung vor der Konkurrenz Den entscheidenden Wettbewerbsvorteil holt sich Cewe Color über kleinste Verbesserungen an den Maschinen, die das Ergebnis noch ein bißchen perfekter machen: Jeder Mitarbeiter wisse um den Wert von Verbesserungsvorschlägen, jede Idee werde sofort von einem der Techniker aufgenommen. Einen entscheidenden Vorsprung vor der Konkurrenz holte sich das Oldenburger Unternehmen, als es vor knapp zwei Jahren den Photoindex erfand. Parallel zum Belichten der einzelnen Fotos – der nächsten Station nach der Negativentwicklung – erstellt ein Scanner einen verkleinerten Kontaktabzug, der alle Negative eines Filmes auf einen Blick zeigt. An dieser Stelle hat die Zukunft der Farbfotografie bereits begonnen: Während die großen Printer bis zu 10 000 Fotos pro Stunde noch auf herkömmliche Weise mit Linse und Licht aufs Papier projizieren, arbeiten die Photoindex-Printer bereits wie Computer-Drucker. Das Negativ wird im Scanner abgetastet, das Positiv dann per Laserstrahl reproduziert. „Das wird die Zukunft der gesamten Bilderherstellung sein“, sagt Meyer. Wobei auch bei der klassischen Projektion bereits jede Menge Elektronik im Spiel ist: Jedes einzelne Negativ wird elektronisch geprüft und anhand dieser Meßwerte belichtet.
Manches Mal hat aber auch die modernste Technik ihre Grenzen. Die Sonnenfinsternis vom August beispielsweise hat die Cewe-Leute ganz schön durcheinandergebracht. Zu Tausenden trudelten die „Sofi“-Bilder bei Cewe Color ein. Und immer wieder stand die Elektronik still: Welcher Computer kann schon ahnen, daß der dunkle Fleck auf graublauem Grund ein Jahrhundertereignis und keine Fehlbelichtung ist? Experimentelle Fotomotive wie das der Sonnenfinsternis zählen aber eher zu den Ausnahmen in der bundesdeutschen Bilderwelt. Stefan am Strand, Agathe vor der Akropolis, die Kinder beim Eisessen, Tante Martha und die Katzen von Mallorca – die Motive bleiben, nur Personen und Orte wechseln. Des Deutschen Fotografiervergnügen ist fest gefügt: 48 % greifen vor allem im Urlaub zur Kamera, 16 % bei Feiern und Festen, 15 % fotografieren am liebsten die Familie, 11 % knipsen bei Geburtstagen.
Zu Tausenden ziehen sich die Fotografien in diesem Format auf scheinbar endlosen Papierschlangen durch die Trocknungsschränke, kaum daß sie den Printer und die anschließende Entwicklungsmaschine verlassen haben. Daß trotz des Bilderberges am Ende kein Chaos entsteht, wenn der Cutter automatisch die einzelnen Bilder schneidet, liegt an der perfekten Logistik. Was für den Kunden die schönste Erinnerung bedeutet, ist für das Großlabor schlicht eine Nummer und ein Strich-Code. Mit dem Zip-Label werden sowohl der Film als auch die Einlieferungstüte des Kunden markiert, die über Nacht durch eine ausgeklügelte Transportkette aus ganz Norddeutschland und Holland nach Oldenburg gebracht werden. Den ganzen Produktionsprozeß durchlaufen Filme und Tüten parallel – der Film durch die Maschinen, die Tüten an der Seite vorbei. Wehe, wenn jemand etwas durcheinanderbrächte. Wenn Petra Fernandez am Ende des rund dreistündigen Prozesses Bilder, Negative und Tüten wieder zusammenführt, muß sie darauf vertrauen, daß das System funktioniert hat. Etwas anderes bliebe ihr auch kaum übrig: Sie hat ja schon keine Zeit, sich einzelne Fotos anzusehen, geschweige denn, den Bilderberg zu sortieren.
WOLFGANG HEUMER
Bilder von der Sonnenfinsternis bringen im Labor die Elektronik durcheinander: Welcher Computer kann schon ahnen, daß der dunkle Fleck keine Fehlbelichtung ist?
Die Qualität der Prints, die aus der Entwicklungsmaschine kommen, wird stichprobenartig geprüft.
Nur wenig Personal ist noch nötig, um fehlgeleitete oder unleserliche Fototüten manuell in die Händlertaschen zu sortieren. Die Fehlerquote liegt bei rund einem Promille.
Maschinen, soweit das Auge reicht: Die 6500 Fotos jeder Rolle werden maschinell geschnitten und gestapelt. Die Operateurin sortiert Negative und Vergrößerungen in die Tüte des Kunden zurück.

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