Medien 15.10.2010, 19:49 Uhr

„3-D-TV wird noch einige Zeit brauchen“

Abe Peled, langjähriger Chef des Verschlüsselungs- und Middleware-Anbieters NDS, setzt auf dem deutschen Markt auf Hybridboxen und Zusatzdienste, die via Smartphones und Tablet-PCs abgerufen werden können. HbbTV dagegen ist für ihn ein „sehr einfacher Standard“, und auch die Zukunft von 3-D-TV sieht er eher gelassen.

VDI nachrichten: NDS hat bei Kabel Deutschland im Mai dieses Jahres das erste CI+-Modul eingeführt. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Peled: Der deutsche Markt überrascht mich immer wieder. Es überrascht mich deshalb, weil das Modul genauso viel kostet wie ein einfacher Receiver, aber keine zusätzlichen Funktionen wie etwa einen Programmführer mitbringt. Nirgendwo in der Welt hat sich CI+
durchgesetzt. Aber wenn unsere Kunden es wünschen, liefern wir es natürlich gern. Offensichtlich ist es ein bequemer Weg, HD-TV-Geräte mit einem Pay- Service auszustatten. Ich kann Ihnen keine Zahlen nennen, aber es wird angenommen.

Wie wichtig ist der deutsche Markt für NDS?

Deutschland ist der einzige bedeutende westliche Markt, der in puncto Digital-TV noch unterversorgt ist. Wir sehen hier sehr große Wachstumschancen. Sicher, viele Leute stehen hier Bezahlmodellen noch immer skeptisch gegenüber. Ich glaube aber, dass die neuen technischen Möglichkeiten wie HDTV, Personal Video Recorder und die Entwicklung hin zum vernetzten Medienerlebnis zu Hause auch die Pay-Modelle voranbringen.

Sie realisieren gemeinsam mit Technologiepartnern wie Intel, Nagravision und Samsung für Liberty Global ein neuartiges Multimedia Home Gateway. Zentrales Element ist eine Art „Superbox“. Welche Rolle spielen Sie in diesem Projekt?

NDS liefert die Middleware MediaHighway mit dem neuen Snowflake-User-Interface. Der Receiver ist nicht nur eine Hybridbox, die sowohl Fernseh- als auch IP-Signale empfangen kann. Die Box ist auch in der Lage, sämtliche Inhalte an andere Geräte im Haus weiterzuverteilen. Das System soll in der ersten Hälfte 2011 zunächst in Holland eingesetzt werden. Das Projekt ist wegweisend, denn zum ersten Mal verbaut Intel einen leistungsstarken Chip für diese Art von Boxen – somit funktioniert sogar Flash10 oder HTML5. Im Hinblick auf CPU-Leistung und Graphik geht die Box schon fast in Richtung PC.

Einen ähnlichen Fokus hat ein gemeinsames Projekt mit Vodafone, das auf der IFA und der IBC vorgestellt wurde.

Ja, auch das ist eine sehr interessante Hybridlösung. Mit „Vodafone TV“ können die Zuschauer Internet-TV via DSL empfangen und zeitversetztes Fernsehen in HD-Qualität nutzen. Dabei müssen sie aber nicht auf ihre vertrauten Sat- oder Kabelprogramme verzichten. Das „Vodafone Connected Home“ vernetzt sich darüber hinaus mit anderen Geräten, wie Smartphone, Computer oder Tablet-PC.

Inwiefern beeinflusst der „Apple-Trend“ die Entwicklungen von NDS?

Apple hat gezeigt, wie wichtig eine einfache Handhabung und das Design, also die „User Experience“, sind. Manchmal ist das den Leuten inzwischen sogar wichtiger als die Funktion, deshalb ist dieser Trend so mächtig. Das beeinflusst natürlich auch die Benutzeroberflächen und die Schnittstellen zum Zuschauer. Bei den User-Interfaces waren wir diesem Trend jedoch schon weit voraus – „Snowflake“ erhielt bereits seit der IBC im vergangenen Jahr mehrere Preise, seit mehr als drei Jahren haben wir an dem reduzierten, aber funktionalen Design gearbeitet. Aus unserer Sicht sind die Inhalte noch immer am wichtigsten. Aber wir glauben, dass es ein Wettbewerbsvorteil sein kann, wenn man ein angenehmes, einfaches und ästhetisches Nutzererlebnis schafft.

Ein neues, hybrides Fernseherlebnis soll auch der Standard HbbTV schaffen. Was halten Sie davon?

HbbTV ist ein sehr einfacher Standard, verglichen etwa mit den Möglichkeiten von HTML5. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehveranstalter machen hier gerade eine Menge – aber sie haben auch einmal viel Zeit damit verbracht, MHP-Applikationen zu schreiben. Ich habe in zwölf Jahren interaktiven Digital-TVs gelernt, dass die Killer-Anwendung für interaktives Fernsehen schlicht gutes Fernsehen ist. Es geht nicht darum, ob ich auch noch eine Pizza am TV-Schirm bestellen kann. Alle in der Branche haben viele sinnlose Dinge versucht, auch wir.

Wir konzentrieren uns nun darauf, Geräte mit einzubinden, die sowieso schon vorhanden sind – z. B. iPads oder Smartphones. Anstatt die anderen Zuschauer zu stören, kann ich damit viel leichter Zusatzinformationen abrufen oder in sozialen Netzwerken aktiv sein. Wir verlinken den Kontext und transportieren die Metadaten via WiFi zu den Devices. Den Rest kann der Zuschauer entscheiden.

Wie sehen Sie die Zukunft von 3-D-TV?

Für viele ist es ein großartiges Fernseh-Erlebnis. 3-D erweitert das Unterhaltungsangebot als ein Teil von vielem. Es wird aber noch eine Weile dauern, bis es genug gute Inhalte gibt. Auch die Kameraleute müssen geschult werden, damit den Zuschauern nicht schwindlig wird. Genau wie HD wird auch 3-D noch eine Zeit brauchen, bis es in großem Stil kommt. Ich glaube auch nicht daran, dass sämtliche Programme in 3-D ausgestrahlt werden, sondern es geht um gewisse Einstellungen oder Events, die man dreidimensional erleben möchte.

Sie entwickeln auch eine Lösung für E-Publishing. Was können Magazinmacher vom Pay-TV lernen?

Das einzige Unternehmen, das mit Onlinezeitungen Geld verdient, ist Google mit den Google-Ads. Ansonsten springt die Werbung hier im Internet nicht an. Tablet-PCs könnten eine Möglichkeit sein, Pay-Modelle zu etablieren. Denn ein Tablet bietet ein ähnliches Lese-
erlebnis wie eine gedruckte Zeitung, auch ich lese das Wall Street Journal auf dem iPad. Wir experimentieren damit, eine Art Print-App aufzubauen, weil wir die technischen Tools haben. Das ist dann fast so, als würde ich Inhalte auf einen Personal Video Recorder schicken. Das könnte wiederum eine Basis für die Print-Branche sein, neue Werbeformen anzubieten, die für Werbekunden interessanter sind.

SIMONE FASSE

Von Simone Fasse

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