Embedded World 2016 23.02.2016, 07:32 Uhr

Eine metergenaue Wetterkarte aus Daten von Scheibenwischern

Alles spricht von Industrie 4.0 und eingebetteten Systemen. Maschinen reden miteinander, und auf dem Tablet können Ingenieure Maschinendaten abrufen. Doch was hat man konkret davon? Das haben wir den Industrie 4.0-Spezialisten Dr. Moritz Gomm von der Ingenieurgesellschaft Zühlke Engineering gefragt.

Vernetzung am Arbeitsplatz bei Bosch: Zunehmend ermöglicht die Vernetzung von Maschinen, dass Techniker auch über große Distanzen Maschinen überwachen und sogar reparieren können. Die Techniken dazu werden gerade auf der Embedded World gezeigt.

Vernetzung am Arbeitsplatz bei Bosch: Zunehmend ermöglicht die Vernetzung von Maschinen, dass Techniker auch über große Distanzen Maschinen überwachen und sogar reparieren können. Die Techniken dazu werden gerade auf der Embedded World gezeigt.

Foto: Daniel Maurer/dpa

Wenn am Dienstag die Embedded World in Nürnberg eröffnet, dann diskutiert die Branche die neuesten Trends und Möglichkeiten eingebetteter System. Doch was haben denn die Unternehmen konkret davon? Ja, die Produktion wird transparenter, flexibler, schneller, günstiger, individueller. Darf es ein bisschen konkreter sein?

Ingenieur.de: Herr Dr. Gomm, Sie werden auf der Embedded World über die Möglichkeiten der Industrie 4.0 informieren. Aber ist es denn nicht so, dass es in Deutschland ein riesiges Erfahrungswissen gibt? Die Leute kennen ihre Maschinen ganz genau, sie hören, wenn sich ein Defekt ankündigt, sie wissen, was zu tun ist, wenn etwas hakt.

! Gomm: Das stimmt. Bei der Bedienung von Maschinen gibt es noch sehr viel Handarbeit. Die Leute kennen ihre Maschine ganz genau. Sie können schon am Geräusch erkennen, dass bald ein Defekt auftritt oder die Maschine ausfällt.

Ingenieur.de: Warum wollen Sie das ersetzen?

! Gomm: Durch Digitalisierung lässt sich dieses Erfahrungswissen sichern und viel stärker nutzen. Wenn die Maschine vernetzt ist und alle Daten zusammenfließen, kann künftig auch ein digitales Expertensystem Fehler und Defekte frühzeitig erkennen.

Ingenieur.de: Es heißt immer, dass Vernetzung Abläufe effizienter macht. Haben sie mal ein konkretes Beispiel?

Durch eine App wird aus einem 17-jährigen Azubi ein Experte mit 25 Jahren Berufserfahrung: Dr. Moritz Gomm ist Internet-4.0-Experte bei der Ingenieurgesellschaft Zühlke.

Durch eine App wird aus einem 17-jährigen Azubi ein Experte mit 25 Jahren Berufserfahrung: Dr. Moritz Gomm ist Internet-4.0-Experte bei der Ingenieurgesellschaft Zühlke.

Foto: Zühlke

! Gomm: Wir haben die Radlader und Kräne eines Baumaschinenherstellers vernetzt. Im Fall eines Defekts können die Ingenieure also schon vor der Reise an den Einsatzort den Fehler checken und haben deshalb die richtigen Ersatzteile und Elektronik dabei. Teilweise lassen sich die Fehler sogar online beheben.

Ingenieur.de: Und wie viel effizienter ist das in Zahlen?

! Gomm: Die Zahl der Serviceeinsätze vor Ort ist um ein Drittel gesunken. Und die Einsätze sind deutlich kürzer.

Ingenieur.de: Warum sind die Einsätze kürzer?

! Gomm: Früher haben die Techniker, bevor sie eingeflogen sind, nur mit den Maschinenführern telefonieren können. Da konnten sie den Fehler zwar eingrenzen. Doch was wirklich defekt ist, war nicht klar. Jetzt können sie sich online ein genaues Bild machen, haben die wirklich richtigen Bauteile dabei und brauchen nicht wie früher auf der Baustelle rumsitzen, bis das Ersatzteil eintrifft. Das spart Zeit und Geld.

Ingenieur.de: Es gibt inzwischen Apps, die Techniker unterstützen, um beim Einsatz effizienter arbeiten zu können. Wie kann man sich das vorstellen?

! Gomm: Wir haben gemeinsam mit dem Pumpenhersteller KSB eine App entwickelt, die aus dem Geräusch einer Pumpe schließen kann, ob sie korrekt läuft oder einen Defekt hat.

Ingenieur.de: Das können Mechaniker auch. Die halten einen Schraubenzieher an Pumpe und Ohr, und hören ganz genau, wie es der Pumpe geht.

! Gomm: (mit einem Augenzwinkern)… aber durch die App machen wir aus einem 17-jährigen Azubi einen Experten mit 25 Jahren Berufserfahrung.

Volvo setzt die Datenbrille HaloLens von Microsoft in der Produktion und der Entwicklung ein. Jetzt zieht auch Volkswagen im Werk Wolfsburg nach.

Volvo setzt die Datenbrille HaloLens von Microsoft in der Produktion und der Entwicklung ein. Jetzt zieht auch Volkswagen im Werk Wolfsburg nach.

Foto: Volvo

Ingenieur.de: Auch so genannte AR-Brillen, die ins Blickfeld zusätzliche Informationen einblenden, bieten neue Möglichkeiten im Service. Aber was hat denn ein Techniker davon?

! Gomm: Bei der Reparatur einer Maschine kann der Techniker vor Ort im Fall eines Problems seine Kollegen in der Firmenzentrale zu Hilfe rufen. Die können über die eingebaute Kamera und den Internetanschluss dasselbe sehen wie der Techniker vor Ort und direkte Hilfestellung leisten.

Ingenieur.de: Wichtiges Thema auf der Embedded World ist ja auch die zunehmende Vernetzung von Autos. Was aber hat denn derjenige davon, der gerade nicht in einem Auto sitzt?

! Gomm: Stellen Sie sich mal vor, dass vernetzte Autos in Zukunft melden, wenn die Scheibenwischer eingeschaltet sind und mit welchem Tempo sie arbeiten? Sie hätten mit dem eingebauten GPS augenblicklich eine fast auf den Meter genaue Karte, wo es in Deutschland regnet und wo nicht.

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