Maschinenbau 22.10.2010, 19:49 Uhr

„Wir müssen den Kunden die Werte unserer Maschinen vermitteln können“

Manfred Wittenstein wurde am 8. Oktober turnusgemäß als Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Frankfurt/Main, abgelöst. Für die VDI nachrichten zog er eine persönliche Bilanz seiner dreijährigen Amtszeit. Er berichtet, wie er die Krise erlebt hat und warum die Globalisierung für die Branche essenziell ist.

VDI nachrichten: Herr Wittenstein, wie fällt Ihre persönliche Bilanz am Ende der VDMA-Präsidentschaft aus?

Wittenstein: In meiner Zeit als VDMA-Präsident habe ich aus rein konjunktureller Sicht Höhen und Tiefen gesehen. Manchmal hatte ich den Eindruck, die Konjunktur läuft im Zeitraffer ab. Aber es hätte schlimmer kommen können: Seit Sommer 2009 geht es mit dem Bestelleingang „Gott sei Dank“ wieder bergauf.

Es war eine wertvolle und faszinierende Zeit für mich. Ich habe Menschen kennengelernt, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Ich habe Einblicke erhalten, die man sonst nicht bekommt. Diese Horizonterweiterung ist von hohem Nutzen für mich und auch mein Unternehmen gewesen.

Welche Ihrer Ziele haben Sie erreicht und welche Punkte sind noch offen?

Vor drei Jahren bin ich angetreten mit dem Satz: „Der Schlüssel für die Zukunft heißt: intelligentes Produzieren in Deutschland – intelligentes Produzieren für die Welt!“ Ich glaube, dass es uns gelungen ist, den Maschinenbau als die Schlüsselindustrie in Deutschland zu positionieren. In der Krise haben wir auch bewiesen und in der Öffentlichkeit unmissverständlich dargestellt, dass die mittelständischen Unternehmen des Maschinenbaus zu ihren Standorten stehen und für ihre Mitarbeiter die volle Verantwortung übernehmen – selbst gegen die rein betriebswirtschaftliche Vernunft.

Wie vor drei Jahren gilt allerdings heute immer noch: Wir werden darum kämpfen müssen, unsere Position auf dem Weltmarkt zu halten und weiter auszubauen. Und dafür müssen wir noch stärker auf Effizienz, Qualität und Innovation setzen. Das erfordert, dass wir alle Möglichkeiten, all unsere Intelligenz nutzen müssen, um in Zukunft noch intelligenter produzieren zu können. Und ich wünsche mir, dass diese Botschaft alle Politiker in diesem Land erreicht, die mit dem Thema Bildung zu tun haben.

In einer Rede schilderten Sie die Notwendigkeit eines Lehrstuhls für das Marketing erklärungsbedürftiger Investitionsgüter. Was ist daraus geworden?

Wir haben die ersten Schritte gemacht und an der Dualen Hochschule in Mosbach eine Stiftungsprofessur eingerichtet. Mit der EBS (Universität für Wirtschaft und Recht, d. Red.) in Oestrich-Winkel sind wir ebenso die ersten Schritte gegangen, so dass wir in Zukunft einen Bachelorstudiengang und einen Masterstudiengang anbieten können. Aber solche Dinge brauchen ihre Zeit, weil sie nicht alltäglich sind.

Das heißt, dass aus Ihrer Sicht das Marketing künftig noch wichtiger wird?

Richtig. Man kann sagen, dass unsere Produkte früher einfach so gekauft wurden, weil sie made in Germany waren. Da war es unstrittig, dass wir die Besten sind. Aber heute ist die Welt anders. Wir dürfen uns nicht mehr nur auf made in Germany stützen, sondern müssen unseren Kunden die Werte unserer Maschinen vermitteln können, die nicht immer offensichtlich sind. Wenn uns das gelingt, dann sind wir auch in der Lage, die höheren Preise unserer Produkte am Markt zu rechtfertigen.

Welches Fazit ziehen Sie aus der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren?

Einerseits darf man sich nie in eine Position begeben, in der man schwach ist, denn wenn eine Krise kommt, dann haben sie kaum eine Chance, diese zu bestehen. Die nächste Krise kommt bestimmt. Daher müssen wir uns täglich fragen, wie wir uns aufstellen müssen und welche Szenarien uns realistisch erscheinen, um darauf hinzuarbeiten.

Ohne mentale Stärke werden Sie keine Krise bestehen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass so etwas auch in kürzeren Abständen immer wieder passieren kann.

Hätte Ihre Branche im Nachhinein noch etwas besser machen können?

Es gibt immer solche Punkte. Das liegt in der Natur der Sache, wenn Sie sich mit etwas identifizieren und es Ihnen Spaß macht. Aber man muss da unterscheiden zwischen den Ideen und dem, was letztendlich davon umsetzbar ist. Aber der Fundus ist groß und wir werden schauen, welche Schwerpunkte daraus in den folgenden Jahren entstehen.

Die Erleichterung durch die Kurzarbeit, die zusammen mit den Flexibilisierungsmöglichkeiten auf betrieblicher Ebene vielen Unternehmen erlaubt hat, ihre Stammbelegschaften weitestgehend zu halten, war dagegen ein richtiges Signal. Sie kann aber nicht nur der Politik zugeschrieben werden. Unsere Unternehmen haben sie mitfinanziert, ebenso wie die Mitarbeiter, die Lohneinbußen hinnehmen mussten.

Hat die Krise am Ende sogar geholfen, die Bedeutung der Branche wieder deutlicher zumachen?

Das war eines meiner großen Anliegen in dieser Präsidentschaft, zu zeigen, was in der Maschinenbauindustrie steckt, welche Einstellungen, welche Vorstellungen und letztendlich welche Potenziale. Ich denke, wir haben das rübergebracht und haben zeigen können, dass wir ein wichtiger Player im weltweiten Kontext der Produktionstechnologien sind.

Wir haben es auch verstanden, diese Botschaft der Politik nahezubringen. Auch wenn das nicht immer einfach war, weil die Produktion als Selbstverständlichkeit gilt, über die man nicht mehr reden muss. Außerdem konnten wir zeigen, wie wichtig unsere Branche für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ist und dass sie auch für Innovationen anderer Branchen verantwortlich ist.

In die Diskussion geriet zuletzt ja
auch die Globalisierung und Exportabhängigkeit. Wie stehen Sie dazu?

Die Globalisierung ist für den deutschen Maschinenbau unverzichtbar. Das liegt in der Natur unserer Produkte, weil wir spezialisierte Produkte herstellen. Das lässt sich in Kleinststückzahlen in einer Manufaktur machen, dann wird es aber unbezahlbar, wenn wir den Absatz nur in Deutschland und Europa hätten. Wir brauchen größere Stückzahlen und das geht nur über die Globalisierung.

Durch die Globalisierung erhalten wir auch zusätzliche Einblicke, wie wir unsere Produkte weiterzuentwickeln haben – in einer viel breiteren Form, als das beschränkt auf Deutschland möglich gewesen wäre.

Für uns ist Globalisierung daher eine Überlebensfrage. Das ist allerdings nicht neu für uns, das machen wir schon länger mit Erfolg.

Unser Vorteil ist, dass wir den Prozess mit der weltweiten Abstimmung kennen. Durch die Globalisierung hat sich nur das Tempo erhöht. Für jemanden, früher wenig damit zu tun hatte, ist es natürlich ein großer Schritt, das aufzuholen.

Lässt sich mit Blick auf andere ehemalige Industrienationen abschätzen, wo der deutsche Maschinenbau heute stünde, wenn er sich nicht so konsequent der Innovation und der Globalisierung verschrieben hätte?

Sie sehen es an anderen traditionellen Ländern wie Großbritannien und den USA, was passiert, wenn sie nicht mehr an sich selber glauben oder das Denken in eine andere Richtung bringen. Da ist speziell das Thema Dienstleistung zu nennen. In den 80er-Jahren wurde die Idee des Wandels in eine Dienstleistungsgesellschaft überall aufgegriffen.

Hier in Deutschland, vielleicht auch durch unsere mittelständisch geprägte Industrie, haben wir uns davon nicht so anstecken lassen. Unsere Unternehmen haben trotz der schwierigen Zeit an sich geglaubt und haben frühzeitig dagegengesteuert. Sie haben gesagt, in Deutschland kann man produzieren und innovieren. Diese Einstellung der Industrie, die bei der Politik nicht so präsent war, hat dazu geführt, dass wir wieder Tritt gefasst haben und jetzt sogar ein Wachstum im industriellen Sektor verzeichnen, gegenüber allen anderen OECD-Staaten.

Sie haben sich intensiv mit dem Wachstumsmarkt China beschäftigt. Welche wesentliche Erkenntnis können Sie den Maschinenbaufirmen in Deutschland mit auf den Weg geben?

Ich möchte mich nicht allein auf China beziehen. Generell ergeben sich im Prozess der Globalisierung große Märkte, die in den kommenden zehn, zwanzig oder sogar dreißig Jahren bedeutend sein werden. Wir müssen uns strukturell so aufstellen, dass wir die entstehenden Märkte auch vernünftig bedienen können.

Das bedeutet auch, dass wir vor Ort sein müssen, um Prozesse mit unseren Kunden noch schneller abwickeln zu können. Das heißt aber nicht, dass wir hier alles verlieren werden. Die Funktion der Zentrale in Europa wird aber sicher eine andere werden. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Ich denke, dass wir langfristig sogar davon profitieren werden.

Eine Studie des PTW zusammen mit McKinsey von 2009 sieht Deutschland als Produktionsstandort am Scheideweg. So seien sowohl deutlicher Abbau von Arbeitsplätzen bis 2020 als auch ein erheblicher Aufbau möglich. Was halten Sie für realistisch?

Ich bin Optimist und denke, wenn wir innovativ bleiben und immer vorne dabei sind, dann werden wir immer begehrte Partner für andere Länder sein. Entscheidend ist, dass wir durch unsere Präsenz in Deutschland auch die Wettbewerbsfähigkeit anderer Industriezweige steigern. Nach der derzeitigen Entwicklung sehe ich eher die Chance, hier unsere Arbeitsplatzpotenziale weiter auszubauen. Das wird zwar nicht einfach. Aber wenn wir das klug machen, ist das realistisch.

Wir haben gerade den 20. Jahrestag der Deutschen Einheit gefeiert. Was bedeutet das für Sie?

Ich verbinde damit eine große Dankbarkeit. Ich habe selbst in Berlin studiert und mitbekommen, was es bedeutet, regelmäßig durch die damalige DDR zu fahren. Das waren mühselige und erniedrigende Prozesse. Auch wenn nicht alles glatt läuft und auf beiden Seiten Erwartungen unerfüllt blieben, haben wir viel erreicht. Bei aller Kritik können wir daher stolz darauf sein, dass uns die Wiedervereinigung insgesamt so gut gelungen ist.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger im VDMA-Präsidentenamt, Thomas Lindner, mit auf den Weg?

Es kommt immer anders, als man denkt. Es wird auch künftig Konjunkturkrisen geben, die in der Heftigkeit der Ausschläge tendenziell zunehmen werden. Da brauchen wir Werkzeuge, die uns helfen, schnell zu reagieren. Das wird ein Dauerthema sein. MARTIN CIUPEK

Ein Beitrag von:

  • Martin Ciupek

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Maschinen- und Anlagenbau, Produktion, Automation, Antriebstechnik, Landtechnik

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