Maschinenbau 02.07.1999, 17:22 Uhr

Wer sich nicht spezialisiert, den bestraft der Kapitalmarkt

Der Maschinenbau ist eine dynamische Branche – zumindest bei Firmenkäufen- und -verkäufen. Die aktuelle Entwicklung analysiert im folgenden Michael Schäfer vom Betriebswirtschaftlichen Institut der Universität St. Gallen.

Schon seit längerem zählen die deutschen Maschinenbauer mit regelmäßig über 200 Beteiligungskäufen und -verkäufen pro Jahr zu den aktiven Playern auf dem Markt für Unternehmensbeteiligungen.
Auslöser des Restrukturierungstrends ist der zunehmende Druck, den der Kapitalmarkt auf die Unternehmen ausübt. Das angelsächsische Denken, das eine großzügige Verzinsung des eingesetzten Kapitals in den Vordergrund stellt, wird auch hierzulande zur handlungsleitenden Maxime.
Damit verbunden ist eine Abkehr von breit aufgestellten Konzernen, in denen die Risiken der verschiedenen Geschäftsfelder austariert und notleidende Bereiche gegebenenfalls durch Quersubventionen gestützt werden. Stattdessen orientiert man sich heute überwiegend an der Vorstellung, daß das Top-Management nur eine geringe Zahl an Geschäften gründlich verstehen kann. Auf diese müsse man sich deshalb konzentrieren, auf ihnen gelte es eine weltweite Führungsposition zu erreichen, so die herrschende Managementlehre. Die starke Stellung soll den Konzernen erlauben, den Markt mitzugestalten und – damit schließt sich der Kreis – die von den Kapitalgebern geforderte Rendite zu erzielen.
Zu den Vorreitern dieser Strategie zählt die Thyssen Krupp AG. Beide haben sich im Vorfeld des Zusammenschlusses von Randgeschäften mit einem Umsatz von jeweils 10 Mrd. DM getrennt. Gerade bei Thyssen hat man bei der Portfoliobereinigung eine hohe Systematik entwickelt: In einem ersten Schritt trennt man sich von den Aktivitäten, die nicht mehr in das strategische Konzept passen, danach folgen jene Bereiche, die die unternehmensintern geforderte Mindestverzinsung nicht erzielen.
Ähnlich wird nun auch bei Thyssen Krupp vorgegangen. Alle Aktivitäten, die sich derzeit in 21 Geschäftsfelder in den Bereichen Stahl, Automobilzulieferung, Industrie, Anlagenbau sowie Werkstoffe und Service aufgliedern, sollen auf den Prüfstand gestellt werden. Was derzeit noch zu den Randaktivitäten zählt, wird bei ausreichendem Potential zum Kerngeschäft ausgebaut. Bereiche mit ungenügendem Wachstum werden zum Verkauf gestellt.
Am Ende dieser Portfoliobereinigungen wird Thyssen Krupp jedoch nicht als Ein-Sparten-Unternehmen dastehen. Trotzdem verbindet man mit den anstehenden Restrukturierungsmaßnahmen die Erwartung, daß der zur Zeit auf dem Aktienkurs lastende „Conglomerate Discount“ (Abschlag, mit dem der Kapitalmarkt stark diversifizierte Konzerne bestraft) wegfällt oder sich zumindest spürbar reduziert.
Der eingeschlagene Weg ist noch weit und bisher nur teilweise vorgezeichnet. So bestehen feste Verkaufspläne bisher lediglich für die Langprodukte beim Stahl sowie für die Spundwandherstellung von Hoesch. Im Werftenbereich gibt es zwar keinen konkreten Handlungsbedarf, attraktiven Kaufangeboten würde man sich jedoch nicht verschließen. Mehr Klarheit wird für den Herbst erwartet, wenn sich der Aufsichtsrat mit den Ergebnissen der laufenden Strategiediskussion beschäftigt.
Die frei werdenden Mittel aus den Unternehmens- oder -bereichsverkäufen sollen sowohl für das interne Wachstum als auch für Akquisitionen in den Kernbereichen verwendet werden. Weiter wachsen will man beim Stahl. Hier soll die Position bei den Service Centern, bei Feuerverzinkungsanlagen und bei der Herstellung von laserverzinkten Blechen ausgebaut werden. Auch im Großanlagenbau, wo man bereits zu den zehn größten Anbietern weltweit zählt und bei den Aufzügen will der Konzern – vorwiegend durch Zukäufe – weiter wachsen.

Babcock-Borsig kauft ein,um sich neu zu positionieren

Gerade der Ausbau des Aufzugsbereichs wurde in der Vergangenheit mit Unternehmenskäufen forciert. Den vorerst letzten Höhepunkt bildete die Anfang des Jahres erfolgte Übernahme der US-amerikanischen Dover Elevators für rund 1,8 Mrd. DM. Damit erhöhte die Thyssen Industrie AG den Bereichsumsatz auf 5 Mrd. DM und festigte zugleich seine Position unter den führenden Anbietern weltweit.
Direkt an die Weltspitze in wichtigen Segmenten des hart umkämpften Textilmarkts setzte sich die Moenus Textilmaschinen AG durch den Zusammenschluß mit der schweizerischen Benninger Holding AG. Die neue Gesellschaft wird als Babcock Benninger Textilmaschinen AG firmieren und kommt auf einen Umsatz von rund 750 Mio. DM. Die Anteilsmehrheit wird von der Moenus-Mutter Babcock-Borsig gehalten, mit weiteren 27,5% wird der frühere Benninger-Alleininhaber Charles Peter beteiligt sein. Die neue Gesellschaft ist Weltmarktführer auf den Gebieten der Webereivorbereitung und der Naßtextilveredelung.
Diese Transaktion bildet jedoch nur einen Baustein im Rahmen der Restrukturierung und Neupositionierung von Babcock-Borsig. Darüber hinaus erwarb man von Preussag im Anlagenbau die Preussag Noell GmbH und die Preussag Wasser und Rohrtechnik GmbH sowie 50% der Howaldtswerke-Deutsche Werft AG. Im Gegenzug wird Preussag mit 30% an Babcock beteiligt, allerdings soll dieses Engagement nur vorübergehend eingegangen werden.
Des weiteren hat Babcock mit der österreichischen VA Technologie Holding die Fusion der Bereiche Thermische Kraftwerkstechnik vereinbart. Schließlich konnte Babcock die seit langem angedachte Übernahme von 74,9% des Kraftwerkstechnik-Anbieters Steinmüller von der Philipp Holzmann AG realisieren. Durch diese Maßnahmen soll vor allem die für das Überleben im globalen Kraftwerksmarkt nötige Größe erreicht werden.
Die getätigten Zukäufe verfehlen ihre Wirkung nicht. Nach Jahren ständiger Rückschritte hat Babcock laut Konzernchef Lederer nun wieder eine Vorwärtsstrategie eingeschlagen und kann seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um beachtliche 70% auf rund 14 Mrd. DM steigern.
Mit einer Milliardenakquisition im Ausland macht die Heidenheimer J.M. Voith AG auf sich aufmerksam. Das Kerngeschäft Papiertechnik wird – soweit die Transaktion nicht durch die zuständigen Kartellbehörden untersagt wird – mit der Übernahme zweier Geschäftsfelder von der britischen Scapa Group plc weiter ausgebaut. Im Bereich Bespannungstechnik für Papiermaschinen wird der bisherige Umsatz von 175 Mio. DM auf knapp 700 Mio. DM erhöht. Neu ist der Bereich Walzbeschichtungen und Service, in dem Scapa zuletzt 220 Mio. DM umsetzte. Voith wird mit der 920 Mio. DM teuren Akquisition zum Full-Liner im Bereich Papiertechnik und stärkt seine Rolle als Weltmarktführer in einem immer noch mittelständisch geprägten Segment.
Es bleibt zu hoffen, daß andere deutsche Maschinenbauunternehmen diesem Beispiel folgen. Denn nach wie vor gibt es gibt es hinsichtlich der internationalen Präsenz deutscher Maschinenbauunternehmen Defizite. Zwar wird nach Angaben der Fachzeitschrift M&A Review bei fast jeder fünften Akquisition ein ausländisches Unternehmen erworben, allerdings liegt diesem Anteil nun schon seit zwei Jahren hinter dem von ausländischen Käufen im Inland.
Und auch in einer zweiten Hinsicht besteht ein Nachholbedarf. Viele deutsche Unternehmen tun sich noch schwer, sich von Randbereichen zu trennen. Zu selten wird erkannt, daß diese Maßnahmen meist nicht nur vom Kapitalmarkt belohnt werden, sondern auch Ressourcen – sowohl finanzielle Mittel als auch Managementkapazität – für das Wachstum im Kerngeschäft freisetzen.
MICHAEL SCHÄFER
Thyssen Krupp-Chef Cromme: Will dem neuen Konzern ein klares Profil verschaffen.
Werftenkauf: Babcock-Borsig hat von Preussag 50 % der Kieler Howaldtswerke-Deutsche Werft AG erworben. Im Gegenzug wird Preussag mit 30% an Babcock beteiligt, allerdings soll dieses Engagement nur vorübergehend eingegangen werden.

Von Michael Schäfer
Von Michael Schäfer

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