Engineering 11.02.2005, 18:36 Uhr

Vor der Kunst kommt das Engineering

VDI nachrichten, New York, 11. 2. 05 -Ob die 7500 Tore, die ab morgen den New Yorker Central Park symbolisch verhüllen, Kunst sind oder nicht, darüber werden die New Yorker, die Touristen und die Kunstkritiker noch lange streiten. Doch dass das Projekt eine ingenieurmäßige und logistische Meisterleistung ist, steht schon jetzt fest.

Es ist fünf Uhr morgens, doch in den sieben weißen Containern mitten im ruhigen Central Park ist bereits Betrieb wie auf einer Großbaustelle. Aus einem der vielen Walkie-Talkies auf dem Tisch kräht eine Stimme: „Der Truck kommt nicht um den Bogen am Reservoir, die Kurve ist zu eng.“ Bautruppführer Ron Vincy schnappt sich das Gerät und diskutiert mögliche Lösungen mit dem Fahrer und einem seiner Leute vor Ort.
Vincy ist verantwortlich für den Aufbau der „Gates“ im Baubereich VI von Christos und Jeanne-Claudes Central Park-Verhüllung. Insgesamt sind die 3,4 km², auf die sich das Projekt verteilt, in sieben Bereiche gegliedert.
Die Gesamtaufsicht darüber hat der 68-jährige Vince Davenport, der das Künstlerpaar Christo und Jeanne Claude schon seit vielen Jahren begeleitet und Krisenmanagement gewohnt ist. „Das Central Park-Projekt ist ein logistischer Albtraum“, sagt er über die vielen Auflagen, den Termindruck und die Widrigkeiten des Wetters.
Die Tieflader durften nur frühmorgens anliefern. Und zwar ohne Lärm und ohne dass ein Baum, ein Strauch oder ein Stück Wiese beschädigt werden. „Ich hatte schon Halluzinationen, manchmal sah ich Rasenschäden, obwohl nur herabgefallene Äste herumlagen“, erinnert sich Vincy.
Für „The Gates“ wurden 5000 t Stahl, etwa zwei Drittel der Stahlmenge des Eiffelturms, auf 220 Tiefladern angeliefert. Hinzu kamen noch die 22 500 Streben für die Tore, die später die „Gates“ bilden. 1100 Mitarbeiter mit 34 Gabelstaplern und 100 Walkie-Talkies standen Davenport für den Aufbau zur Verfügung. Und wie in New York üblich, so werden vermutlich auch hier die veranschlagten gut 20 Mio. $ nicht ausreichen.
Die Verhüllung des Central Parks besteht aus 7500 Toren, die in dichter Folge aufgestellt sind. Insgesamt säumen die Torpfeiler 37 km Fußwege auf beiden Seiten des Parks. Jedes Tor besteht aus winkelverstärkten Plastikstreben, die in zwei 300 kg bis 350 kg schweren Stahlblöcken verankert werden. Vom oberen Querbalken hängen safranfarbige Tücher aus Polyamid herab, deren Bewegungen im Wind sich aus der Vogelperspektive zu einem Flussbild fügen.
Dieses Gesamtbild ist auch der Grund, warum das Projekt im Februar realisiert wird. Nur dann sind alle Bäume so stark entlaubt, dass man durch die Zweige die Fahnen im Wind sehen kann.
Einige von Davenports Mitarbeitern sind langjährige Weggefährten, doch die meisten sind neu dabei, wie John Camp aus Queens, der sonst in einem Bautrupp der Stadt arbeitet. „Das hier ist ein Traumjob für mich – nicht, weil ich gerne bei Minusgraden im Freien bin, sondern weil ich schon immer im Central Park arbeiten wollte. Und dann an so einem tollen weltberühmten Projekt“, freut er sich, während er sich im „Boathouse“ über eine heiße Suppe hermacht. Doch die kann er nicht zu Ende essen, denn über das Walkie-Talkie ruft ihn sein Chef zu einem beschädigten Sockel.
Die warme Mittagsmahlzeit ist für alle Beschäftigten ein fester Vertragsbestandteil. An dem Projekt arbeiten keine Freiwilligen, sondern nur fest angestelle Mitarbeiter. „Wie kann man jemanden unfallversichern oder ihn zur Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit ermahnen, wenn man ihn nicht korrekt entloht“, gibt Davenport als Grund an.
Während des Aufbaus erwies sich das Wetter als sein größter Widersacher. Zwar war es in den ersten Januartagen mit Temperaturen über null für New Yorker Verhältnisse relativ mild, sodass der Aufbau gut voranging, doch das Glück währte nicht lange. „Wir waren dem Zeitplan zehn Tage voraus, als uns am 22. Januar der erste Blizzard mit Schnee und minus 20 Grad voll erwischte“, berichtet Davenport über seinen Kampf gegen das Wetter. Da die Gabelstapler nicht im Schnee oder auf Glatteis fahren können, standen alle Räder für die folgende Woche still.
Als der Schnee endlich geräumt war und die Temperaturen leicht anstiegen, musste die verlorene Zeit mit vielen Überstunden aufgeholt werden. Inzwischen ist man längst wieder im Zeitplan. Falls keine neue Schneefront über New York hereinbricht, werden alle Tore planmäßig am morgigen Samstag fertig sein und dann für 16 Tage eine weltweit beachtete Touristenattraktion bieten. Mit 500 000 Besuchern rechnet New York. Der Stadtkasse wird der Ansturm Mio. $ an zusätzlichen Steuereinnahmen bescheren.
Schon beim Aufbau hatte sich gezeigt, dass New Yorks Touristen weitaus mehr über das Projekt wissen als viele Einheimische. „Ich bin zwar nur dieses eine Wochenende in New York, aber den Aufbau hier muss ich mir trotz des kalten Windes anschauen“, sagt Belinda Moore aus einer Kleinstadt in Oklahoma, die sich bei minus 17 Grad über die Vorbereitungen im Park informierte.
Bei den New Yorkern ist das Projekt umstritten. „Einige freuen sich, dass hier endlich auch im Winter mal was los ist, andere beschimpfen uns und würden am liebsten wohl die Stahlanker wegtragen, wenn sie nicht so schwer wären“, weiß Vincy aus seinem täglichen Umgang mit den streiterprobten New Yorkern. Doch die meisten wussten gar nicht was da aufgebaut wurde. „Viele haben uns gefragt, ob wir einen Zaun bauen oder einen Schutzwall gegen den Schnee auf den Fußwegen errichten“, erinnert sich Vincy.
Entsprechend groß ist auch der Argwohn bei vielen New Yorkern über die Projektfinanzierung. Viele meinen, dass Christos Aktion aus Steuergeldern bezahlt wird. Der Bürgermeister und die lokalen Medien haben alle Mühe, den Stadtbewohnern klar zu machen, dass alle Kosten des Projekts von den Künstlern übernommen werden – einschließlich der Sicherheitsüberwachung, der Wegereinigung sowie dem Recycling der Fahnen, Pfeiler und Stahlanker. Außerdem spenden sie noch 3 Mio. $ an die Central Park-Betriebsgesellschaft zur weiteren Parkerhaltung.
„Wenn hier die ersten Krokusse sprießen, wird es nicht mehr den geringsten Hinweis auf dieses Projekt geben. Der Park wird so sein, als hätte es The Gates nie gegeben“, versichert Davenports zuverlässigste Assistentin: seine Frau Jonita – bevor sie wieder schnell an eines der plärrenden Walkie-Talkies stürzt, um die nächste Krise zu meistern. HARALD WEISS

Von Harald Weiss
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