Maschinenbau 28.07.2000, 17:26 Uhr

Vom alten Heavy-Metal-Image ist nichts mehr zu spüren

In zehn Jahren will die Heidelberger Druckmaschinen AG 30 % des Umsatzes mit Service und Beratung machen – auf Ingenieure kommen neue Aufgaben zu.

Für einen Augenblick wirkt die größte Druckmaschinenfabrik der Welt, die Heidelberger Druckmaschinen AG am Standort Wiesloch vor den Toren Heidelbergs, richtig gemütlich. Kleine Elektromobile folgen brav den Gabelstaplern und Fahrradfahrern, man grüßt sich kopfnickend. Auch in der riesigen Werkshalle geht es beschaulich zu. Die wenigen anwesenden Arbeiter stemmen die Arme in die Hüften und verfolgen neugierig die Besuchergruppe. „Lassen Sie sich nicht täuschen“, mahnt jedoch Hans Willi Peters, der die Führung leitet, „morgens ist hier die Hölle los, aber gerade ist halt Schichtwechsel.“
Unterschätzt wird der Weltmarktführer für Druck- und Publishing-Lösungen schon lange nicht mehr. An schwere Krisen kann sich im Unternehmen kaum noch jemand erinnern, schon immer ging es dem Traditionsunternehmen blendend, „und genau das war unser Problem“, sagt Hans-Dieter Siegfried, Leiter der Fachpresse-Abteilung. Denn unter der Ägide des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden und heutigen Bahnchefs Hartmut Mehdorn begann das Unternehmen eine radikale Neuorientierung, „und das, obwohl es uns doch gut ging – das hat damals sicher nicht jeder verstanden“, so Siegfried weiter.
Sein Mitarbeiter Thomas Fichtl beschreibt die goldenen Zeiten so: „Wir hatten früher einen reinen Verkäufermarkt, in dem der Kunde bestellte und warten musste, bis wir schließlich liefern konnten.“ Doch Konjunkturtief und die wachsende Konkurrenz durch die elektronischen Medien krempelten die gesamte Branche um. Aus Angst, auf der Strecke zu bleiben, mussten die Druckereien reagieren.
Das Internet, anfangs als Flächenbrand für die Papiererzeugnisse gefürchtet, entpuppte sich dabei als neue Absatzquelle, denn auch Internet-Firmen oder E-Business-Kampagnen brauchen Drucksachen, zudem öffnet das Internet das Tor zu neuen Kunden. Konsequenz der Druckbetriebe: Angebotsausweitung, Organisationsumbau, Investitionen in technische Neuentwicklungen und ein neues Kundenverständnis, das zudem zu neuen Dienstleistungsangeboten als Komplettlösungen für den Kunden zwang. Und hier begann auch für Heidelberg ein neues Erfolgskapitel.
In einer Studie aus dem Jahr 1995 stellte sich heraus, dass die Branche schon damals reagiert hatte und ihre Geschäftstätigkeit längst von der reinen Druckleistung sowohl auf die Vorstufen (Prepress) wie Entwurfbearbeitung als auch die Weiterverarbeitung (Finishing) mit Schneiden, Falzen oder Fadenversiegeln ausgeweitet hatte. „Wie unsere Kunden, mussten auch wir über die Druckmaschine hinaus die gesamte Prozesskette als Fokus unseres Angebotes der Zukunft entdecken“, so Fichtl weiter.
Eine Entscheidung, mit der man Grenzen überwand. Das Geschäftsfeld wurde internationaler, neue ausländische Standorte kamen hinzu, zudem wurden durch Zukäufe neue Geschäftsfelder innerhalb der gesamten Prozesskette erschlossen, bei denen ein eigener Know-how-Aufbau zu lange gedauert hätte. So wurde im März 1999 zum Beispiel die Sparte Office Imaging von Eastman Kodak in Rochester, USA, übernommen. Innerhalb von fünf Jahren verdoppelte sich die Mitarbeiterzahl auf inzwischen über 24 000. „Es war der Abschied vom ehemaligen kurpfälzischen Unternehmen“, sagt Senior Vice President Helmut Schmidt.
Heidelberg, das Unternehmen lässt mit Blick auf den weltweit positiven Klang der Stadt den Rest des Firmennamens gern weg, so dass manchmal Touristen wegen der großen Heidelberg-Lettern versehentlich schon am Werk in Wiesloch aus dem Zug aussteigen, setzte sich damit an die Spitze einer Bewegung im Maschinenbau, die vor allem auf eine neue Generation von Ingenieuren baut.
„Wir brauchen nicht mehr nur den Experten im Kerngeschäft Maschinenbau“, so Schmidt weiter, „sondern Ingenieure, die mit modernen Tools wie CAD und Simulationen vertraut sind und zudem ein fachübergreifendes Denken in Richtung auf Elektronik und Softwareentwicklung beherrschen.“
Sein Beispiel: Wurde früher beim Papiertransport in einer Druckmaschine allein das mechanische Problem mittels Zahnräder und Gestänge gelöst, wird heute übergreifend die Funktion betrachtet und im Zusammenspiel der Aufgaben die gesamte Abwicklung samt softwaregesteuerter Elektronik optimiert. Mittlerweile nimmt Heidelberg die Ausdehnung der eigenen Kompetenz über die gesamte Verfahrenskette so ernst, dass sich Werksführer Peters fast entschuldigt, wenn er auf der Besichtigungstour noch Bausteine entdeckt, die nicht selbst entwickelt, sondern noch von außen zugekauft werden.
Veränderung lautet das Schlagwort, was auch für das Kerngeschäft gilt. Denn auch das Drucken ändert sich mit seinen Kunden und wird individueller, farbiger, schneller und geschieht vor Ort. Gut, wer diese Trends rechtzeitig erkennt. „Wir haben weltweit mehrere Entwicklungsstandorte mit 1700 Ingenieuren und Wissenschaftlern, die untereinander einen engen Informationsaustausch betreiben, um Synergien zu nutzen“, beschreibt Schmidt die Arbeit dieser „Trendforscher“.
So werden Netzwerke weit über die eigene Abteilung hinaus geknüpft, Auslandsaufenthalte an den ausländischen Standorten gefördert und ein umfangreiches Weiterbildungsangebot eingesetzt, um bei der technischen Entwicklung selbst den Ton anzugeben, anstatt reagieren zu müssen.
Wie ernst es Heidelberg damit ist, beweist allein die pünktlich zum 150. Firmenjubiläum im April eröffnete Print Media Academy, ein futuristischer, elfstöckiger Glaskörper mitten in der Stadt, der staunende Touristen am Empfang schon mal nachfragen lässt, was sich hier verberge. Die 80 Mio. DM Baukosten sieht Schmidt gut angelegt, denn „wir schulen hier neben Mitarbeitern auch Kunden, selbst die Konkurrenz und die Verbände nutzen unsere Akademie schon als Branchentreffpunkt in Sachen Weiterbildung“. Die optimistisch geschätzten 15 000 Besucher pro Jahr sollen den eigenen Ehrgeiz symbolisieren, permanent genau die neuen „Skills“ aufzubauen, die der rasante Technologiewandel immer wieder fordert.
So arbeitet man derzeit mit der Deutschen Telekom an einer globalen Transaktionsplattform für die Graphische Industrie, während mit Jenoptik soeben eine Kooperation im Bereich der digitalen Fotografie geschlossen wurde. Doch ausruhen will sich das Unternehmen auch darauf nicht. Nach der Akquisitionsphase im Zuge des erfolgreichen Börsengangs 1997, soll nun das Konzept des Lösungsanbieters weiter publik gemacht werden, das auf der letzten Fachmesse drupa im Mai bereits erste Erfolge bescherte.
Dass dabei Service und Beratung neben dem Digitaldruck zu den größten Wachstumsfeldern zählen, macht Hans-Dieter Siegfried deutlich, der erwartet, „dass wir in zehn Jahren mindestens 30 % unseres Umsatzes allein mit Service und Consulting machen werden“. Das alte „Heavy-Metal-Image von Heidelberg“ habe jedoch schon heute ausgedient. Stolz sagt er das, denn es ist wie in der Musikszene: Pures Heavy Metal ist inzwischen „out“. ANDREAS LEIMBACH
In der Zukunft angekommen: In ihrer spektakulären Print Media Academy schult die Heidelberger Druckmaschinen AG Mitarbeiter und Kunden. Für die Qualifizierung hat sich die Akademie als Branchentreff etabliert.

Von Andreas Leimbach
Von Andreas Leimbach

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