Engineering 12.12.2003, 18:27 Uhr

Vajna: „Das Wissen steckt nicht in Systemen, sondern in den Köpfen.“

Weit mehr als elektronisches Datenmanagement steckt für Prof. Sandor Vajna, Leiter des Lehrstuhls für Maschinenbauinformatik an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg, hinter dem Kürzel PLM. Zunächst muss für ihn der Informationsfluss im Unternehmen klar sein, macht er in Teil zwei unserer Serie deutlich.

Sandor Vajna: Der beste Lösungsansatz sind profunde Kenntnisse von Informationsbedarf und Informationsflüssen im Unternehmen und ein klares Konzept für die Informationsverteilung. Man muss bereits vor der Einführung von IT-Lösungen entscheiden, welche Informationen für wen wichtig sind und dabei festlegen, welcher Unternehmensbereich denn wann welche Aktivität, welches System und welche Information in welcher Güte benötigt. Damit kann man nicht nur die jeweils wesentlichen Informationen herausfiltern, sondern auch Informationskanäle gezielt so gestalten, dass wirklich nur die benötigten Informationen an den jeweiligen Empfänger kommen.

VDI nachrichten: Sprechen wir dann von speziellen Filtern z.?B. bei E-Mails?

Sandor Vajna: Mein Vorschlag bezieht sich auf das abteilungs- oder unternehmensübergreifende Bereitstellen von direkten und indirekten Produktdaten sowie weiterer Daten. Wenn beispielsweise die Fertigungsvorbereitung nur einen Teil einer Produktkontur für die Drehbearbeitung benötigt, dann wird vom Lieferanten eben nur diese Information angefordert und nicht das gesamte Produktmodell.

Zum Thema „E-Mail-Überflutung“ – da ist der Mülleimer das wichtigste Hilfsmittel. Davon sollte man auch reichlich Gebrauch machen und viel Mut zum Wegwerfen beweisen.

VDI nachrichten: Schlagworte wie Produktdatenmanagement – PDM – oder Produkt-Lebenszyklus-Management – PLM – prägen derzeit die Diskussion im Engineering. Was ist an der praktischen Umsetzung wirklich dran?

Sandor Vajna: Vorab: PDM ist nicht die erste Stufe von PLM, sondern eine Komponente davon, und PLM ist kein System. Vielmehr ist PLM eine Sichtweise, eine Vorgehensweise oder eben eine Philosophie. Hierbei geht es darum, über all das, was im Produktleben überhaupt passieren kann, zum frühstmöglichen Zeitpunkt zu entscheiden und das Produkt und sein Verhalten bereits in der Entwicklung so zu gestalten, dass später möglichst keine Überraschungen mehr passieren können. Zum Zeitpunkt der Fertigungsfreigabe – also noch im virtuellen Bereich der Produktentwicklung – sollte daher alles so weit wie möglich vorhergesehen und durchdacht sein, damit danach die Fertigung, die Montage, der Vertrieb, die Nutzung und der Service sowie (am Ende des Produktlebens) das Rückführen der gebrauchten Komponenten möglichst problemlos läuft. PLM ist also weitaus mehr als das reine Management von Produktdaten.

VDI nachrichten: Dennoch spielen die Produktdaten eine wichtige Rolle?

Sandor Vajna: Man kann sich PLM als ein Dreieck aus Produkt, Prozessen (die Abwicklung, Entwicklung, Herstellung und Nutzung umfassen) und Informationen bzw. Daten vorstellen. Das Dreieck ist eingebettet in das Wissen um die „Ecken“ dieses Dreiecks. Damit kommt den Produktdaten eine wichtige Rolle zu. Dabei müssen wir zwei Bereiche unterscheiden – den Bereich Produktentwicklung, also das Einsatzgebiet von PDM-Systemen, und den Bereich von Herstellung, Vertrieb, Controlling und Verwaltung, dem Einsatzgebiet von ERP-Systemen (Enterprise-Ressource-Planning). Bei PDM-Systemen ist der Durchdringungsgrad in der Industrie noch nicht ausreichend. Das mag auch damit zusammenhängen, dass hierbei leider häufig der klassische Fehler bei der Einführung von Systemen gemacht wurde – man kauft das System zuerst und fragt sich erst hinterher, was man damit machen möchte. Stattdessen muss man sich aber zunächst einmal klar werden, welche Informationen wo im Unternehmen entstehen – bei PDM zumeist in der Produktentwicklung –, welche Informationen welche Lebensdauer haben und wo sie benötigt werden, wo sie hinfließen und wo sie archiviert werden. Erst wenn dieser Informationsfluss klar ist, sollte man ein PDM-System kaufen.

Wird das PDM-System auf diese Art eingeführt, ergeben sich Aufgaben und Rollen der die Informationen zuliefernden CAx-, Optimierungs- und Berechnungssysteme sowie Systeme des Virtual Reality von selbst.

Bei der Übergabe von Informationen in andere Bereiche ist es ebenso wichtig zu fragen, welche Informationen von einem PDM-System zu einem ERP-System und umgekehrt wirklich benötigt werden. Wird die Schnittstelle richtig positioniert, z.?B. erst bei der Fertigungsfreigabe für eine bestimmte Version des Produkts, müssen nur wenige dispositive Daten übertragen werden. In diesem Zusammenhang verweise ich auf die VDI-Richtlinie 2219 zur Einführung und Wirtschaftlichkeit von EDM/PDM-Systemen, in der dieses Thema ausführlich behandelt wird.

VDI nachrichten: Jetzt steckt aber das Wissen nicht nur in Produktdatenbanken und IT-Systemen. Was gehört für Sie noch dazu?

Sandor Vajna: Nach meiner Meinung steckt das Wissen überhaupt nicht in Systemen. Wissen steckt in den Köpfen meiner Kollegen und Mitarbeiter. Für mich ist „Wissen“ eine angemessene Verknüpfung von Daten, Informationen und Regeln. Dabei beschreiben die Regeln, was mit den Daten und Informationen passieren kann, wie diese drei Komponenten untereinander verknüpft werden können und welche Zustände sie annehmen können. Erst im Kopf des Bearbeiters entsteht aus diesem Gebilde das Wissen.

Ich kann natürlich durch ein geschicktes Verwalten, Wiederfinden und Präsentieren der oben erwähnten Inhalte in geeigneten Speichern dazu beitragen, dass beim Mitarbeiter das Generieren von Wissen beschleunigt wird.

Leider entsprechen die Benutzungsoberflächen solcher Datenbanken (und somit ihre Nutzungsmöglichkeiten) nicht unbedingt den Bedürfnissen der Anwender, sondern eher den Vorstellungen der Programmierer solcher Systeme. Deshalb ist es keine Überraschung, dass die Akzeptanz in der Praxis eher gering ist. Hier gibt es noch ein weites Feld für die Forschung und Entwicklung, um diese Systeme benutzungsfreundlich zu machen.

VDI nachrichten: Sie befürworten also Initiativen zur Verbesserung der Software-Ergonomie?

Sandor Vajna: Absolut! Wir leisten uns derzeit den Luxus, 100 % in ein System zu investieren und dabei nur 10 % bis 15 % der vorhandenen Funktionen zu nutzen, weil die Handhabung der Systeme in meinen Augen unzureichend ist. Kein Mensch würde eine Kapitalanlage auf diese Art und Weise betreiben.

Ein Teil der Misere liegt allerdings auch in der mangelnden Ausbildung der Anwender, weil das vom Management üblicherweise nicht gefördert wird.

VDI nachrichten: Gerade in der Produktion, z.?B. beim Einrichten von Presswerkzeugen, ist enormes handwerkliches Geschick gefragt. Lässt sich auch das im Lebenszyklus-Management abbilden?

Sandor Vajna: Es ist der wesentliche Inhalt von PLM, Anforderungen und Situationen aus Bereichen, die der Produktentwicklung zeitlich nachgeordnet sind, bereits in der Produktentwicklung zu berücksichtigen, um sie besser vorhersehen und -sagen zu können. Wir nennen dies „Predictive Engineering“.

VDI nachrichten: Aber wie lässt sich dieses Wissen anderen zur Verfügung stellen?

Sandor Vajna: Wenn wir davon ausgehen, dass Wissen in Form von Daten, Informationen und Regeln gespeichert wird, dann kann ich das „Einrichten von Presswerkzeugen“ als eine Regel definieren. Diese enthält und beschreibt die notwendigen Bedingungen und Vorgehensweisen zum Erreichen des gewünschten Zustands (in diesem Fall, dass beim Pressen das Blech nicht reißt) und bezieht sich auf die dazu benötigten Daten und Informationen. Um dieses Wissen anderen verfügbar zu machen, muss ich gemeinsam mit dem betreffenden Wissensträger die Regel aufstellen und mit den dazugehörenden Daten und Informationen in ein System speichern. Diese Vorgehensweise ist bereits in einigen CAx-Systemen in Form der so genannten „Wizzards“ realisiert. Wenn man sieht, was heute im Umfeld einer „wissenbasierenden Konstruktion“ geschieht, dann finden wir schon Ansätze für eine relativ einfache Formulierung solcher Regeln.

VDI nachrichten: Meistens besitzen aber gerade ältere Mitarbeiter wichtige Erfahrungen. Sie haben aber auch Angst, dass sie am Ende überflüssig werden, wenn sie ihr Fachwissen jungen, vermeintlich leistungsfähigeren Kollegen weitergeben sollen. Lässt sich dieses Hindernis überhaupt überwinden?

Sandor Vajna: Ich glaube schon. Wir haben hier nämlich ein typisches Phänomen, das etwa alle 20 bis 25 Jahre auftritt: Als vor vielen Jahren mit der NC-Technik Computer in Werkzeugmaschinen eingeführt wurden, war die Befürchtung groß, dass der Facharbeiter überflüssig wird. Er wurde aber gar nicht überflüssig. Er hat zwar seine manuelle Fähigkeiten einer Maschine überantwortet, aber die Fragen zur Steuerung dieser Maschine, das Finden des optimierten Verfahrweges, die beste Auswahl von Werkstoffpaarungen sowie von Schneidwerkzeugen usw. liegt bei ihm. Er musste sich zusätzliches Wissen erwerben, um das neue System CNC-Maschine beherrschen zu können.

Als wir die CAD-Systeme eingeführt haben, war die Befürchtung groß, dass der Technische Zeichner überflüssig werden würde. Was ist aber stattdessen passiert? Der Technische Zeichner entwickelte sich zum CAD-Detailkonstrukteur weiter, wobei er deutlich hinzulernen musste, um das CAD-System wirtschaftlich einsetzen zu können.

Heute ist es nicht anders: Natürlich gebe ich beim Wissensmanagement persönliches Wissen preis, aber ich bekomme mehr wieder zurück, denn nun bin ich in der Lage, auf das Wissen meines gesamten Unternehmens zuzugreifen und mein Produkt intelligenter und nachhaltiger entwickeln. So bekommt meine Arbeit als Produktentwickler eine ganz neue Qualität und ich entwickle mich dabei automatisch selbst weiter.

Wesentlich bei einem solchen Technologiesprung ist aber, dass Aufnahme- und Lernbereitschaft vorhanden sind. Deshalb warne ich vor einem Trugschluss: Jung sein heißt noch lange nicht aufnahmebereiter zu sein. Ein Mitarbeiter in den besten Jahren ist mindestens ebenso leistungsfähig und er hat zusätzlich den Reichtum an Erfahrung, der ihn dabei unterstützt, eine Entwicklung besser einzuschätzen als einer, der zwar jung ist, aber der einfach drauf los läuft und in eine Sackgasse rennt. Was letztendlich teurer ist und schlechtere Ergebnisse bringt, als einer, der mit Bedacht an eine Aufgabe herangeht.

VDI nachrichten: Ein solches Beispiel war ja wohl anfangs die A-Klasse …

Sandor Vajna: … die dann auch erst einmal „auf der Nase lag“.

VDI nachrichten: Was bedeutet diese Erkenntnis für das Produkt-Lifecycle-Management?

Sandor Vajna: PLM bedeutet ja eine sehr weitgehende Integration aller Unternehmensbereiche, die funktionale Trennung geht weiter zurück. Dazu muss ich den Überblick haben und diesen habe ich eben erst mit einer bestimmten Erfahrung. Also ist PLM ebenso wie früher CIM, Computer-Integrated-Manufacturing, eigentlich das geeignete Thema für Leute mit Erfahrung, daher eine große Chance für ältere Mitarbeiter, die damit ihre Vorzüge sehr gut einsetzen können.

VDI nachrichten: Wo sollten die Verantwortlichen in den Unternehmen nach dem aktuellen Stand der Dinge zunächst ansetzen, um den Informationsschatz in ihrem Unternehmen möglichst gut zu nutzen?

Sandor Vajna: Ansetzen sollten sie bei ihren Mitarbeitern, denn dort liegt der Informationsschatz. Für Aktionismus ist hier kein Platz, das schnelle Beschaffen eines weiteren IT-Systems bringt nicht den Erfolg. Vielmehr gilt der Satz des Schriftstellers Sten Nadolny: „Wer am Ende schnell sein will, muss am Anfang langsam machen.“ Hier lautet mein Appell an die Produktentwicklung: Leute, nehmt das Tempo aus der Entwicklung heraus, in der Summe seid ihr schneller, wenn ihr euch am Anfang mehr Zeit zum Nachdenken und zum Berücksichtigen aller späterer Einflüsse nehmt – das ist ja der Kerngedanke von PLM.

Austausch und gegenseitiges Nutzen von Wissen geht nur im fairen Umgang miteinander, es braucht ein vernünftiges Arbeiten in Teams, die relativ druckfrei arbeiten müssen, um zu einem sinnvollen Ergebnis kommen zu können. Ich muss wissen, etwa mit Hilfe von Wissenslandkarten, wo ich auf Wissen im Unternehmen zugreifen kann. Ich muss mich regelmäßig austauschen können und dabei auch Zeit zum Gespräch in der Kaffeepause haben. Letztere ist eine der effizientesten Mechanismen zum Wissenstransfer, den wir kennen.

Kleine Randbemerkung: In Magdeburg haben wir die Studienrichtung „Integrierte Produktentwicklung“, in der wir Studierende genau in diese Richtung ausbilden.

VDI nachrichten: Kann man also sagen, dass die Zukunft in diesem Bereich kommunikativen Teamplayern gehört?

Sandor Vajna: Die Zukunft gehört Leuten, die sich ihre Aufgaben vorstellen können, die aber nicht vor lauter Kommunikation die anderen arbeiten lassen und vor lauter Teamarbeit gar nicht mehr wissen, dass man auch einmal im „stillen Kämmerlein“ eine Aufgabe zu Ende bringen muss. Die bessere Vorgehensweise ist: Wir treffen uns zu einem bestimmten Zeitpunkt, bringen uns auf einen gemeinsamen Stand, diskutieren, entscheiden offene Punkte und beschließen gemeinsam die weitere Vorgehensweise. Dann gehen wir auseinander, um bis zum nächsten Treffen parallel zu arbeiten – im Sinne des Simultaneous Engineering. Das ist das sogenannte „Gating“, welches man erfreulicherweise bei Großprojekten immer mehr sieht.

VDI nachrichten: Nun gelten aber gerade Ingenieure eigentlich eher als verschlossen. Was kann man dagegen tun?

Sandor Vajna: Das ist zweifellos richtig, weil in Ausbildung und Berufsleben zu wenig im Team gearbeitet wird. Ein positiver Aspekt der früheren DDR-Hochschulausbildung war gerade die Seminargruppe, in der man das Arbeiten im Team gelernt hat. Das Trainieren der Teamarbeit – im oben gesagten Sinn – und das Zulassen von Kreativität, auch wenn sie nicht immer zielgerichtet sein kann, sind die besten Mittel, um Kommunikation und Innovationsfähigkeit zu verbessern. Ich bezweifle allerdings, dass die politisch gewollte, aber sachlich falsche Verordnung von Master- und Bachelor-Abschlüssen dieses leisten kann, denn die damit verbundene Verschulung des Studiums wird die Studierenden nicht zu einem freien Denken animieren, in dem sie Kreativität entwickeln können.

MARTIN CIUPEK

  • Martin Ciupek

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Maschinen- und Anlagenbau, Produktion, Automation, Antriebstechnik, Landtechnik

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Maschinenbau, Anlagenbau

IKA Werke GmbH & Co. KG-Firmenlogo
IKA Werke GmbH & Co. KG Konstrukteur / Projektleiter (m/w/d) Staufen
Prefere Melamines GmbH c/o Prefere Paraform GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Prefere Melamines GmbH c/o Prefere Paraform GmbH & Co. KG Betriebsingenieur – Kunstharzbetriebe und Rohstoffbereich (m/w/d) Frankfurt am Main
sigo GmbH-Firmenlogo
sigo GmbH Projektingenieur/in (m/w/d) Darmstadt
NUKEM Technologies Engineering Services GmbH-Firmenlogo
NUKEM Technologies Engineering Services GmbH Project Engineer (m/w/d/x) Alzenau
NUKEM Technologies Engineering Services GmbH-Firmenlogo
NUKEM Technologies Engineering Services GmbH Project Manager (m/w/d/x) Alzenau
Caljan GmbH-Firmenlogo
Caljan GmbH Project Manager – Sondermaschinenbau (m/w/d) Steinhagen
RENK AG-Firmenlogo
RENK AG Applikationsingenieur Condition Monitoring (m/w/d) Augsburg
TECCON Consulting&Engineering GmbH-Firmenlogo
TECCON Consulting&Engineering GmbH Verfahrens-/Prozesstechniker (m/w/d) – Süddeutschland Süddeutschland
Wilhelm STOLL Maschinenfabrik GmbH-Firmenlogo
Wilhelm STOLL Maschinenfabrik GmbH Embedded Software Engineer (m/w/d/x) Lengede
Indaver Deutschland GmbH-Firmenlogo
Indaver Deutschland GmbH Projektingenieur (m/w/d) Homeoffice, Kassel, Frankfurt, Biebesheim, Billigheim, Stuttgart

Alle Maschinenbau, Anlagenbau Jobs

Top 5 Maschinenb…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.