Maschinenbau 29.07.2005, 18:39 Uhr

„Tausend Mitarbeiter sind tausend Erfinder“  

VDI nachrichten, Krefeld, 29. 7. 07 – Der Maschinenbauer Küsters geht neue Wege beim Innovationsmanagement. Die Krefelder Firma, spezialisiert auf Veredelungsmaschinen für die Textil-, Vliesstoff- und Papierindustrie, will so der asiatischen Konkurrenz trotzen. Doch Geschäftsführer Erich W. Bröker steht derzeit auch noch vor einer anderen Herausforderung. Er sucht einen neuen Gesellschafter für die Traditionsfirma.

Bröker: Nein, davor hatten wir keine Angst. Mit Innovationen ist Küsters groß geworden, wir müssen unsere Anstrengungen aber verstärken. Wir brauchen noch mehr neue Produkte, die zusätzlichen Kundennutzen schaffen. Nur so können wir uns gegen die wachsende asiatische Konkurrenz auf Dauer behaupten.

VDI nachrichten: Wie gehen Sie dabei vor?

Bröker: Wir haben ein 5-köpfiges Innovationsteam gebildet, das von einem promovierten Physiker geleitet wird. Herr Dr. Fonrobert ist seit Anfang des Jahres im Unternehmen…

VDI nachrichten: …und macht der F&E-Abteilung Konkurrenz.

Bröker: Genau das eben nicht. Das Innovationsteam ergänzt unsere Produktentwicklung. Es soll zum Einen alle Mitarbeiter motivieren, Ideen einzubringen. Zum Anderen soll es wie ein weit reichender Radar technologische Entwicklungen aufspüren, die morgen und übermorgen wichtig sein werden.

VDI nachrichten: Das klingt nach einer Denkfabrik, die schöne Papiere produziert…

Fonrobert: Nein, wir arbeiten nicht im Elfenbeinturm. Ganz im Gegenteil. Innovationen müssen Antworten geben auf reale Probleme und Fragestellungen. Wir haben deshalb angefangen, unsere wichtigsten Kunden zu besuchen. Produktentwickler, Vertriebsleute und Innovationsteam treten dabei gemeinsam auf. Wir sind zum Teil mit acht, neun Leuten beim Kunden, um auszuloten, wo wir bei Innovationen ansetzen können.

VDI nachrichten: Lohnt sich der Aufwand?

Fonrobert: Die ersten Besuche sind sehr gut gelaufen und haben konkrete Ergebnisse erbracht. Wir fragen dabei den Kunden nicht nur nach seinen Bedürfnissen, wir versuchen auch, uns in seine Welt hineinzuversetzen. Wir schauen also etwa den Bedienern unserer Maschinen über die Schulter, informieren uns über ihre Qualifikation.

VDI nachrichten: Mit welchem Ergebnis?

Fonrobert: Es gibt extreme Unterschiede im Ausbildungsniveau, etwa zwischen Finnland und Pakistan. Darauf müssen wir bei der Entwicklung unserer Maschinen natürlich eingehen. Wir können an vielen Stellen unser Bedienkonzept drastisch vereinfachen.

VDI nachrichten: Sie sprechen aber nicht nur mit Ihren Kunden, um neue Ideen zu gewinnen. Auch die Mitarbeiter sollen sich stärker engagieren. Wie klappt das?

Fonrobert: Wir haben unser betriebliches Vorschlagswesen nach vielen internen Gesprächen völlig umgekrempelt. Wir sind überzeugt, dass tausend Mitarbeiter auch tausend Erfinder sind. Jeder ist aufgerufen, seinen Beitrag zu leisten und sich damit wertvolle Prämien zu verdienen. In unserem Intranet gibt es dafür ein moderiertes und themenbezogenes Ideenforum, das von allen Mitarbeitern gefüttert werden kann. Außerdem haben wir eine Innovationshotline und eine Innovationssprechstunde eingerichtet. Wer nicht so fit ist mit Computer und Intranet, kann also auch diesen Weg nutzen.

VDI nachrichten: Wie reagieren die Mitarbeiter?

Fonrobert: Die Resonanz ist hervorragend. Wir haben bis Juli bereits drei Mal so viele Ideen generiert wie im gesamten vergangenen Jahr. Jeder siebte Mitarbeiter hat sich beteiligt.

Bröker: Im nächsten Schritt erarbeiten wir ein unternehmensweites Gesamtkonzept, um F&E-Projekte systematisch zu bewerten. Ziel ist es, dass die vorhandenen Mittel tatsächlich in die wirtschaftlich viel versprechendsten Projekte fließen.

VDI nachrichten: Wir haben bisher abstrakt über Innovationen gesprochen. Können Sie mal ein Beispiel geben für eine konkrete Neuentwicklung?

Bröker: Ein gutes Beispiel sind Kalander, die etwa in der Vliesstoffindustrie eingesetzt werden. Ein Kalander ist eine kontinuierlich laufende, temperierte Presse zwischen Walzen, eigentlich eine etablierte Technik. Probleme gibt es jedoch durch die Umrüstzeiten, die zwischen acht und zehn Stunden betragen. Seit Jahren werden die georderten Chargen immer kleiner. Es kann passieren, dass die Produktionszeit kürzer ist als die Umrüstzeit. Manche Hersteller müssen Aufträge ablehnen, weil sie sich einfach nicht mehr rechnen. Zur Lösung dieses Problems haben wir jetzt eine Zwillingswalze entwickelt. Damit kann eine Maschine in weniger als 15 Minuten umgerüstet werden. Das hilft den Unternehmen natürlich enorm. Diese Twin-Technologie werden wir jetzt auch noch für einen anderen Maschinentyp nutzen.

VDI nachrichten: Werden solche Innovationen nur im Krefelder Stammwerk entwickelt oder auch in ausländischen Betrieben?

Bröker: Die F&E-Leistung haben wir in Krefeld konzentriert. Das wird auch so bleiben. Wir sind hier nahe an Forschungseinrichtungen und Partnerfirmen, mit denen wir kooperieren. Das ist ein unschätzbarer Vorteil. Ganz abgesehen davon, dass in unseren Werken in Indien und China unser Kern-Know-how nicht sicher genug wäre.

VDI nachrichten: Die F&E-Arbeitsplätze bleiben also in Deutschland. Gilt das auch für die Fertigung? Noch sind allein im Stammwerk 600 ihrer 1000 Mitarbeiter beschäftigt.

Bröker: Wir haben in Krefeld die technologisch anspruchsvollste Fertigung aller Werke. Hier stehen etwa die teuren Maschinen zur Bearbeitung von Großwalzen. Außerdem verfügen unsere Mitarbeiter über hervorragendes Fertigungs-Know-how. Mit diesem Wettbewerbsvorteil im Rücken müssten sich die 600 Arbeitsplätze verteidigen lassen.

VDI nachrichten: Aber Küsters wächst vor allem auf den Auslandsmärkten, insbesondere in China und Indien. Führt das nicht zwangsläufig dazu, dass sich Wertschöpfung und damit auch Arbeitsplätze ins Ausland verlagern?

Bröker: Es kann schon sein, dass wir die einfachen Maschinen verstärkt im Ausland fertigen lassen. Das muss aber nicht zu Stellenabbau in Deutschland führen. Wir wollen ja insgesamt wachsen, vor allem auch mit neuen, anspruchsvollen Produkten, die eine wegfallende Wertschöpfung in Deutschland kompensieren.

VDI nachrichten: Woran denken Sie da?

Bröker: Wir denken zum Beispiel darüber nach, unsere Kernkompetenz, die Walzentechnologie, in weiteren Branchen anzuwenden. Etwa in der Kunststoff- oder Aluminiumindustrie. Diese Überlegungen stehen noch am Anfang, aber sie zeigen, dass für Küsters Wachstum möglich ist.

VDI nachrichten: Das wird den künftigen Eigentümer von Küsters freuen. Sie suchen ja seit Jahresbeginn einen neuen Gesellschafter, weil sich die Gründerfamilie aus dem Unternehmen zurückziehen möchte. Wie ist der aktuelle Stand?

Bröker: Wir sind in Gesprächen mit einer Reihe von Interessenten. Es wird wahrscheinlich noch in diesem Jahr einen Abschluss geben, wenn die Familie zustimmt. Aber wir stehen nicht unter Druck. Wir können alle Optionen sorgfältig prüfen. Wenn eine Einigung nicht zustande kommt, können wir auch noch ein oder zwei Jahre mit der jetzigen Eigentümerstruktur leben.

VDI nachrichten: Aber Ihre Mitarbeiter und Kunden wollen doch wissen, wie es weitergeht. Sie können doch gar keine weit reichenden Entscheidungen mehr treffen, wenn Sie nicht wissen, wer künftig das Sagen hat.

Bröker: Mit keinem Druck meine ich auch nicht, dass wir die Entscheidung beliebig lange hinauszögern wollen. Mitarbeiter und Kunden wollen Klarheit, das ist schon wahr. Aber es kommt uns nicht auf ein paar Monate an. Unsere Zahlen stimmen, die Investitionen laufen weiter, unsere Unternehmensstrategie ist klar.

VDI nachrichten: Die Familie möchte ja gerne, dass die Firma im Geiste des Unternehmensgründers fortgeführt wird. Was bedeutet das für Ihre Verkaufsgespräche?

Bröker: Die Familie fühlt sich dem Unternehmen, den Mitarbeitern und der Stadt Krefeld eng verbunden. Deshalb muss der neue Gesellschafter in jedem Fall ein Konzept vorlegen, dass diese Unternehmenskultur bejaht und die strategischen Ziele, die wir haben, unterstützt. Auch finanziell unterstützt.

VDI nachrichten: Wollen Sie das auch vertraglich verankern?

Bröker: Es ist schwierig, so etwas vertraglich zu fassen. Letztlich läuft es auf eine Plausibilitätsprüfung hinaus. Wir werden uns ansehen, wie sich die potenziellen Käufer bei anderen Akquisitionen verhalten haben. Ob Zusagen eingehalten wurden. PETER SCHWARZ

 

Ein Beitrag von:

  • Peter Schwarz

    Ressortleiter Wirtschaft bei VDI nachrichten. Fachthemen: Wirtschaftspolitik, Konjunktur, Unternehmen.

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