Energiewende & Kraftwerkstechnik 29.06.2012, 11:00 Uhr

Stromerzeugung: Energiewende belastet das Kraftwerksgeschäft

Die Unwägbarkeiten der deutschen Energiewende belasten derzeit das klassische Kraftwerksgeschäft. Dabei unterstützt das vielfältige Angebot an Gasturbinen und Motoren den Trend zur Dezentralisierung. Die Kraft-Wärme-Kopplung setzt sich dabei durch, schon allein aus Wirtschaftlichkeitsbetrachtung.

„Die Stromerzeugung aus thermischen Kraftwerken muss so flexibel gestaltet werden, dass sie einerseits die Netze stützt und andererseits den benötigten Strom produziert, wenn die fluktuierenden erneuerbaren Energien nicht zur Verfügung stehen“, betonte Thorsten Herdan, Geschäftsführer VDMA Power Systems, Mitte Juni anlässlich der Messe Power-Gen Europe in Köln.

Die aktuelle Situation spricht für den Einsatz dezentraler Energieerzeugung, so zum Beispiel mit Gasturbinen oder Motoren. Doch spüren die Anlagenbauer bei ihren Kunden eine deutliche Investitionszurückhaltung, so Herdan. „Bei dem derzeitigen Marktdesign stimmen die Geschäftsmodelle nicht.“ Trotz der Unsicherheiten würden die Hersteller aber optimistisch in die Zukunft schauen, seien ihre Kraftwerke doch eine Schlüsseltechnologie für den Umbau des Energiesystems.

„Die Energiewende hat noch keine Initialzündung für kleine, dezentrale Kraftwerke gebracht“, konstatierte denn auch Carsten Dommermuth, Verkaufsleiter für Kraftwerke bei MAN Diesel & Turbo. Zum einen fehlten stabile Rahmenbedingungen, zum anderen herrsche ein Missverhältnis zwischen hohem Gaspreis und niedrigem Strompreis. So rechnen sich derzeit in Deutschland viele Neubauprojekte nicht – ob für Industrie oder Stadtwerke. Doch bemühten sich Energieversorger im Rahmen von Wirtschaftlichkeitsstudien um Alternativlösungen zum Großanlagengeschäft.

Die Kraft-Wärme-Kopplung ist für die dezentrale Stromversorgung wichtig

Bei der Industrie gewinne das Argument der Eigenstromversorgung an Bedeutung. „Viele Unternehmen machen sich Gedanken über die Versorgungssicherheit.“ Hier erwartet Dommermuth eine große Dynamik für den Markt. Wichtig sei die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). „Denn man braucht den KWK-Bonus, um die Wirtschaftlichkeit auch nur in Ansätzen darstellen zu können.“ Jedoch sei dieser für große Anlagen (über 2 MW Leistung) noch zu gering, um den gewünschten „Push“ im Markt zu bekommen. Für dezentrale Industrieanwendungen mit großem Dampfbedarf seien Gasturbinen durch ihre hohen Abgastemperaturen prädestiniert.

Dommermuth hob den Trend zu dezentralen Energien mit Anlagen im Leistungsbereich bis 150 MW hervor. „Wir werden es uns nicht mehr leisten können, Großkraftwerke zu betreiben.“ Fossile Energien würden als Regelenergie benötigt. Dafür müssten sich aber die politischen Rahmenbedingungen ändern. Die betreffen nicht nur den KWK-Bonus. „Es müssen Kapazitätsmärkte entwickelt werden, so dass man eine Wirtschaftlichkeit auch bei nur 500 oder 1000 Betriebsstunden im Jahr realisieren kann“, betont Dommermuth.

Niemand investiert 10 Mio. €, 20 Mio. € oder 100 Mio. € für ein Gaskraftwerk, das nur 1000 h im Jahr läuft, betonte auch Oliver Eisenblätter, bei Kawasaki Gas Turbine für den Europavertrieb zuständig. „Das muss irgendwie vergütet werden.“

Nachfrage, so Eisenblätter, bestehe derzeit bei Anlagen die in der Grundlast mit Wärmenutzung eingesetzt werden – so bei Stadtwerken mit Fernwärme oder in der Industrie. Gefragt seien besonders Leistungen um 1 MW sowie um 7 MW. Gerade Unternehmen mit kritischen Produktionsprozessen setzten auf Eigenversorgung, wie die Pharma-, Chemie- oder Papierindustrie.

Flexible Kraftwerke gleichen schwankende Stromerzeugung bei erneuerbaren Energien aus

Sowohl Politik als auch Unternehmen sollten bei Studien und Ausschreibungen technologieoffen bleiben, forderte Markus von Zmuda, der bei Wärtsilä Deutschland das Kraftwerksgeschäft leitet. Statt sich frühzeitig für Gasturbinen auszusprechen, sollte der Markt bestimmen, welche Technologie jeweils am besten geeignet ist. Motoren böten sich als Option für ein „flexibles Gaskraftwerk“ an. „Für die unstete, schwankende Erzeugung der erneuerbaren Energien braucht man flexible Kraftwerke, die mehrere hundert- bis tausendmal im Jahr hoch- und runterfahren können.“

So könne ein Gasmotor mit 18,3 MW auch in Kaskade geschaltet werden – zehn Einheiten ergäben so über 180 MW, betonte Zmuda, und ergänzt: „Dies ist die ideale Lösung für die Fernwärme.“ Bei einer Störung falle nicht die ganze Anlage aus. Und statt eine große Anlage im Frühjahr und Herbst im Teillastbereich zu fahren, ließen sich einzelne Motoren abschalten.

Die Projektlaufzeit liege in der Energiewirtschaft von der Konzeptfindung bis zur Inbetriebnahme des Kraftwerks zwischen fünf und zehn Jahren. Dabei konnten die Märkte auf die neue Situation durch die Energiewende noch nicht reagieren, erläuterte von Zmuda. „Jetzt kommt die große Findungsphase.“ Etwa 100 Projekte seien derzeit in Deutschland geplant. Rund 500 Konzeptstudien kursierten. Die Leistungen reichten von 10 MW bis 400 MW – meist Gaskraftwerke.

Aber es ist nicht so, dass keine Geschäfte gemacht werden im Kraftwerkssektor. So berichtet ABB anlässlich der Power-Gen Europe über eine Beteiligung an der Modernisierung des Heizkraftwerks von Daimler am Standort Sindelfingen. Der Automobilkonzern ertüchtigt die Anlage durch eine neue Gasturbinenanlage von Tognum mit einem Abhitzekessel der österreichischen Bertsch Energy ABB liefert schlüsselfertig Generator und Transformator. Laut Daimler werde der eingesetzte Brennstoff zu über 80 % ausgenutzt. Die Inbetriebnahme sei für Herbst 2013 geplant.

Von R. Donnerbauer

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