Anlagenbau 26.05.2000, 17:25 Uhr

Recycling von der Rolle

In der Nähe von Mainz wurde jetzt die weltweit erste Sortieranlage für textile Bodenbeläge eingeweiht. Die Verbände der Teppichbranche wollen mit einem Sammel- und Recyclingsystem gesetzlichen Vorgaben zuvorkommen.

Sie werden ein Leben lang mit Füßen getreten und mancher Schmutz wird untergekehrt – 1 Mrd. m2 Teppichböden und textile Bodenbeläge laufen alleine in Europa jährlich von der Rolle, so die Zahlen der Carpet Recycling Europe GmbH (CRE), einer Gesellschaft, die im Februar 1998 mit Sitz in Kerpen gegründet wurde. Gesellschafter sind fünf Verbände der europäischen Teppichindustrie mit insgesamt 87 Teppichherstellern. „In Westeuropa fallen jährlich etwa 1,6 Mio. t zu entsorgende Altteppichböden an“, bilanziert CRE-Geschäftsführer Andreas Bohnhoff. Diese Ware geht in Deutschland derzeit den Weg alles Irdischen: 1998 wurden 82 % auf den Mülldeponien entsorgt und 16 % in Müllverbrennungsanlagen verbrannt. Die restlichen 2 % nimmt die Zementindustrie ab, um fossile Brennstoffe zu ersetzen.
Teppichböden werden in Deutschland bislang nicht separat gesammelt. Ein Teil landet im Hausmüll, größere Stücke und auch Produktionsabfälle kommen in der Regel auf den Sperrmüll. Ob sich dann eine weitere Sortierung anschließt, ist Sache des örtlichen Entsorgers.
Die CRE rechnet schon seit Jahren im Rahmen des Kreislaufwirtschaftsgesetzes mit entsprechenden Recyclingvorgaben und will diesen zuvorkommen. Die weltweit erste automatisch arbeitende Sortieranlage wurde jetzt in Ginsheim-Gustavsburg in der Nähe von Mainz eingeweiht. Sie steht auf dem Gelände der Meinhardt Städtereinigung GmbH & Co. KG. Dieses Unternehmen entsorgt das Rhein-Main-Gebiet mit 3 Mio. Einwohnern und ist auch Betreiber der Anlage, stellt die Halle zur Verfügung und hat mit der CRE einen Betreiber-Vertrag geschlossen. Meinhardt konnte in den vergangenen Jahren bereits im Teppichboden-Recycling Erfahrung sammeln, denn in einer eigenen Anlage zur Ersatzbrennstofferzeugung werden Brennstoffe für die Zementindustrie hergestellt.
Die CRE sammelte seit 1998 bereits 20 000 t Altteppichböden, sortierte und verwertete davon 2000 t manuell. Zu dem konventionellen Sperrmüll-Input kommt Material von Großbaustellen, auf denen die CRE eigene Altteppich-Container aufstellt, außerdem von der Messe Frankfurt und Produktionsrückstände von den Herstellern. Kleinere Unternehmen sollen zukünftig bei Gebäudesanierungen für 40 DM bis 60 DM Bigpacks zur Sammlung der Teppichbodenreste erhalten.
Entscheidend für die Wiederverwertung des Teppichmaterials ist die sortenreine Trennung. Dazu werden die Teppichbodenstücke in der neuen Anlage zunächst manuell in ein hängendes Transportsystem eingeklemmt. Dieses befördert die einzelnen Stücke zu einem automatisch arbeitenden Infrarot-Schnell-Identifikationssystem, das spektroskopisch das Material der Nutzschicht erkennt. Das Transportsystem lässt dann die Stücke in die entsprechenden Container fallen. Separiert wird nach den vier Hauptfraktionen Polyamid-6 (PA-6), Polyamid-6.6 (PA-6.6), Wolle/Polypropylen, und Mischgewebe, bei Bedarf auch Polyester.
PA-6 und PA-6.6 lassen sich in Gegenwart von Wasser und Katalysatoren in ihre chemischen Grundbausteine zurückverwandeln und können erneut polymerisiert werden. „Die daraus hergestellten Kunststoffe sind identisch mit Neuware und unterliegen keinerlei Absatzbeschränkungen“, betont Juniorchef Frank-Steffen Meinhardt. Allerdings wird dieses Verfahren bislang ausschließlich in den USA durchgeführt. Die CRE schloss daher mit Evergreen Nylon Recycling, einem Joint-Venture zwischen DSM und Honeywell in Augusta und DuPont Nylon, das in Chattanooga eine Aufbereitungsanlage betreibt, entsprechende Abnahmeverträge. Die Teppichbodenreste gelangen ausschließlich auf dem Wasserweg in die USA. „Das ist immer noch billiger, als wenn wir die Ware per Lkw z.B. nach München schicken würden“, rechnet CRE-Geschäftsführer Bohnhoff vor. Allerdings soll auch in Deutschland später eine entsprechende Aufbereitungsanlage gebaut werden. Finanziert wird das Recycling einmal über die Rohstofferlöse in den USA, vor allem aber durch die Kommunen über die eingesparten Deponiekosten in Deutschland, die laut CRE zwischen 150 DM/t und 200 DM/t liegen.
Die Wolle-Fraktion wird mit einer Faserausbeute zwischen 30 % und 60 % zu Öko-Dämmplatten verarbeitet und soll Styropor und Mineralwolle künftig Konkurrenz machen. Mit dem so genannten Thermobonding werden Wollefasern und Polypropylen-Fasern zu festen Matten miteinander verschmolzen. Während die PA-6- und PA-6.6.-Kapazitäten in großen Mengen vorhanden sind, muss die CRE bei den Wollfasern noch Abnahme-Engpässe eingestehen. Fasermischungen und Polypropylen werden weiterhin auf dem Meinhardt-Gelände zu Ersatzbrennstoffen verarbeitet und kommen in die Zementindustrie. Hier gibt es allerdings keine Erlöse, obwohl sowohl fossile Brennstoffe als auch der Kreideanteil eingespart werden. „20 DM bis 30 DM pro t müssen wir noch draufzahlen“, bedauert Bohnhoff. Vom gesamten Output, so verspricht die CRE, würden 95 % rezykliert und nur noch 5 % deponiert oder verbrannt.
Über den Sperrmüll erhält die Sortieranlage der Meinhardt Städtereinigung in Ginsheim bei Mainz die meisten alten Teppiche und Beläge. In zweiter Linie werden Produktionsrückstände und Böden der Frankfurter Messe verwertet.
Die Teppichbodenreste kommen per Förderband in die Aufgabestation, wo ein IR-Detektor vier verschiedene Materialien unterscheidet.

RECAM

Europäische Initiative für Altteppiche

Die automatische Sortieranlage der CRE in Ginsheim mit einer Kapazität von 25 000 jato ist eine Entwicklung des europäischen Forschungsprojektes RECAM (Recycling of Carpet Materials), einer Initiative zur Erarbeitung von Strategien der Verwertung von Altteppichböden. Die Initiative wurde 1996 von der „Gemeinschaft umweltfreundlicher Teppichboden e.V. (GuT)“, dem niederländischen Chemie-konzern DSM, der Enichem und dem „Deutschen Teppich-Forschungsinstitut e.V.“ ins Leben gerufen. Die reinen Baukosten der Anlage beliefen sich auf etwa 1 Mio. DM, während die Entwicklungskosten von der EU mit 11 Mio. DM und über die Beiträge der GuT-Mitgliedsfirmen aufgebracht -wurden. Die GuT-Mitglieder zahlten zu -einem jährlichen Sockelbetrag von knapp 9000 DM pro erzeugtem Quadratmeter Teppichboden 0,3 Pf in eine gemein-sa-me Kasse. boe

 

Ein Beitrag von:

  • Martin Boeckh

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