Mobilität 19.06.2009, 19:41 Uhr

Oh, Schreck: Fräulein Siebenpunkt qualmt  

Mila droht, sich in die Tiefe zu stürzen, Rauchwolken steigen aus dem Rumpf von Fräulein Siebenpunkt auf und Big Mama hat big Probleme. Aufregung bei der Ferchau-Challenge auf Korsika. Mit 15 000 € ist das Rennen dotiert. Elf Studententeams wollen es mit ihren Fahrmodellen gewinnen. Doch die Prototypen zicken. VDI nachrichten, Bastia/Korsika ,19. 6. 09, rus

Korsika, ein Strand 20 km von der Inselhauptstadt entfernt, Samstag, 6. Juni, 15: 30 Uhr. Ein Schrei geht durch die Menge: „Nein!“ Monika Reek, Maschinenbaustudentin an der HAW Hamburg, stürzt auf ihr Fahrzeug zu. Mila, so sein Name, rollt an den linken Fahrbahnrand, droht, über diesen hinaus zu fahren, sich in die Tiefe zu stürzen.

Das erste Hindernis des Parcours am Strand des Clubs Belambra in Borgo hatte Mila mühelos erklommen, eine schiefe Ebene mit 15 Grad Steigung auf 10 m Länge. Doch nun bei der Abfahrt von der Höhe verlässt Mila die Ideallinie.

„Ich habe es genau gesehen, Monika hat ihn nicht berührt“, schreit Moderator Marco Kochbeck ins Mikrofon. Denn hätte sie das, wäre das Team samt Fahrzeug disqualifiziert worden. Das Reglement der Ferchau-Challenge 1.0 ist eindeutig: Die unbemannten Fahrzeuge dürfen während der Wettbewerbsfahrt nicht angefasst werden.

Die Herausforderung der Challenge: Konstruieren und bauen Sie ein unbemanntes Fahrzeug, das in maximal 30 min einen 400 m langen Parcours durchläuft und drei Hindernisse passiert: eine schiefe Ebene, ein Sandhindernis und einen Wassergraben. Das Fahrzeug muss in einen Pkw-Kofferraum passen und seine Antriebskraft aus alternativen Energien beziehen.

Rund 70 Personen sind zum Wettbewerb nach Korsika geflogen: etwa vier Dutzend Studenten, die um den Sieg der Ferchau-Challenge 1.0 streiten, Firmenchef Frank Ferchau, die Eventmanager, die Jury sowie die technischen Begleiter, die den Parcours und andere Event- räumlichkeiten bauten. Ein 40-t-Lkw mit Event-Ausrüstung und ein 7,5-t-Transporter mit den Fahrmodellen kamen schon zu Wochenbeginn auf der Insel an.

Mila fährt in die zweite von vier vorgegebenen Runden. Monika Reek schlägt die Hände vor die Augen. Sie mag gar nicht mehr hingucken, wie Mila die Rampe erklimmt, über deren Scheitel fährt und auf der andere Seite haarscharf an der Kante herunterrollt.

Doch dann in der dritten Runde passiert das Unerwartete. Mila erhält als einziges Fahrmodell seine Fahrinformationen nicht über eine Funkfernsteuerung, sondern über eine mitgeführte Webcam. „Ein Mikrocontroller mit nur sechs Zeilen Programm gewinnt die notwendigen Daten aus dem Abbild der Fahrbahnmarkierungen“, erklärt Entwickler Paul Kocyla, Informatikstudent an der RWTH Aachen, stolz.

Schaut Mila jetzt auf dem Scheitelpunkt der schiefen Ebene zu weit nach links auf die Nachbarfahrbahn? Oder sind es die weißen Söckchen der Zuschauer, die das Gefährt irritieren? Während die Beobachter noch klatschen als Mila das Hindernis verlässt, zickt das Modell. Fährt schnurstracks in die Boxengassen. „Jetzt sprechen alle nur noch von “der“ Mila, nicht mehr von “dem“ wie vor dem Wettbewerb“, stellt Monika fest. Mila zickt eben.

So viel Emotion wie bei Milas Rundfahrt kommt nur noch kurz auf, als dicke Wolken aus dem Körper von Fräulein Siebenpunkt dringen. Der Name stammt von einem Marienkäfer aus einem osteuropäischen Märchen. Brennt Fräulein Siebenpunkt ab? Die Konkurrenten rennen aus den Boxen auf den Parcours. Die Begleiter des Marienkäfers, Studenten der TU Dresden, laufen hingegen aufgeregt in ihre Box. Schraubenzieher müssen her, das Fräulein Siebenpunkt muss schnell geöffnet werden.

Das grundsolide Fahrzeug mit Windgenerator oben drauf, Solarzellen als Abdeckung und einem Akku als Energiezwischenspeicher war die schiefe Ebene herunterrollte. Erhitzte beim Bremsen der Rückstrom der Motoren den Fahrtregler, ließ ihn schmelzen?

Das Team Spherical hilft mit ihrem Regler aus. Nach einer halben Stunde Reparaturzeit, die die Jury einräumt, darf das rote Fräulein, das sogar schwimmfähig ist, wieder auf die Piste. Die Challenge geht weiter.

Die Sonne hinter den Wolken, der Wind lustlos: Da half nur Energie aus Akkus

Ladereglerprobleme waren wahrscheinlich auch Big Mamas Problem. „Wir wünschen uns nur eines, ein bisschen Strom“, kommentierte Sven Nolte die Lage bereits vor dem Rennen. Big Mama ist das einzige Kettenfahrzeug im Wettbewerb, konstruiert von sechs Studenten aus Bremerhaven, Hamburg und Osnabrück. Auf dem Fahrgestell aufgebaut: ein dicker Savonius-Rotor. Bei dieser Konstruktion dreht Wind die Flügel parallel zur Rotorachse. Auf dem Windgenerator thront ein Parabolspiegel, in ihm ein Peltier-Element, das Wärme in Strom verwandelt. Doch Big Mama bleibt dabei. Heute sind Energieprobleme angesagt. Mama wird in die Box zurückgetragen.

Nach rund fünf Stunden Wettbewerb am Strand von Borgo wird feststehen: Nur zwei von insgesamt elf Fahrzeugen werden den Parcours in Regelzeit und alle Sonderprüfungen an den Hindernissen durchfahren haben. Manch siegessichere Team wird eine böse Überraschung erlebt haben. Der „Biorenner“ beispielsweise.

Das Rennauto der vier Studenten von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach treibt ein Zweitaktmotor an. Im Tank: Biogas, genauer Methan. Theoretisch. Die eigens für den Wettbewerb konstruierte Tankstelle, ein aus Deutschland herangeschleppter Fermenter, darf nicht betrieben werden. Die Einfuhr von Rinder- und Schweinegülle nach Frankreich ist verboten. Der Renner darf deswegen ausnahmsweise Butan, als Campinggas bekannt, tanken.

Doch es gibt noch ein Problem. Die Steuermotoren flattern. Ist die Funkfernsteuerung gestört? Der Motor geht aus. Wieder gestartet, rast der Renner gegen ein Hindernis. Bremsen und Lenkung verbogen. Das war´s dann.

Das schnellste funktionierende Fahrzeug im Rennen ist der Landsegler. Die Surfer Marcus Wetzel von der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg und Thomas Michael Prötzl von der TU München bauten das Dreirad. Als Mittel gegen Flaute sitzen auf den beiden hinteren Rädern zwei Elektromotoren mit Propellern samt Akku und Solarzellen. Über Segel und Mast treibt der Wind das Fahrzeug an. An der Mastspitze ein Anemometer. Ultraschallsensoren messen die Windrichtung, ein Servomotor steuert das Segel „hart am Wind“.

Am Ende des Tages wird der Landsegler den zweiten Platz belegen, während eines der langsamsten Modelle den Wettbewerb gewinnt. Vier Studenten der FH Wiesbaden reisten mit einer Kugel samt E-Tankstelle an. Der Akku im Innern der Kugel erhält Energie von einer externen Ladestation. Sie besteht aus Parabolrinnenreflektor und Peltierelement sowie einem Savoniusrotor samt Generator.

Die Kugel ruckelt und zuckelt gerade noch in der Zeit über den Parcours, schafft aber alle Hindernisse. Ein Elektromotor verlagert ein Gewicht im Innern der Kugel aus deren Schwerpunkt heraus. Sie rollt. Um die Kurve geht es, wenn der Motor die Schwungachse kippt. Ideengeber Tolga Yildirimli und sein Team haben viel investiert: „Wir haben keine Klausur versäumt, aber in den letzten zwei Monaten haben vier Leute täglich an der Konstruktion gearbeitet.“ Das gilt übrigens für fast alle Teams.

Um ganze 7 s hat der Gewinner des dritten Platzes die vorgegebene Durchlaufzeit des Parcours von 1800 s, einer halben Stunde, überschritten. Die wenigsten Teilnehmer merkten, dass diese Schreitmaschine mit acht Beinen rückwärts lief. Das bedeutet: halbe Geschwindigkeit, aber sicherer Lauf. Noch eine Runde hätte dieser Prototyp eines spinnenartigen Laufroboters mit vier Beinen an jeder Seite kaum durchgehalten. Er trat sich schon nach der vierten Runde selbst auf die Füße.

Auf acht Beinen schreitet der Laufroboter gelassen rückwärts durchs Ziel

Das Team der Studenten von der TU Hamburg-Harburg sowie der FH Lübeck verwirklichte eine Laufmechanik aus „strandbeest.com“ des niederländischen Künstlers und Physikers Theo Janssen. Zwei Elektromotoren treiben die Beine über zwei Kurbelwellen an, je Seite werden jeweils gleichzeitig vier Beine gehoben, nach vorne bewegt und dann wieder aufgesetzt.

Stefan Ammon, Maschinenbaustudent an der TU Hamburg-Harburg erinnert sich: „Es begann mit einem Brainstorming, danach haben wir zwei Monate lang geplant, dann erst mal Prüfungen gemacht. Die Verlängerung des Einsendeschlusses kam uns gerade recht.“

21 Uhr, Preisverleihung. Frank Ferchau, Chef des – nach eigenen Angaben – mit 4200 Mitarbeitern größten deutschen Engineering Dienstleisters – ist zufrieden: „Natürlich veranstalten wir die Challenge auch zur Steigerung unserer Bekanntheit. Aber wir wollen auch zeigen, dass Technik Spaß machen kann und ein Team-Erlebnis liefert.“

Und Ferchau gerät ein bisschen ins Schwärmen: „Wir wollen junge Leute für Technik interessieren und hoffen auf eine Signalwirkung dieser Veranstaltung.“ R. SCHULZE

www.ferchau.de/go/challenge

Von R. Schulze

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