Engineering 07.12.2001, 17:32 Uhr

Märklin stellt beim Modellbau die Weichen

Beim schwäbischen Eisenbahn-Modellbauer Märklin haben Ingenieure ihr Hobby zum Beruf gemacht.

Man schrieb das Jahr 1868. Die erste Lokomotive der Union Pacific überwand den mehr als 2000 m hohen Gipfel der Rocky Mountains und verband damit den mittleren Westen der USA mit Kalifornien. Die schwere Güterzuglokomotive „Big Boy“ befuhr ab 1941 den steilen Pass. Sie ging in die Geschichte ein als die weltweit größte Dampflokomotive, die jemals gebaut worden war.

Jetzt gibt es sie wieder. Im Maßstab 1:87 ließ der Göppinger Modellbahnhersteller Märklin die alten Zeiten aufleben und die legendäre Lok zu neuen Ehren gelangen. Der Schienengigant strotzt nur so vor handwerklichen und technischen Finessen. Chassis, Kessel und Führerhaus sind originalgetreu aus Metall. Unter dem Kessel verbirgt sich ein Hochleistungsmotor mit Glockenanker und Schwungmasse, der alle acht Kuppelachsen der Lokomotive antreibt.

Die Ansprüche, die das schwäbische Unternehmen in Sachen Modellbau an sich selbst stellt, sind groß. Detailtreue im Erscheinungsbild ist oberstes Gebot, für die Funktionalität dagegen sind eigenständige technische Lösungen gefragt. 45 Ingenieure und Techniker tüfteln im Göppinger Stammhaus über den Entwürfen und Konstruktionen für die Loks und Wagen, über neue Schienensysteme und die Optimierung elektronisch gesteuerter Antriebe. Fantasie und Ideenreichtum sind gefragt, denn je kleiner die Nachbildungen desto schwieriger, dem großen Bruder gerecht zu werden.

Fast alle Mitarbeiter der Entwicklungsabteilung haben irgendwann einmal ihr Hobby zum Beruf gemacht. Klaus Weihe baut in der Freizeit gern seine eigenen Lokomotiven. Da wird dann gelötet, gebohrt, gefräst und lackiert. Doch dafür brauche man Zeit und Muse, und davon habe er in letzter Zeit nicht allzu viel gehabt, räumt er ein. Weihe ist wie sein Kollege Klaus-Peter Nickl Maschinenbauingenieur. Auch er wurde schon vom Vater in die Geheimnisse der Modelleisenbahn eingeweiht. Bis heute verbindet beide die Faszination der Kraftpakete auf Rädern und deren ausgefeilte Technik.

Doch Konzeption und Konstruktion ihrer verkleinerten Nachbildungen erfordern nicht weniger fundierte Kenntnisse. Eine Tatsache, die häufig übersehen wird vermutlich, weil auch die raffinierteste Modellbahn als Spielzeug im weitesten Sinne gilt. „Big Boy“ beispielsweise verfügt über jede Menge Sonderfunktionen, wie Fernscheinwerfer und Abblendlicht, Nummerntafel- und Führerstandbeleuchtung, geschwindigkeitsabhängige Dampflokgeräusche und Pfeifsignale. Sie zu realisieren, ist Sache von Leuten wie Alexander Lücke. Als der Ingenieur für Elektrotechnik 1984 zu Märklin kam, war dort gerade das Zeitalter der Digitalisierung angebrochen. Statt wie bisher die Geschwindigkeit der Lok über die Fahrspannung in den Gleisen zu regeln, wurden jetzt Steuersignale über eine Zentraleinheit gesendet. Jedes Steuersignal richtet sich an eine bestimmte Adresse und enthält gleichzeitig die Befehle für bestimmte Funktionen. Damit bestand die Möglichkeit, einzelne Züge unabhängig voneinander fahren zu lassen. „Mittlerweile ist die Digitaltechnik aus dem Modellbau nicht mehr wegzudenken“, sagt Alexander Lücke.

Immer mehr Loks verfügen über Geräuschgeneratoren. Um O- Töne einzufangen, fährt Lücke hin und wieder durch die Lande. Vor kurzem war er in Lübeck, um die Betriebszustände einer Diesellok ohne störende Nebengeräusche aufzunehmen. Die Töne werden digitalisiert und dem jeweiligen Betriebszustand angepasst. Im Fall von „Big Boy“ kommen sie aus einem regelbaren Lautsprecher im Tender.

Auch wenn die Tätigkeit der Ingenieure bei Märklin sich prinzipiell nicht von der in anderen Branchen unterscheidet, existieren doch Unterschiede in der Herangehensweise. „Normalerweise hängt Größe und Form eines Produktes von dessen Funktion ab. In unserem Fall dagegen wird die Optik durch das Original vorgegeben, und wir haben die Funktionen darin unterzubringen“, erklärt Klaus Weihe.

3600 Stunden hat er für den Entwurf einer Lok im Maßstab 1:32 veranschlagt, an der er zur Zeit arbeitet. Um ein identisches Abbild zu schaffen, verwendet er Originalpläne, Zeichnungen und Fotografien. Die Modelle sollen so konstruiert sein, dass sie über Steckverbindungen schnell auf- und wieder abgebaut werden können, dass die Teilevielfalt sich in Grenzen hält und das Ganze auch noch wirtschaftlichen Betrachtungsweisen standhält. „Der Modellbahner wünscht sich originalgetreu aussehende Schienenfahrzeuge. Dafür müssen wir entsprechende technische Lösungen finden“, sagt Klaus-Dieter Nickl, der sich bei Märklin vor allem mit Gleiskonstruktionen und Signalanlagen befasst.

Ohne solche Kompromisse würde es keine Modelleisenbahn geben, denn eine Weiche mit einem Radius von 500 m würde im Maßstab 1:87 immer noch sechs Meter betragen. „Unsere Züge aber müssen mit einem Radius von maximal 43 cm auskommen, damit die Anlage überhaupt in ein Zimmer passt“. Entsprechend eng geht es auf dem Schienennetz zu. Die Wagen haben zwei Drehgestelle, in denen die Achsen liegen, und die über die Länge des Wagenbodens miteinander verbunden sind. Anders als bei ihrem großen Vorbild sind sie so konstruiert, dass sie bis zu 20 Grad schwenkbar sind.

Die Fangemeinde stört sich an solchen Kompromissen nicht. Doch geht es um die Optik, können schon Maßstababweichungen im Millimeterbereich Anlass zu herber Kritik geben. Und wer hört sich die schon gerne an?! MONIKA ETSPÜLER

märklin

Mit Puppenküchen fing es an

Der Name Märklin ist untrennbar mit Modelleisenbahnen verknüpft. Das war nicht immer so. Den Anfang machte der Firmengründer Theodor Friedrich Wilhelm Märklin 1859 mit der Fabrikation von Puppenküchen. Erst 32 Jahre später, zur Leipziger Frühjahrsmesse, präsentierte das Göppinger Unternehmen eine Uhrwerkbahn mit Schienenanlagen in Form einer Acht. 1895 nahm die erste mit Dampf und Elektrizität betriebene Spielzeugeisenbahn ihre Fahrt auf. Mittlerweile gibt es kaum einen historischen Zug, der von Märklin nicht nachgebaut wurde. Die wertvollsten davon sind in dem hauseigenen Museum zu besichtigen. Rund 300 Modelle – alle mit großer Detailtreue den Originalen abgeschaut – bringt die Firma Jahr für Jahr auf den Markt. Sie werden in vier verschiedenen Maßstäben und Spurweiten gebaut. Die kleinsten Bahnen haben einen Maßstab von 1:220 und eine Spurweite von 6,5 mm.

2000 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen heute. Seine Produktionsstätten sind in Göppingen, Sonneberg (Thüringen) und Györ (Ungarn). Die Firma Trix, die 1997 von Märklin übernommen wurde, hat in Nürnberg ihren Sitz. Der Gesamtumsatz betrug 1999 rund 320 Mio. DM. Der Exportanteil liegt bei 24 %, wobei der Löwenanteil in die Schweiz, nach Benelux sowie Österreich, Frankreich und in die USA geht. ME

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