Engineering 10.08.2007, 19:29 Uhr

Lernen in den Emerging Markets  

VDI nachrichten, Berlin, 10. 8. 07, sta – Die IAV GmbH zählt zu den Top-Entwicklungsdienstleistern der Autoindustrie. Einst von VW mitgegründet, erbringt sie heute Konstruktions- und Entwicklungsleistungen für fast alle wichtigen Hersteller und deren Zulieferer. Seit 2005 lenkt Ex-Daimler-Mann Kurt Blumenröder das Unternehmen. Im Gespräch erläutert er seine Strategie im unruhigen Fahrwasser des Automobilmarkts.

Blumenröder: (lacht) Die Bude hat immerhin 3000 Mitarbeiter. Sie arbeitet für alle namhaften Autohersteller und viele Zulieferer. Außerdem gibt es neben VW vier weitere Gesellschafter.

VDI nachrichten: Was hat Sie an der IAV gereizt?

Blumenröder: Ihre umfassende Kompetenz in Antrieb, Elektrik und Elektronik. Außerdem ihr Verständnis der vernetzen Systeme in modernen Fahrzeugen und ihr Blick fürs Gesamtfahrzeug. Diese Kompetenzen werden von OEM, also Herstellern sowie Zulieferern immer stärker nachgefragt.

VDI nachrichten: Die IAV hat als Motorspezialist angefangen und ihren Fokus über die Jahre stark erweitert. Wird noch als Spezialist wahrgenommen, wer zugleich Strukturteile, Interieur und Fußgängerschutz entwickelt?

Blumenröder: Heute ist es wichtig, alle „Gewerke“ eines Fahrzeugs vernetzt zu betrachten und die Wirkung einzelner Komponenten auf das Ganze zu verstehen und sie zu beherrschen.

VDI nachrichten: Ist es nicht Aufgabe der OEM, jede Komponente so zu spezifizieren, dass sie sich nachher vernünftig ins Gesamtfahrzeug integrieren lässt?

Blumenröder: In der Vorentwicklung ja. Unsere Stärke liegt in der Serienentwicklung. In der heißen Phase übernehmen wir die Verantwortung für Gesamtpakete inklusive Erprobung und Freigabe. Wenn dem OEM Ressourcen fehlen, können wir einspringen. Das hebt uns vom Wettbewerb ab.

VDI nachrichten: Haben die Hersteller keine Bedenken, Dienstleister wie die IAV ans Heiligste ihrer Entwicklungslabors zu lassen? Die wissen doch, dass Sie auch für die Konkurrenz arbeiten.

Blumenröder: Natürlich wollen OEM lieber alles selbst lenken. Wenn sie ideal mit ihren Zulieferern zusammenarbeiten würden, bräuchten sie uns auch nicht. Aber in den letzten 15 Jahren hat sich die Branche weit von idealer Zusammenarbeit entfernt. Die OEM ziehen sich auf ihre Kernkompetenzen zurück und wälzen immer mehr Verantwortung auf die Zulieferer ab …

VDI nachrichten: … die heute 70 % der Wertschöpfung erbringen.

Blumenröder: Oft noch mehr. Doch sie stehen unter enormem Kostendruck. Sie wollen am liebsten nur produzieren und zwar möglichst lange auf denselben Maschinen. Zulieferer haben wenig Interesse an Neuentwicklung, im Gegensatz zu den OEM, die genau davon leben. Da tut sich eine Lücke auf, in die wir stoßen.

VDI nachrichten: So gesehen müssten Sie eigentlich mehr für Zulieferer arbeiten als für OEM.

Blumenröder: Richtig. Doch wir arbeiten zu zwei Dritteln für OEM. Den Zulieferern fehlt Geld, um Entwicklung einzukaufen. Das schlägt sofort auf ihre knappen Margen.

VDI nachrichten: Also nur beschränkte Wachstumschancen für Sie. Wie sieht es im internationalen Geschäft aus?

Blumenröder: Seit 2005 haben wir sieben neue Gesellschaften gegründet. Unter anderem in Shanghai und in Indien.

VDI nachrichten: … wo Tata Motors gerade ein 200-$-Auto ankündigt. Was ist für IAV bei solchen Preisen drin?

Blumenröder: Die Hersteller dort versuchen, mit den Billigautos ihren Inlandsmarkt zu bedienen. Im zweiten Schritt wollen sie exportieren. Dafür müssen sie technisch aufrüsten.

VDI nachrichten: Und da wittern Sie Ihre Chance?

Blumenröder: Ja, natürlich. Wir haben Crashanlagen, Experten für passive Sicherheit, und das Know-how, Fahrzeuge von der Emissionsseite her für hiesige Märkte zu trimmen. Und umgekehrt gehen die europäischen OEM in die Emerging Markets. Die müssen von ihren hohen Standards auf lokale Standards runter.

VDI nachrichten: Und dafür brauchen sie eine IAV?

Blumenröder: Glauben Sie, dass die OEM-Konstrukteure, die 20 Jahre nur das Teuerste vom Teuren benutzt haben, plötzlich umdenken können? Ich nicht. Wir hingegen arbeiten längst auf den Emerging Markets. Wir sind mittendrin in der technischen Entfeinerung. Ich staune übrigens, wie viel wir dabei lernen. Der ganze technologische Schnickschnack der letzten 20 Jahre wird obsolet. Alles muss einfach sein, gut durchdacht. Was wir dort lernen, wird sich auch auf die Märkte hier auswirken.

VDI nachrichten: Als Ingenieur propagieren sie einfache Lösungen. Als Firmenlenker ist das nicht so leicht. Die IAV agiert dezentral und hat im Hintergrund fünf mächtige Gesellschafter. Haben sie keine Sorge, sich in dieser Konstellation aufzureiben?

Blumenröder: Auch dank der fünf Gesellschafter nimmt uns der Markt heute als unabhängig wahr.

VDI nachrichten: Werden die Gesellschafter ihre Anteile irgendwann vergolden – etwa an der Börse?

Blumenröder: Nein. Sie haben langfristiges strategisches Interesse an uns. Wegen der Margen steigt keiner bei Entwicklungsdienstleistern ein. Das Geld wäre anderswo besser angelegt.

VDI nachrichten: Die IAV ist seit 1984 von 34 auf 3000 Mitarbeiter gewachsen. Die Ingenieurquote liegt bei 57 % …

Blumenröder: … nächstes Jahr werden es über 60 % sein. Wir brauchen hervorragend ausgebildete Ingenieure. Wir konstruieren heute für Citroën, morgen für BMW und übermorgen für Toyota oder Bosch. Überall mit anderer Software und nach anderer Philosophie. Dafür brauchen wir Mitarbeiter, die flexibel im Kopf bleiben.

VDI nachrichten: Kriegen Sie die? Ihre Ingenieure dürfen ja kaum über ihre Projekte reden…

Blumenröder: … oft nicht einmal mit ihrer Frau. Selbst wenn wir einen kompletten Motor entwickeln, steht das nachher nicht drauf. Dennoch zieht die IAV dank ihres Wachstums, der Internationalisierung und bester Aufstiegschancen genügend Ingenieure an, die technologisch an vorderster Front arbeiten wollen. Etwa in der Hybridtechnik. Wir beherrschen die Mechatronik, Elektrik und Elektronik, um kurzfristig Hybride umzusetzen.

VDI nachrichten: Und gibt es eine Nachfrage danach?

Blumenröder: Ja. Wir entwickeln derzeit komplette Hybridantriebe für OEM. Nach den großen Einsparprogrammen fehlen dort Ressourcen, um solche Entwicklungen zu stemmen. Auch deshalb werden unsere Projekte größer. Vor fünf Jahren hatte die IAV 4500 Projekte pro Jahr. Heute sind es 3000 – aber bei steigendem Umsatz.

VDI nachrichten: Die Fortsetzung ihrer Wachstumskurve wird im hart umkämpften Automarkt nicht einfach.

Blumenröder: Richtig. Aber wir haben Pläne. Etwa in Richtung Produktionsplanung. Es gibt noch zu viele Brüche in den Prozessketten. Entwickler, Produktionsplaner und Logistiker müssen früher enger zusammenrücken. Da ruhen enorme Einsparpotenziale. Wenn wir durch engere Verzahnung unserer Entwicklungsdienstleistung mit der Produktionsplanung einen Bruchteil davon heben, dann sehe ich gutes Wachstumspotenzial.

Außerdem gehen wir massiv ins Nutzfahrzeuggeschäft. Das läuft seit Jahrzehnten antizyklisch zum Pkw-Markt und bietet uns die Chance, Ressourcen in Krisenzeiten umzusteuern statt abzubauen. Zudem haben wir gerade zwei Töchter gegründet: IAV Products vertreibt Geräte, die im Zuge von Projekten entwickelt wurden. Und Consulting4drive bedient Beratungswünsche der Zulieferer. Sie treten oft an uns heran, um sich Klarheit über Antriebstechnologien oder Bordnetze der Zukunft zu verschaffen. Wir haben die nötige Kompetenz dafür – und es wäre schade, dieses Potenzial nicht zu nutzen. PETER TRECHOW

Ein Beitrag von:

  • Peter Trechow

    Peter Trechow ist Journalist für Umwelt- und Technikthemen. Er schreibt für überregionale Medien unter anderem über neue Entwicklungen in Forschung und Lehre und Unternehmen in der Technikbranche.

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