Maschinenbau 25.05.2001, 17:29 Uhr

Kreischende Geburt in der Endlosschleife

Papierherstellung von heute hat viel mit Regelungstechnik zu tun, das wissen Ingenieure, die dort arbeiten. Je feiner das Zusammenspiel der Walzen, Pumpen und Motoren, desto breiter werden die Bahnen. Und, um profitabel zu arbeiten, ist die Papierherstellung auf Altpapier angewiesen.

Es regnet; dicke silbrige Tropfen schlagen aus einem grauen Himmel auf buntes Papier. Die Farben explodieren. Das helle Rot der Bild-Zeitung mischt sich mit dem tieferen Ton der Berliner taz. Focus und Spiegel schmieren sich gegenseitig die Seiten voll. D 39 ist das. Die ganze deutsche Presse auf einem zerlesenen Haufen. Doch der Baggerfahrer hat dafür kein Auge. D 39 heißt für ihn nur: Untere Qualität, Illustrierte und 60 % Zeitungen, ohne Kleberücken. Tonnen über Tonnen. Gemischt mit D 29. Das ist noch schlechter. Illustrierte und dergleichen. Achtung: Nicht nadel- und klammerfrei dafür ohne Kleberücken. Mit Kleberücken müsste es D 21 heißen. Der deutsche Katalog der Altpapierarten umfasst gut 40 Sorten. Ein heilloses Durcheinander.
Aber keine Angst: Philipp Katz kriegt das wieder hin. Philipp Katz, der Ingenieur, ist unser Mann. „Ein sehr guter Mann“, wie die Geschäftsführung sagt. Und ein sehr fleißiger Mann, wie man schließen darf bei einem, der jeden Tag 12 bis 16 Stunden arbeitet und Chef der Papiermaschinen Drei und Vier ist – in der Papierfabrik Lang in Ettringen, Unteres Allgäu. Katz hat in Spanien und Südafrika gearbeitet. Seine Papiermaschine Drei erreichte im vergangenen Jahr die zweitbeste Leistung unter ihresgleichen in Europa . Ein Vizeeuropameister der Papiermacherkunst also.
Papiermaschine, das klingt so banal. PM heißt das bei Lang. Das klingt schon besser. PM 3, PM 4 und PM 5. Filigrane Dinosaurier des Maschinenbaus. Investitionen von einigen 100 Mio. DM, die unter Kreischen und Schreien Kilometer um Kilometer Papier gebären. Eine schwierige Geburt in der Endlosschleife: Tag und Nacht, in vier Schichten. Alles für den Stoff, auf dem die Meinungsfreiheit fußt. Doch halt, zurück. So weit sind wir noch nicht.
Auftritt Michael Lang. Pausbackiger Gründer mit schwarzem Anzug und buschigem Schnauzer. Ton: Gebieterisch. Er lässt dort 1911 die Papiermaschine PM 1 des Maschinenherstellers Voith aufstellen. Sie wird laufen und laufen, über zwei Weltkriege hinweg bis 1985, da ist ihr geistiger Vater schon lange tot.
Zurück im Jetzt: Die roten Backsteinwände im alten Teil der Papierfabrik Lang gehören zu dem, was vom Gründer geblieben ist. Auch der nass-faulige Geruch nach eingeweichtem Holz, das Quietschen und Reiben werden schon vor hundert Jahren die Besucher angesprungen haben. Philipp Katz steht unter dem „Schleifer 8“, einer archaischen Maschine mit stählernen Ausformungen auf einem hohen Betonsockel. Eine primitive Provokation für einen, der Papiermaschinen beherrscht.
Katz lächelt etwas gequält. Doch da müssen wir durch, denn hier beginnt der Weg vom Holz zum Papier. Auch wenn die frischen Stämme nur noch einen kleinen Teil der Rohstoffe für die Lang’sche Papierproduktion ausmachen. Altpapier ist günstiger. „Ohne das Altpapier könnten wir in Ettringen nicht mehr kostendeckend produzieren“, sagt Katz.
Nur noch ein knappes Fünftel beträgt der Anteil des Holzschliffs unter den Papierrohstoffen der Firma Lang. Vor hundert Jahren bestand das Papier aus Holzschliff und alten Lumpen. Heute nimmt man 80 % Altpapier und 3 % Cellulose, die in großen weißen Ballen angeliefert wird. Als knittriges, sehr dickes und festes Papier, das an Krepp erinnert, kommt sie in die Fabrik. Cellulose, erklärt Katz, sei chemisch aufbereitetes Holz. Mit Natronlauge oder Sulfit wird der Ligninanteil aus Holzschnitzeln ausgewaschen. Was bleibt, ist der reine Zellstoff dessen lange Fasern dem Papier die nötige Festigkeit geben. Doch bevor man Holzfasern und Cellulose mit den Fasern aus dem Altpapier mischt, muss das Altpapier wieder zerfasert und jede Faser gereinigt werden.
Dazu wird es in Wasser aufgelöst. Klammern und anderes lassen sich in einer Zentrifuge entfernen. Um die Farbpartikel aus dem Gemisch zu trennen, fließt die Papier-Wasser-Suppe durch Becken, in die von unten Luft eingeblasen wird. An den Luftblasen bleiben die Farbpartikel kleben und lassen sich als schwarzer schleimiger Schaum abtragen. „Ruß“, sagt Philipp Katz und lehnt sich an das Förderband am Ende der Recyclingstraße.
Das Altpapier ist für Katz Routine, die Papiermaschinen sind seine Kür. Ihnen haben die Lang’schen Architekten einen leuchtenden Dom errichtet: Graue, kühle Kunststofffassaden, geschmückt mit gelben Rechtecken. Die Halle ist groß wie ein Hangar, eine Seite ganz aus Glas, so dass Mond und Sonne der Maschine zusehen können: PM 5, 410 Mio. DM, länger als ein Fußballfeld, hoch wie ein mehrstöckiges Haus. „Und im Zusammenspiel so komplex wie ein Flughafen“, sagt Katz.
Über 20 Firmen waren nötig, um die PM 5 zu bauen. Hauptlieferant war wie einst die Firma Voith, die nach etlichen Fusionen Voith Sulzer heißt. Um die Rieseninvestition herum glänzen die Böden wie in einem Schweizer Krankenhaus, Deckenstrahler tauchen den Giganten in ein helles Licht.
Männer, die im Schweiße ihres Angesichts irgendeinem Takt der Maschine gehorchen, gibt es hier nicht: Das sind nur noch Klischees aus einer längst vergangenen Industriewelt. Fünf Leute regeln die Anlage. In einem Leitstand sitzen sie schallgeschützt und vollklimatisiert vor zwei Dutzend Monitoren um Drehzahlen, Stromaufnahmen und Papierqualitäten zu überwachen. Auch hier alles wie geleckt: Nur eine Schweizer Kuhglocke lockert die Monotonie auf.
Die Papiermaschine sieht auf den ersten Blick aus wie eine Druckmaschine: Nur größer, breiter und lauter. Ein pulsierendes, ohrenbetäubendes Pfeifen wie von anlaufenden Flugzeugturbinen geht von ihr aus. Hier rotieren tonnenschwere Walzen und arbeiten 250 Pumpen, 85 Antriebe und 200 Motoren. Irgendwo am Kopf spritzen Pumpen eine dünne Papiersuppe in das Ungeheuer. Man sieht es nicht. Fasern, Chemikalien und Füllstoffe wie Carbonate und Silikate machen dort nur 1 % aus. Der Rest ist Wasser. Die Aufgabe der Walzen, Filterbänder und Motoren besteht darin, das Wasser möglichst schnell aus dieser dünnen Mischung zu entfernen.
Das geschieht rasend: Auf den ersten Metern wird die Papiersuppe noch zwischen zwei Bändern gehalten. Unterdruck saugt das Wasser ab, doch die Methode reicht nur für einen Papiergehalt von 20 %. Dann kommt die Pressenpartie, in der Siebe und Papier sich zwischen zwei Walzen hindurch quetschen müssen wie Bettwäsche durch eine Mangel, damit der Faseranteil auf etwa 50 % ansteigt: Das alles geschieht bei 120 Stundenkilometern oder 2000 Metern pro Minute. So enteilt das Band der Presse, um im Zickzackkurs über 38 heiße Walzen zu flitzen, die dem Papier das letzte Wasser austreiben: Nach wenigen Sekunden ist aus der schwimmenden Faser ein Stück Papier geworden, fertig zum Bedrucken.
„Der technische Fortschritt von einer Papiermaschine zur nächsten liegt in der Regeltechnik“, erklärt Katz. Je feiner das Zusammenspiel der Walzen, Pumpen und Motoren, desto schneller können die Walzen sich drehen und desto breiter werden die Papierbahnen. Die PM 1 erlaubte gerade mal 2,45 m breite Papierbahnen. Die Bahnen der PM 5 sind über 8 m breit. Jedes Jahr wickelt die Maschine 280 000 Tonnen Magazinpapier auf – in drei Tagen das, wofür die Maschine des Gründers ein Jahr brauchte. MARKUS FRANKEN

Neue Papierfabrik nach Ettringer Vorbild

Knappheit lässt Papierpreise steigen

Selbst die Leser der Bild-Zeitung trifft es jetzt: Weil Papier in Deutschland knapp geworden ist, kostet die Zeitung am Kiosk in Zukunft 80 Pf statt 70 Pf. Der Axel Springer Verlag sah sich gezwungen, auf die anhaltende Papierknappheit zu reagieren, die im vergangenen Jahr bei einigen der 27 Springer-Druckereien „zu bedrohlich niedrigen Lagerbeständen“ geführt hatte, wie der Leiter des Beschaffungswesens Herbert Woodkli in der Fachzeitschrift Kress-Report einräumt.
Der Grund für die Knappheit: Die Preise für Papier schwankten in den 90er Jahren zwischen 75 DM und 120 DM je Tonne Zeitungspapier. Papierhersteller wie die Myllykoski Gruppe scheuten darum die Investition von rund 400 Mio. DM für eine neue Papierfabrik.
Der Papierhersteller und die großen Verlage wie Springer, WAZ, Süddeutscher Verlag und die FAZ haben darum einen langfristigen Abnahmevertrag über 5 Jahre geschlossen. Dadurch hat die Myllykosky Gruppe die Investitionssicherheit bekommen, in Mochenwangen in Baden-Württemberg eine neue Papierfabrik nach dem Vorbild des Werkes in Ettringen aufzubauen. Die neue Fabrik soll ab Mitte 2002 jedes Jahr 250 000 Tonnen Zeitungspapier herstellen. mf

 

Ein Beitrag von:

  • Marcus Franken

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