Engineering 16.05.2003, 18:25 Uhr

Investgüterindustrie zwischen Innovation und Vergreisung

„Innovation – das ist die Chance in der Krise“, sagt VDMA-Präsident Diether Klingelnberg. Die Innovationsbudgets der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer steigen 2003 zwar auf 6,1 Mrd. €, aber bei den kleinen Firmen fehlen die freien Ressourcen zur Finanzierung neuer Produkte.

Diether Klingelnberg, der Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), setzt seiner Branche hehre Ziele. „Wir sind ein höchst innovativer Industriezweig, und wir wollen Weltspitze bleiben“, postulierte er vor der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung Anfang dieser Woche in Düsseldorf.
Leichter gesagt als getan angesichts der massiven Hemmnisse, die den Weltmeister im Maschinenexport zunehmend daran hindern, seinem Innovationsdrang freien Lauf zu lassen. Gemessen an den weltweiten Exporten kommt der deutsche Maschinenbau mit seiner 80 Mrd. !-Ausfuhr auf einen Weltanteil von einem Fünftel und liegt damit klar vor Japan und den USA. 2002 kam die deutsche Vorzeigebranche in 15 Fachzweigen auf Platz Nr. 1, in zehn auf Platz Nr. 2. Zwei Drittel des Umsatzes verkauft der deutsche Maschinenbau ins Ausland.
Klingelnberg ist nicht nur besorgt wegen eventueller Handelshemmnisse: Neben den hohen Steuern, von denen gerade die mittelständischen Unternehmen betroffen seien, den ausufernden Lohnnebenkosten, der paralysierenden Bürokratie, der Unflexibilität des Arbeitsmarktes und der permanent zu kurzen Finanzdecke kritisiert er auch den Mangel an qualifiziertem Personal. „Wir benötigen gut ausgebildete Ingenieure, vor allem in der Konstruktion“, betont er.
Den Bedarf an mehreren Tausend Ingenieuren pro Jahr würden viele Hochschulen nur unzureichend befriedigen, weil die Ausbildung den technologisch hohen Ansprüchen an künftige Führungskräften kaum noch entspreche, kritisiert der VDMA-Präsident. Denn die Zeiten, in denen Zahnrad und Mechanik den Wert der Maschinen bestimmten, seien endgültig vorbei.
Moderne Maschinenbaufirmen benötigen, um den Markttrends gerecht zu werden, Mitarbeiter, die interdisziplinäres Wissen mitbringen. Und ein hohes Arbeitstempo sollten sie schaffen: Denn von der Entwicklung bis zur Einsatzreife der Anlagen werden die Zyklen immer kürzer. Klingelnberg: „Die Maschinen müssen heute innerhalb von zwei Jahren Ready for Market sein.“
Aus seiner Sicht fehlt in Deutschland eine effiziente Forschungs- und Bildungsstrategie, die es dem Maschinenbau ermöglicht, seine Leistung weiter auszubauen und die Chancen an den Weltmärkten voll wahrzunehmen. Für Klingelnberg eine Erkenntnis, die für die Industrie generelle Gültigkeit besitzt.
Der Politik werde es nach den Jahrzehnten der Leistungs- und Technikfeindlichkeit nur dann gelingen, neue Arbeitsplätze zu schaffen, wenn sie ihren Fokus endlich wieder auf Produktivität und Innovation lege. Auch das mit 17,5 Mrd. ! bis 2006 dotierte neue europäische Forschungsförderungsprogramm setze falsche Schwerpunkte. Schwierig sei der Zugang für Unternehmen, die einerseits zu groß sind, um die KMU-Programme zu nutzen (40 Mio. ! Umsatz, 250 Beschäftigte) aber anderseits zu klein, um eine wichtige Rolle in den Großprojekten zu spielen.
„Die Rahmenbedingungen für Innovationen müssen dringend verbessert werden“, bringt Klingelnberg das generelle Anliegen seiner Branche auf den Punkt. Denn die Gefahr der Vergreisung – im doppelten Sinne, also für Mensch und Maschine – stehe im Raum, wenn die Politik weiterhin so kurzsichtig handele wie im letzten Jahrzehnt.
Offenkundig verlässt sich der deutsche Maschinen- und Anlagenbau deshalb nicht mehr allein auf die politische Führung. Längst initiiert, betreut und finanziert der VDMA eigene Zukunftsprojekte, inzwischen jährlich 300 an der Zahl. Sie werden von den Unternehmen definiert, ausgesucht und an Forschungseinrichtungen vergeben. Die besten Institute und Hochschulen erhalten den Projektzuschlag. „Wir leisten damit einen erheblichen Beitrag zur Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses“, betont der VDMA-Präsident.
Der deutsche Maschinenbau ist Treiber von Innovationen für alle anderen Branchen. Der Anteil der Unternehmen mit Marktneuheiten ist deshalb mit 43 % viel höher als in der Industrie insgesamt (28 % im Jahr 2001), wie die gerade veröffentlichte neueste Befragung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim, im „Innovationsreport Maschinenbau 2003“ ausweist.
Tobias Schmidt, Autor des Branchenreports: „Im deutschen Maschinenbau ist der Innovatoren-Anteil zwar leicht auf 73 % der Unternehmen zurückgegangen, aber immer noch höher als im Industriedurchschnitt (61 %). Innovatoren sind Firmen, die im zurückliegenden Dreijahreszeitraum zumindest ein Innovationsprojekt nach eigener Einschätzung erfolgreich abgeschlossen haben. Immerhin noch 19 % der Firmen führten Prozessinnovationen ein, die zu Kostensenkungen führten vom Spitzenwert aus dem Jahr 1996 sind die Maschinenbauer damit aber 25 Prozentpunkte entfernt. Sind nun alle Potenziale ausgereizt?
Nur, „Was sollen die Unternehmer tun in einer seit Jahren lahmenden Konjunktur ?“, fragt Klingelnberg. „Viele setzen den Fokus auf Kunden, Kosten, Leistungen und Verkauf. Wissend, dass dies zur Absicherung der Zukunft nicht ausreicht.“ WNB/KÄM

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