Engineering 02.08.2002, 18:21 Uhr

Ingenieure müssen lernen, Erlebniswelten zu schaffen

Entwickler sollten sich nicht allein auf technische Details konzentrieren. Neue Produkte setzen sich nur durch, wenn sie auch Emotionen wecken können. Das technologiezentrierte Innovationssystem muss zur verwendungsorientierten Innovationskultur werden.

Innovationsforschung wird seit gut einem Jahrzehnt unter dem konzeptionellen Überbau des „Nationalen Innovationssystems“ betrieben. Zu diesem System gehören die großen institutionalisierten Akteure: der Staat, die Wirtschaft, das Bildungs- und Forschungssystem. Nach diesem Ansatz ist es die Kunst der Regierenden, dieses System so auszutarieren, dass es ein Maximum an Innovationen hervorbringt, die ihrerseits wirtschaftliches Wachstum und – man wagt es kaum noch zu schreiben – Vollbeschäftigung sichern. Das „Nationale Innovationssystem“ ist eine Veranstaltung ohne Konsumenten. Diese, so die implizite Vorstellung, werden die wunderbaren neuen Produkte schon kaufen. Man muss sie nur erfinden und produzieren. Forschungs- und Innovationspolitik im „Nationalen Innovationssystem“ ist eine Angebotsveranstaltung, deren Aufgabe es ist, neue Technologien hervorzubringen, ohne sich groß um deren Verwendung zu kümmern. Sie orientiert sich kaum an den größten Wirtschaftssektoren, wie etwa Tourismus und Krankenpflege, was man bei der Aufgabe der langfristigen Beschäftigungssicherung eigentlich vermuten müsste. Statt dessen vertraut sie darauf, dass immer neue technologische Hebel das Geschäft schon von alleine besorgen werden.
Störend für dieses Vertrauen ist allerdings der empirische Befund, dass Erfinden trotz unserer Bewunderung des Neuen zu den erfolglosesten Tätigkeiten überhaupt gehört. Wer ein Patent anmeldet, macht in der Regel entweder die Erfahrung, dass es die Erfindung schon gibt, und darum gar kein Patent erteilt wird. Oder das endlich erteilte Patent wird später nicht ausgeübt. Tatsächlich wird das Meiste, was erfunden wurde, nicht gebraucht. Glücklicherweise unterscheiden wir uns da nicht von unseren internationalen Konkurrenten. Aber am Ende geht es doch nicht allen genau gleich und das verschafft den marginal Schlechteren in diesem verschwenderischen Spiel Wettbewerbsnachteile und Wachstumsschwächen. Leider gehören wir seit einiger Zeit zu dieser Gruppe. Inkrementelle Innovationen vertrauter Technologien bringen wir noch in beachtlicher Zahl hervor aber das wirklich Neue kommt von draußen. Warum findet unser hoch entwickeltes Innovationssystem diese neuen Produkte nicht? Meine These: Weil es sich gegenüber den Märkten als Angebotssystem verhält und die heute entscheidenden kulturellen, „weichen“ Faktoren des Innovationsgeschehens nicht in den Blick bekommt. Das Konzept des angebotsorientierten Innovationssystems ist zu eng und muss durch das weiter greifende der Innovationskultur ersetzt werden.
War es in der Industriegesellschaft der sechziger Jahre noch nahe liegend, dass viele Menschen sich für technische Parameter begeistern konnten und dann schon eine Verwendung für die schnelleren, stärkeren und komplexeren Produkte fanden, so kann das in unserer heutigen Dienstleistungsgesellschaft nicht mehr erwartet werden. Für technische Parameter interessiert sich nur noch eine Minderheit. Sie sind, was sie vernünftigerweise immer schon hätten sein sollen: Mittel zum Zweck. Der Zweck aber ist fast immer eine Dienstleistung oder ein Erlebnis, deren Werte kulturell und nicht technisch bestimmt sind. Technische Konsumgüter sind längst zu Kleidern geworden. Deren Warmhalte- und Schutzfunktion ist eine selbstverständliche Nebensache. Entscheidend ist, wie sie aussehen, wie wir uns darin fühlen, ob sie zu uns passen.
Das Vertrauen, dass optimierte Technik schon ihren Absatz finden wird, zielt auf eine unwiderruflich vergangene Gesellschaft, in der die Mehrheit der Erwerbstätigen industrielle Werte im Kopf mit nach Hause brachte. Heute konzentrieren sich diese Köpfe auf Dienstleistungen. Entsprechend anders bewerten sie das Produktangebot. Die entscheidenden Parameter von Dienstleistungen bestehen aus persönlichen Erfahrungen, Empfindungen, Träumen und Ängsten. Hier werden die Farbe und die Form, die mit dem Produkt verbundenen sozialen Botschaften, seine Fähigkeit Kontakt zu knüpfen und seine Rücksicht auf unsere Lernmüdigkeit viel wichtiger als jedes Datenblatt. Wer, außer Ingenieuren, liest das schon? Oder gar Gebrauchsanweisungen? Doch nur, wer ohnehin von dem neuen Ding frustriert ist und den Kauf schon wieder bereut. Dann für das Geld doch lieber gleich tanzen gehen oder schicke Kleider kaufen. Das ist am Ende die verlässlichere Strategie, um sich seines Lebens zu freuen.
Technik dient in unseren wohlhabenden Gesellschaften längst nicht mehr überwiegend dem Stillen von materiellen Basisbedürfnissen wie Ernährung und einem sicheren, warmen Unterschlupf. Technik dient heute vor allem der Erzeugung von Erlebniswelten, die gleichermaßen seelische Geborgenheit und Lebenszuversicht, aber auch spielerische Lust vermitteln sollen. Wenn wir einen neuen Anzug brauchen, dann nicht, weil der alte seine Warmhaltefunktion verloren hat, sondern weil er nicht mehr schick ist. Die erfolgreiche Innovation beginnt beim guten Gefühl, bei der richtigen Botschaft und der Zuversicht, dass das neue Ding keinen Stress bereitet, sondern gut tut und am Ende vielleicht auch Spaß macht. Hier, im vielfältigen Alltag, und nicht in den Labors, stehen die Wegweiser für neue Märkte. Insofern sind die großen Akteure des Innovationssystems schlechte Trend Scouts. Sie denken vielleicht richtig aber sie fühlen oft falsch oder gar nicht, weil sie auf die nackte Technik fixiert sind.
Für Ingenieure und Forscher hat diese unaufhaltsame Perspektivverschiebung der Märkte erhebliche Folgen. Mit dem Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft sind sie zu einer kulturellen Minderheit geworden, deren Reflexe und Werthaltungen nicht mehr so einfach mit denen der Konsumentenmehrheit harmonieren. Das oft gehörte, letztlich hilflose Jammern nach Technikakzeptanz ist da eher Ausdruck fehlender Lern- und Anpassungsfähigkeit auf Seiten der Technik. Konnten Ingenieure sich vor zwanzig oder dreißig Jahren noch darauf verlassen, dass sie die Bedürfnisse ihrer Umgebung intuitiv richtig erfassen, so ist das heute in zweifacher Hinsicht nicht mehr der Fall. Zum einen konstruieren sie für kulturell Fremde in der eigenen Gesellschaft zum anderen bestehen die globalisierten Märkte ohnehin ganz überwiegend aus anderen Kulturen. Letzteres schlägt dann noch einmal auf die heimischen Märkte zurück, da viele neue Konsummoden ihren Ursprung im Import aus anderen Kulturräumen haben. Wir sehen amerikanische Filme und hören amerikanische Musik, lieben das Design und die Gimmicks japanischer und finnischer Elektronik und baden in der Karibik. Multinationale Unternehmen kennen dieses Spiel mit den kleinen kulturellen Reizen und lassen z.B. ihre Produkte in Kalifornien gestalten.
Da wir unsere Arbeitsplätze nicht ebenso einfach um die Welt tragen können, wie die Autoindustrie ihre Designstudios, müssen wir lernen, zu Hause kulturell beweglich zu werden. Ingenieure müssen lernen, dass ihre letztlich Ingenieur spezifische Spontaneität und Intuition nicht ohne weiteres die Bedürfnisse der Märkte widerspiegelt. In der Konkurrenz um Käufer geht es nicht darum Recht zu haben, sondern Erwartungen und Träume zu erfüllen, auch wenn man sie nicht teilt. So wie wir gelernt haben, alles auf Englisch zu sagen, müssen wir auch lernen, neue Produkte in kulturellen Parametern und Dienstleistungskontexten zu denken. Aus der stillschweigenden Innovationskultur der Werkstatt und des Labors, die unseren Eltern noch so gut gedient hat, muss die explizite Innovationskultur der Erlebnis- und Dienstleistungsgesellschaft werden. Hier ist kulturelle Mehrsprachigkeit gefordert. Die kann man lernen – genau wie Englisch.
Um erfolgreiche Innovationsprozesse zu verstehen und ihnen optimale Bedingungen bereiten zu können, muss die Innovationsforschung von dem Paradigma des technologiezentrierten Innovationssystem zum Paradigma der verwendungsorientierten Innovationskultur wechseln. Es geht jetzt darum, kulturell bedingte Nachteile im globalen Innovationswettbewerb verlässlich zu analysieren, um sie auch zuverlässig minimieren zu können. Und das alles, ohne die nach wie vor ganz unbestreitbaren Stärken der deutschen Innovationskultur auf dem Feld der inkrementellen Innovationen zu beschädigen.
ULRICH WENGENROTH

Prof. Dr. phil. Ulrich Wengenroth
ist Ordinarius für Geschichte der Technik an der TU München, Mitglied des Berufspolitischen Beirats des VDI und Leiter des vom BMBF geförderten Verbundes „Innovationskultur in Deutschland“. In Forschungsprojekten zu „Wissensformen in Ingenieurwissenschaften“ und zu „Technik und Konsum“ setzt er sich mit der geistes- und sozialwissenschaftlichen Dimension der Technik in historischer Perspektive auseinander. Internet:
www.lrz-muenchen.de/~Ulrich_Wengenroth sta

 

Von Ulrich Wengenroth
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