Anlagenbau 12.07.2002, 18:20 Uhr

Für die Azubis bricht eine Welt zusammen

Die Babcock-Krise trifft nicht nur tausende von MitarbeiterInnen, die seit Jahren bei dem Unternehmen arbeiten, sondern auch viele Jugendliche, die schon am Anfang ihres Berufsleben mit der Unsicherheit leben müssen, nicht einmal mehr ihre Ausbildung ordentlich beenden zu können.

Lasst uns mal nicht in Panik verfallen“, versuchte der Jugendvertreter im Babcock-Betriebsrat, Thorsten Bogen, diese Woche die Azubis bei Babcock zu beruhigen. Einfach war das nicht. „Manche Azubis“, erinnert sich Ausbildungsleiter Rainer Postulka, „kamen uns mit Tränen in den Augen entgegen als sie hörten, dass das Unternehmen nicht zu retten war“.
Kein Wunder.
„Ich weiß nicht mal, wie ich meine Miete bezahlen soll.“ Friederike Peetz gehört zu den wenigen Mädchen, die bei Babcock eine Ingenieurausbildung machen. Drei Monate arbeitet sie in der Ausbildungswerkstatt bei Babcock in Oberhausen, drei Monate büffelt sie an der Berufsakademie Mannheim für ihren Abschluss als Maschinenbauingenieurin, das ganze über drei Jahre. Deshalb muss sie in Oberhausen und in Mannheim ein kleine Bleibe finanzieren. „Aber ich kann doch meinem Vermieter nicht dauernd sagen, das wird schon mit der Miete.“
„Ein bisschen“, weiß Postulka, „leben die jungen Leute bei uns von der Hand in den Mund.“ Doch selbst das wird immer schwieriger. „Wir haben ja noch nicht einmal das Juni-Gehalt bekommen“, klagt Friederike Peetz. Und Geld ansparen für schwierige Zeiten ist als Azubi kaum möglich.
130 Azubis hat Babcock Borsig derzeit, gut 20 lernen an den Schweiß- und Fräsmaschinen der Ausbildungswerkstatt in Oberhausen, der Rest ist auf die Konzerngesellschaften verteilt. Doch allen wird das Geld knapp, nicht nur fürs Benzin, auch fürs Essen. „Wir versuchen“, so Postulka, „Härtefälle abzufangen“. „Aber“, räumt er auch ein, „es ist schon eine Welt zusammengebrochen für die Azubis.“
Nicht nur für die. Gut 2500 Mitarbeitern allein in der Konzernzentrale Oberhausen droht das Aus.
Und für Oberhausens Oberbürgermeister Burkhard Drescher (SPD) ist klar, warum: „Der Babcock-Chef hat die Interessen der Mitarbeiter und des Unternehmens verkauft, um seine eigene Haut zu retten.“ Babcock-Chef Klaus G. Lederer, derzeit abgetaucht, habe „keine seiner Zusagen eingehalten“, schimpft Drescher: „Und das alles auf dem Rücken der Beschäftigten und ihrer Familien.“
2000 von ihnen machten sich Dienstag letzter Woche zum Düsseldorfer Landtag auf, um gegen den drohenden Jobverlust zu protestieren. Doch die Proteste blieben zurückhaltend, keine Mahnwachen vor der Zentrale oder den Häusern der Chefs wie 1986 im Fall Rheinhausen, keine Streikandrohungen.
Dafür ein ökumenischer Gottes- dienst in der Werkskantine von Babcock Borsig. „Mit 200 Besuchern hatte ich gerechnet“, wundert sich Dieter Hofmann, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Oberhausen und Pfarrer im Stadtteil Alstaden, wo in vielen der niedrigen ein- bis zweistöckigen Siedlungshäuser Babcock-Beschäftigte und -Rentner wohnen. Aber es kamen 650.
„Schock und Sprachlosigkeit“, bekam der Pfarrer zu spüren, „Wut, weil die Information über den Zustand des Unternehmens so spät kam“, aber auch konkrete Existenzängste wegen ausstehender Gehaltszahlungen. „Jetzt klingeln doch schon bei der Sparkasse die Telefone, weil viele fürchten, ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen zu können“, vermutet auch der Oberhausener SPD-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Grotthaus, der selbst viele Jahre lang Betriebsratsvorsitzender der Babcock-Tochter DBA war.
Doch wirklich lautstarker Protest der Betroffenen blieb aus. „Es gibt so etwas wie einen Gewöhnungseffekt für Veränderung“, vermutet Superintendent Hofmann.
Und die Veränderung, die die Stadt in den letzten Jahren 40 000 Arbeitsplätze in der Montanindustrie gekostet hat, wird weiter gehen – im Kleinen wie im Großen und was auch immer aus Babcock wird.
Das trifft ebenso zu für die Hähnchenbraterei Grewe im nahe gelegenen Bero-Einkaufszentrum, wo Dorothea Bauer jetzt fürchtet, dass „nach dem Teuro mit der Babcock-Pleite der zweite Einbruch kommt“, wie für die Änderungsschneiderei Statulla, die viele Babcock-Kunden hat.
„Sicher sind wir Babcock als Sponsor los“, vermutet auch Babcock Betriebsrat Manfred Buil. Denn Buil ist nicht nur Vertreter der Arbeitnehmer, sondern auch Vorsitzender der Babcock-Karnevalsgesellschaft „Dampf drauf“ – mit 430 Narren die größte in Oberhausen.
Jetzt muss Buil damit rechnen dass der „Dampf drauf“-Prunkwagen für den nächsten Rosenmontag nicht mehr in einer Babcock-Halle gebaut werden kann, und dass ihm auch der Werkschutz nicht mehr beim Rosenmontagszug wird helfen können.
Über 21 Jahre ist Buil bei Babcock, hat „viele Höhen und Tiefen mitgemacht“. Und manchmal glaubt man, aus seinen Worten so etwas wie Erleichterung darüber zu hören, dass jetzt bei Babcock endlich mal ein klarer Schnitt gemacht wird.
„Das Kerngeschäft wird bleiben und in eine Auffanggesellschaft übergehen, mit der Konzentration auf Energie-, Umwelttechnik und Service haben wir gute Chancen.“ Und auch sein Karnevalsverein, hofft Buil, „ist nicht am Ende, es wird weitergehen.“
Ein Satz, so hoffen auch alle Azubis im Werk, der genauso gut für Babcock gilt.
Denn den Auszubildenden wird in Oberhausen nichts Vergleichbares geboten. „Wo kann man denn schon in so viele Arbeitsbereiche hineinschauen wie bei Babcock?“ sorgt sich Azubi Timo Gryzan.
Wenn Babcock in die Knie geht, dann verliert die Region deshalb auch eine wichtige Perspektive gerade für die Jugendlichen. Babcock hat Jahr für Jahr etwa 50 junge Leute zu Zerspanern oder Gießereimechanikern, technischen Zeichnern oder Bürokaufleuten ausgebildet. „Babcock hat immer die besten ausgewählt und wer bei Babcock lernte, hat meistens auch einen Spitzenabschluss hingelegt“, versichert Paul-Gerhard Schewe, beim Arbeitsamt Oberhausen zuständig für die Auszubildenden und Berufsanfänger.
Derzeit sind die aber mit ihren Gedanken ganz woanders. Das bekommt auch Andreas Loos zu spüren, Berufsschulpfarrer am Hans Sachs Berufskolleg, das keine zehn Minuten zu Fuß von Babcock entfernt liegt. „Hier schwanken alle zwischen Wut, Trauer und Zuversicht“, schildert er die Reaktionen seiner Schüler und Schülerinnen.
Noch will keiner der Azubis die Brocken hinschmeißen, doch vor allem diejenigen, die gerade ihre Ausbildung als technische Zeichner oder im Metall verarbeitenden Bereich begonnen haben, machen sich Sorgen, ob sie ihre Ausbildung auch noch beenden können. „Sie sind sauer auf “die da oben““, so Loos, aber auch ein wenig auf den Betriebsrat, der sich besser hätte informieren und die Belegschaft rechtzeitig warnen müssen. Zumal es kaum genug Unternehmen in Oberhausen gibt, die die Azubis übernehmen könnten.
Friederike Peetz macht sich deshalb schon mal schlau, was ihr von ihrer Babcock Ausbildung an einer Technischen Universität angerechnet würde. „Ich höre mich zumindest mal um.“
Aber wenigstens ihren Vermieter hat sie wohl bald vom Hals – ab dem 22. Juli soll in den betroffen Unternehmen Insolvenzgeld an die Mitarbeiter ausgezahlt werden.
T.FINKEMEIER/W.MOCK

Oberhausen
Der Arbeitsmarkt
in Oberhausen unterscheidet sich – noch – positiv von dem des gesamten Ruhrgebiets. In Oberhausen gab es im Juni 2002 eine Arbeitslosenquote von 10,6 % gegenüber 11,3 % (Mai 2002) im Ruhrgebiet insgesamt. Gegenüber dem Juni des Vorjahres (11,3 %) ist das für Oberhausen eine leichte Verbesserung. Das kann sich ändern, wenn alle 2600 Arbeitsplätze im Babcock-Stammwerk in Oberhausen wegfallen. Das wird auch die Oberhausener Erfolge im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit bei den Unter-25-Jährigen treffen: Hier liegt die Quote für die Stadt Oberhausen derzeit bei 9,2 %, im gesamten Ruhrgebiet jedoch bei 12,4 % (Februar 2002). Im Vergleich mit Arbeitsamtregionen wie Gelsenkirchen mit 17,8 % Arbeitslosenquote oder Duisburg-Hamborn (14,5 %) steht Oberhausen noch deutlich besser da. moc

Von T.Finkemeier/W.Mock
Von T.Finkemeier/W.Mock

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