Engineering 19.11.2004, 18:35 Uhr

Fliegende Bauten

Auch wenn bei der Achterbahnfahrt vor Schreck fast das Herz stehen bleibt, wirklich gefährlich wird es nie. Ingenieure sorgen dafür, dass die Besucher von Vergnügungsparks und Kirmesplätzen bei allem Nervenkitzel einen sicheren Spaß erleben.

Schon vor der Fahrt beginnt es zu prickeln, richtig aufregend wird es dann während der Fahrt, wenn enorme Kräfte wirken oder der freie Fall in einer Gondel simuliert wird und für ganz kurze Momente Schwerelosigkeit herrscht. Auch Judith Skolnik liebt diesen Thrill und hat den Vorteil, aus beruflichen Gründen die wildesten Fahrgeschäfte ausprobieren zu können. „Ich gehe auf jedes Fahrgeschäft und habe immer ein gutes Gefühl“, sagt die im Fachgebiet Mechanik promovierte Bauingenieurin. Als Mitarbeiterin der für Fliegende Bauten (so die offizielle Bezeichnung für Karussells, Achterbahnen etc.) zuständigen Abteilung des Rheinisch-Westfälischen TÜV (RWTÜV) kann sich Judith Skolnik neben dem guten Gefühl aber vor allem auf ihren soliden Sachverstand verlassen, wenn es gilt, die technische Sicherheit von Freizeitpark- und Kirmesanlagen zu begutachten und damit für das Publikum freizugeben.
Jedes Fahrgeschäft in Deutschland benötigt eine Ausführungsgenehmigung des Prüfamtes für Fliegende Bauten und ähnlich wie bei der TÜV-Plakette für das Auto werden entsprechende Prüfungen von den Technischen Überwachungsvereinen vorgenommen, die inzwischen miteinander im Wettbewerb stehen, jeweils deutschlandweit und sehr kundenorientiert arbeiten, wie Judith Skolnik betont. Routinemäßig werden Kirmesfahrgeschäfte in der Regel im ein- bis fünfjährigen Rhythmus erneut geprüft, in den Vergnügungsparks kann das je nach Art der Anlage und der Besucherfrequenz auch halbjährlich geschehen. Für die so genannte Gebrauchsabnahme auf den Kirmesstandplätzen sind jedoch die Baubehörden vor Ort zuständig.
Judith Skolniks Aufgabe innerhalb eines zehnköpfigen Teams, zu dem Ingenieure aller Fachrichtungen gehören, ist allerdings meist die Erstprüfung von Fahrgeschäften. „Im Idealfall werden wir von den Herstellern frühzeitig hinzugezogen, sodass wir beratend tätig sind: Das macht alles etwas einfacher. Bei fertigen Konzepten kann es natürlich passieren, dass wir Nachforderungen stellen müssen.“ Geprüft werden unter anderem die statischen Berechnungen, welche Schweißnähte mit welchen Verfahren ausgeführt wurden, dann natürlich die elektronischen Steuerungen, eventuell hydraulische und pneumatische Bauteile und ob die angegebenen Materialien auch wirklich verwandt wurden. Zum Schluss wird bei der Abnahmeprüfung genau hingesehen, ob das fertig montierte Fahrgeschäft wirklich so funktioniert, wie es auf dem geduldigen Papier beschrieben ist, ob alle Sicherheitseinrichtungen funktionieren oder doch außergewöhnliche Beanspruchungen auftreten, die nicht vorausgesehen wurden. Es kann durchaus vorkommen, dass bei einer Achterbahn die Geschwindigkeit höher ist als die dynamischen Berechnungen vorher ergeben haben, und eine zusätzliche Bremse eingebaut werden muss, um die Geschwindigkeit an einer bestimmten Stelle zu reduzieren, damit die durch Beschleunigung auftretenden g-Kräfte nicht zu extrem werden, die Insassen eines Achterbahnwagens also nicht mit zu großem Druck in ihre Sitze gepresst werden oder nach einer Bergkuppe zu lange das Gefühl der Schwerelosigkeit erleben. „Es gibt ganz klar festgelegte Grenzen, was den Mitfahrenden zugemutet werden kann. Der Thrill muss ja auch noch erträglich sein, und es ist auch unsere Aufgabe, aufzupassen, dass die Hersteller nicht zu weit gehen“, berichtet Judith Skolnik.
Als hart gesottener Profi hat die Essenerin so ihre Lieblingsfahrgeschäfte, es kommt aber auch vor, dass sie nach der Prüffahrt sagt: Das muss ich nicht noch mal haben! Vor allem, wenn man nicht mehr weiß, wo oben und unten, rechts oder links ist. Der ständige Weiterbildungsbedarf gehört für die TÜV-Ingenieurin angesichts der ständigen technischen Neuerungen dagegen zum angenehmen Stress, und der international gute Ruf des deutschen Prüfwesens sorgt gelegentlich für zusätzliche Highlights im Beruf. So reiste Judith Skolnik in diesem Sommer für zwei Wochen nach Japan, um dort zwei Anlagen zu prüfen. Obwohl der Hersteller das TÜV-Siegel nicht unbedingt braucht, gilt es in Japan als zusätzliches Verkaufsargument – das Klischee von der deutschen Gründlichkeit hat also mitunter auch seine positiven Seiten.
Die Gründlichkeit eines deutschen TÜVs möchte aber auch Harry Quast in seiner Bottroper Warner Bros. Movie World nicht missen. Zu Beginn seiner Tätigkeit als Sicherheitsingenieur des Vergnügungsparks – der nach einem Investorenwechsel im nächsten Jahr Movie Park Germany heißen wird – war der Feinwerktechnik-Ingenieur und gelernte Informationselektroniker überrascht von der Vielfalt der Aufgaben und kann jetzt nach zwölf Jahren sagen, noch nicht einen langweiligen Arbeitstag gehabt zu haben. „Es ist kein Job, der irgendwann in Routine und Mittelmäßigkeit erstarrt“, erklärt der 48-Jährige. Insgesamt erinnern ihn die Sicherheitsstandards für die Fahrgeschäfte an das, was er als Sicherheitstechniker für den Flugverkehr bei der Bundeswehr erlebte. Und die Arbeit der unabhängigen Prüfer vom TÜV ergebe für einen Sicherheitsingenieur die angenehme Situation, gar nicht erst in den Interessenkonflikt zu geraten, sich selbst genau das zu attestieren, was man gerne hätte.
Dass Konstruktion und Betrieb eines Fahrgeschäftes mitunter zwei verschiedene Paar Schuhe sind, hat Harry Quast an einem prägenden Beispiel noch gut in Erinnerung. Die Wagen einer neu installierten Achterbahn liefen viel zu unruhig: Es ratterte und schepperte, bestimmte Bauteile, vor allem Dämpfungselemente, wurden viel zu schnell zerstört. Nach langen Untersuchungen, unter anderem in der Zusammenarbeit mit Experten der Deutschen Montan Technologie, stellte sich heraus, dass sich ein Feder/Masse-System während der Fahrt ständig aufschaukelte. Erst zwei komplett neue Züge mit anderen Achsabständen sorgten dann für ein angenehmes Fahrerlebnis der Besucher. „Da war der ganze Ingenieur in mir gefordert“, erinnert sich Harry Quast.
Und es wurmt ihn schon ein bisschen, dass die Freizeitbranche von außen für viele einen völlig falschen Anschein erweckt: „Wir nehmen unseren Job sehr ernst. Auch wenn unsere Maschinen groß und bunt sind und wir Musik dabei abspielen, ist das durchaus ernst zu nehmende Technik.“
MANFRED BURAZEROVIC

Kurzporträt Mack: Ideenreichtum und Kreativität

Tradition und Innovation stehen sich im Schwarzwald nicht im Weg. Die Heinrich Mack GmbH & Co. in Waldkirch – bereits 1780 gegründet – ist einer der weltweit namhaften Hersteller von Anlagen für die so genannte Amusement-Industry. Elektronisches Datenmanagement, 3-D-Modelle, -Konstruktionen und -Lasermesstechnik sowie CAD-gesteuerte Fertigungstechnik sind längst selbstverständlich.
„Zur Zeit boomt es bei uns“, berichtet Günter Burger, der die technischen Planungsbereiche der Firma leitet. Im Schnitt werden ca. 90 % der Aufträge für den internationalen Markt gefertigt, wobei zukünftig noch stärker die weltweit einzigartige Konstellation genutzt werden soll, zugleich Hersteller und Betreiber eines Freizeitparks zu sein. Der unter dem gemeinsamen Dach der Mack-Gruppe International geführte Europapark in Rust wurde von Firmensenior Franz Mack nicht zuletzt als „Schaufenster“ für die eigenen Produkte konzipiert.
In Deutschland hat das Unternehmen ca. 120 Beschäftigte, darunter zwölf Ingenieure, von denen vier erst in den letzten drei Jahren eingestellt wurden. Und für die Bereiche Projektabwicklung und Engineering werden zukünftig weitere Stellen geschaffen. „Unsere Erfahrung ist, dass neue Mitarbeiter aus fremden Branchen auch neue Ideen mitbringen, die uns weiterhelfen“, berichtet Thorsten Köbele, Leiter der Entwicklungsabteilung. Für die Ingenieure gelte es, einen Spagat zu bewältigen. Neben dem eigentlichen Ingenieur-Know-how sei in besonderer Weise Ideenreichtum und Kreativität gefragt, um letztendlich die mit Spaß und Emotionen verbundenen Produkte kreieren und konstruieren zu können auf der anderen Seite legen Stahl- und Maschinenbau die Basis für die Produkte, betont Köbele.
Die für „Fliegende Bauten“ geltende DIN-Norm 4112 sorgt dafür, dass die Insassen von Achterbahnen oder sonstigen Fahrgeschäften nicht wirklich in die Luft abheben, sondern nach der Fahrt wieder sicher ihre Füße auf die Erde setzen. Die Heinrich Mack GmbH & Co. ist zudem darauf ausgerichtet, familienfreundliche Fahrgeschäfte zu entwickeln. Ein Beispiel ist der Fun Coaster mit Fahreffekten, die an eine Verfolgungsjagd mit der legendären Ente von Citroën erinnern. Die Passagiere bewegen sich nicht am Limit physikalischer Grenzen – ein Trend, dem in der Branche vielfach entsprochen wird – und erleben dennoch aufregende Minuten, denn bei den schnellen Berg- und Talfahrten scheinen die Coaster immer wieder aus der Bahn zu fliegen. Der Trick ist, dass das Fahrwerk stabil über Schienen gleitet, das federgelagerte Oberteil sich jedoch permanent in einem instabilen Zustand befindet, sodass die Passagiere hin- und hergeschüttelt werden. „Wir haben Sicherheit ganz oben angeschrieben“, bekräftigt Günter Burger. Das Risiko, auf dem Weg zum Freizeitpark zu verunglücken, sei viel größer, als auf der Anlage selbst.
Neue Produkte entstehen zum Teil in direkter Zusammenarbeit mit den Kunden, meist Weiterentwicklungen von bekanten Fahrgeschäften. Es gibt aber auch für die Zukunft gedachte Projekte und manchmal entstehen ganz neue Produkte, wenn sich die Konstrukteure beispielsweise von Entwicklungen in anderen Bereichen anregen lassen. So seien Linearantriebe ja auch nicht für Achterbahnen entwickelt worden, finden aber jetzt großen Anklang in der Branche, berichten Günter Burger und Thorsten Köbele.
Waldkirch als Standort solle unbedingt erhalten bleiben. Ehrgeizige Änderungen im Engineering und im Produktbereich wurden bereits angegangen. Notwendig wäre es aber auch geworden, sich auf die Fertigung intensiver Baugruppen zu konzentrieren und weniger anspruchsvolle Baugruppen beispielsweise vor Ort in Asien, aber auch in den USA, wo sich Produkte aus Europa durch den ungünstigen Wechselkurs deutlich verteuert haben, zu fertigen. „An Waldkirch hängen alle, denn es gibt hier sehr viel Tradition. Wir sind zwar in der Provinz, aber durch die Nähe zu Freiburg haben wir auch bei der Mitarbeiterrekrutierung keine Probleme, denn da wollen viele hin“, konstatiert Thorsten Köbele. MANFRED BURAZEROVIC

  • Dr. Manfred Burazerovic

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