Auf Gummiketten 24.06.2015, 08:51 Uhr

Elektro-Rollstuhl Scalevo kann Treppen rauf und runter fahren

Einen Rollstuhl, der sogar ohne fremde Hilfe Treppen hinauf- und hinunter fahren kann, haben Studenten der ETH Zürich entwickelt. Der von einem Elektromotor angetriebene Rollstuhl Scalevo verfügt über ausfahrbare Gummiketten, mit denen er Hindernisse überwinden kann. Vorbild der Studenten war auch der Segway. 

Studenten der ETH Zürich haben einen Rollstuhl entwickelt, der ohne fremde Hilfe dank von Raupenketten auch größere Hindernisse überwinden kann.

Studenten der ETH Zürich haben einen Rollstuhl entwickelt, der ohne fremde Hilfe dank von Raupenketten auch größere Hindernisse überwinden kann.

Foto: ETH Zürich

Rollstuhlfahrer können ein Lied davon singen: Treppen zur U-Bahn, Stufen vor dem Supermarkt oder dem Theater, Absätze zwischen Straße und Bürgersteig, sind lästige Hindernisse, die im Alltag ständig auftreten. Jetzt haben Schweizer Ingenieur-Studenten einen Rollstuhl entwickelt, der über ausfahrbare Raupenbänder verfügt, die ihn problemlos eine Treppe hinaufklettern lassen.

Ausfahrbare Raupenbänder fahren Treppe rauf und runter

Der außergewöhnliche Hightech-Rollstuhl ist das Ergebnis eines Projektes von Maschinenbau-Studenten der ETH Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste. Nur zehn Monate dauerte die Entwicklung des Prototypen. Der Scalevo-Rollstuhl verfügt nur über zwei große Räder und balanciert ähnlich wie der Stehroller Segway. Dadurch ist der Rollstuhl ausgesprochen wendig und kann auf der Stelle drehen.

Kommt der Rollstuhlfahrer an einem Hindernis an, werden die Raupenbänder, die sonst unter dem Rollstuhl versteckt sind, zum Boden ausgefahren. 

Kommt der Rollstuhlfahrer an einem Hindernis an, werden die Raupenbänder, die sonst unter dem Rollstuhl versteckt sind, zum Boden ausgefahren.

Foto: ETH Zürich

Der Clou sind aber die ausfahrbaren Raupenbänder. Taucht ein Hindernis auf, werden die Bänder zum Boden ausgefahren. Die Bänder sind etwas länger aus der Rollstuhl und ähneln dem Schwert einer Motorsäge. Ähnlich wie die Sägekette verfügen die Gummibänder über Zacken, die auf der Treppe Halt geben und den Rollstuhl langsam über die Stufen nach oben oder unten fahren lassen.

Damit der Passagier während der Treppenfahrt nicht aus dem Rollstuhl fällt, fahren zwei Kolben aus, um die Sitzfläche waagerecht zu halten. Am Ende der Treppe unterstützen kleine „Stützräder“ ein sicheres und sanftes Ankommen. Diese kleinen Räder helfen auch, kleinere Hindernisse wie beispielsweise Bordsteine zu überwinden.

Vorbild Segway: Balance auf zwei Rädern

Vorbild für die Fahrtechnik des Rollstuhls ist der Stehroller Segway. Wie das Vorbild verfügt auch der Rollstuhl nur über zwei große Räder. Damit der Fahrer des Scalevo während der Fahrt nicht nach vorne oder hinten aus dem Rollstuhl fällt, wird die Sitzposition dauernd vom Motor nachkorrigiert. Sobald Gefahr besteht, dass der Rollstuhl aus dem Gleichgewicht gerät, arbeitet der Motor entgegen. Sensoren kontrollieren dafür ständig die Position.

Die Gummibänder des Rollstuhls Scalevo finden guten Halt auf Treppenstufen.

Die Gummibänder des Rollstuhls Scalevo finden guten Halt auf Treppenstufen.

Foto: ETH Zürich

Segway ist ein elektrisch angetriebenes Einpersonen-Transportmittel mit zwei auf derselben Achse liegenden Rädern. Der Fahrer steht dabei zwischen zwei Rädern auf einer Plattform. Er hält sich an einer Lenkstange fest. Segway hält sich durch eine elektronische Antriebsregelung selbst in Balance. Jedes Rad wird separat angetrieben. Durch die unterschiedliche Drehzahl der Räder können Kurven gefahren werden wie bei Kettenfahrzeugen.

Zuerst war ein Roboter geplant

Die ursprüngliche Idee der Schweizer war ein Roboter mit Räderantrieb und Kameras, der dem Ballbot Rezero ähnelt. Aus dieser Idee wurde dann Scalevo. Der Name ist abgeleitet aus dem Lateinischen „Scala“ für Treppe und „levere“ für heben.

Die Raupenbänder aus Gummi finden auf Treppenstufen Halt und fahren den Rollstuhl langsam nach oben oder unten.

Die Raupenbänder aus Gummi finden auf Treppenstufen Halt und fahren den Rollstuhl langsam nach oben oder unten.

Foto: ETH Zürich

Bisher klettert Scalevo relativ langsam die Treppen hoch und runter. Jetzt arbeiten die Studenten an der Verfeinerung der Technologie. Sie wollen die Klettergeschwindigkeit optimieren. Ihr nächstes Ziel ist die Teilnahme am Cybathlon Wettkampf der ETH Zürich. Behinderte Sportler treten in verschiedenen Disziplinen gegeneinander an.

Ob der Rollstuhl für die Masse produziert werden kann, ist noch offen. Schon einmal wurde ein treppensteigender Rollstuhl vorgestellt. Der Hersteller Johnson & Johnson stellte die Produktion im Jahr 2009 nach fünf Jahren ein. Nur Menschen, die ihren Oberkörper noch nutzen konnten, konnten den iBot damals lenken. Außerdem war das Gerät mit 22.000 Dollar einfach zu teuer.

Der Rollstuhl Scalevo balanciert wie der Stehroller Segway auf nur zwei Rädern und ist deshalb besonders wendig.

Der Rollstuhl Scalevo balanciert wie der Stehroller Segway auf nur zwei Rädern und ist deshalb besonders wendig.

Foto: ETH Zürich

Doch die Züricher sind nicht die ersten, die einen Rollstuhl mit besonderen Fähigkeiten entwickelt haben. Studenten des Massachusetts Institute of Technology im amerikanischen Cambridge haben einen geländegängigen Rollstuhl entwickelt, den man auch querfeldein im Wald oder sogar am Strand benutzen kann.

 

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