Anlagenbau 04.06.2004, 18:31 Uhr

Die Tücken des Explosionsschutz

VDI nachrichten, Düsseldorf, 4.6.04 – Nach langen Fach-Diskussionen scheint die an EG-Richtlinien angepasste Gefahrstoffverordnung bei den Experten auf Zustimmung zu stoßen. Der neue Entwurf, der im Mai das Bundeskabinett passiert hat und am 1. September in Kraft treten soll, berücksichtigt wieder stärker die Vorschläge der Arbeitsgemeinschaft für Gefahrstoffe.

Beim Explosionsschutz kommt es auf jedes Detail an. Hierin waren sich die Experten des Verbands Deutscher Sicherheitsingenieure (VDSI), die im Mai in Mainz zusammen kamen, einig: Drei Teelöffel Benzin in einem nicht ausreichend gereinigten Fass kosteten dem Arbeiter, der das Behältnis mit einem Schweißbrenner zerlegte, das Leben, berichtete Berthold Dyrba von der Berufsgenossenschaft Chemie. Nach Meinung des Verfahrenstechnikers, der 2500 Explosionsversuche hinter sich gebracht hat, verspricht das in der Betriebssicherheitsverordnung implementierte Explosionsschutzdokument nun eine neue Qualität für die Prävention.
Ein weiteres „explosives“ Beispiel mit dem die Feuerwehr 7 h beschäftigt war und die Ermittlungsbehörden immer noch tätig sind: Drei Stahlfässer mit 98 %igem Ethanol hatte ein Mitarbeiter in ein unterirdisches Chemikalienlager gerollt und begonnen, die Flüssigkeit mit einer mobilen Elektropumpe umzufüllen. Nach 500 l bemerkte er Funken am Kupplungsstecker des zweigeteilten Schlauches, wenig später kniehohe Flammen. Dass er den Unfall nur mit angebrannten Haaren überstand, grenzt an ein Wunder.
„Es hätte viel unangenehmer kommen können“, berichtete Thomas Timm auf der 29. Jahrestagung der VDSI-Fachgruppe Hochschulen in Mainz. Der Sicherheitsingenieur fand bei der Überprüfung des Falls gleich eine ganze Liste von Mängeln. So haben vermutlich ein Leck in der Schlauchverbindung und ein defektes Kabel den Brand ausgelöst. Weder die Elektroinstallation war geeignet noch der Schutz gegen das austretende Ethanol „besonders geeignet oder besonders geprüft“. Die Elektropumpe war bei Überprüfungen im Schrank vergessen worden. Es gab keinen Feuerlöscher und die Arbeit hätte eigentlich von zwei Beschäftigten ausgeführt werden müssen.
Unternehmen (und auch Hochschulen) müssen ein Explosionsschutzdokument vor der Arbeitsaufnahme – etwa in einer Technikumshalle – anfertigen. Dies gilt bereits für den Probebetrieb. Für Arbeitsmittel- und abläufe, die vor dem 3. Oktober 2002 eingeführt worden sind, läuft die Frist Ende 2005 aus. Entscheidend ist, neben einer schriftlichen Unterweisung der Mitarbeiter, das Dokument bei Veränderungen oder Erweiterungen der Anlage auf den aktuellen Stand zu bringen. So musste ein Pharmalabor, das statt ursprünglich mit grobem, mit fein gemahlenem und dadurch explosionsfähigen Gingko arbeitete, drei Explosionen über sich ergehen lassen bis die Ursache gefunden wurde.
Neben der Bewertung der Explosionsrisiken, der Einteilung in Gefährdungszonen und den genauen Daten der verwendeten Stoffe wie Flammpunkt, Glimm- und Zündtemperatur muss die Dokumentation auch ein Schutzkonzept enthalten, das viele Risiken bereits im Vorfeld beseitigen kann. Verwendet ein Unternehmen z.B. Wasserlacke oder riskante Stoffe in Form von Paste oder Granulat, sinkt die Explosionsgefahr. Laut Dyrba ist nicht nur zu prüfen, ob eine explosionsfähige Atmosphäre durch Absaugen des Sauerstoffs von vornherein zu vermeiden ist, sondern auch dafür zu sorgen, dass keine Zündquellen entstehen und dass Staub regelmäßig beseitigt wird. Deswegen sieht die Betriebssicherheitsverordnung jetzt die drei Zonen 20, 21 und 22 für Stäube vor.
Die neuen EG-Richtlinien nehmen nicht nur die Hersteller verstärkt in die Pflicht, sondern auch Betreiber von explosionsgefährdeten Anlagen. „Für die Sicherheit ist allein der Betreiber verantwortlich“, betont Steffen Alt, Beleuchtungsexperte der Adolf Schuch GmbH, Worms. So gehöre zu einer sorgfältigen Planung auch „die Beurteilung des Gefahrenpotenzials und der daraus resultierenden Zoneneinteilung“.JUTTA WITTE/KÄM

 

Ein Beitrag von:

  • Jutta Witte

    Surpress Journalistenbüro in Tübingen. Themenschwerpunkte: Bildung, Forschung und Wissenschaft.

  • Siegfried Kämpfer

    Ressortleiter Produktion VDI nachrichten. Fachthemen: Produktionstechnik, Maschinenbau, Fabrikautomatisierung.

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