Maschinenbau 11.06.2010, 19:47 Uhr

„Die Idee allein ist noch keine Innovation“

Deutsche Firmen gelten in der klassischen Drucktechnik als führend im Weltmarkt. Die Innovationskultur der hiesigen Unternehmen hat sich durch zwei veritable Krisen – 2001 und 2008/2009 – geändert. Bei Heidelberger Druckmaschinen verantwortet Stephan Plenz im Vorstand den Umbau der Forschung & Entwicklung hin zu einem Innovationsdienstleister. Der Blick geht dabei technologisch längst über den Tellerrand der Drucktechnik hinaus.

Stephan Plenz war ganz in seinem Element: Einen Trupp Fachjournalisten im Schlepptau, zog er Mitte Mai auf der in diesem Jahr größten Drucktechnikmesse – der Ipex im englischen Birmingham – von einer Innovation seines Hauses zur nächsten. Verbessertes Farb- und Qualitätsmanagement der Drucke, neue Druckmaschinen – Plenz, Vorstand Equipment bei der Heidelberger Druckmaschinen AG, erklärte es. So die Speedmaster CX 102, die als Maschine für die Bogengröße 70 cm x 100 cm viele der Hightechausstattungen des Flaggschiffs Xl 105 für den Akzidenz- und Verpackungsdrucker beinhaltet.

So eine Hightechmaschine wie die CX 102 lässt sich heute recht einfach überwachen. Die junge Generation der Drucker möchte die Zustandsdaten über die Maschine und die laufenden Druckjobs jederzeit überall abrufen können. Und das mit dem Kultgerät ihrer Generation: dem iPhone. Dass das geht, zeigte Heidelberg auf der Ipex in einer Technologiestudie.

Plenz bleibt beim iPhone nicht stehen, Web 2.0 ist sein Stichwort: „Wenn man die Entwicklung der sozialen Netzwerke im Internet sieht, dann dürfen wir auch davor die Augen nicht verschließen. Das ist auch für unser Unternehmen eine spannende Entwicklung.“ Wenn die Kundschaft Tag für Tag mit diesen Dingen arbeite, könne man sich nicht verstellen. Plenz sieht direkten Nutzen für sein Unternehmen und seine Kundschaft: „Wie können wir diese Medien nutzen, um technische Kommunikation noch schneller dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wird?“ Eine von vielen Fragen, die die Forschung & Entwicklung bei Heidelberger Druckmaschinen zurzeit beschäftigen.

„Man sollte bei dem Begriff Innovation das Wort ‚erfolgreich‘ voranstellen“, sagt der Plenz. Das zu betonen ist ihm wichtig, L’art pour l’art ist seine Sache nicht. „Die Idee allein ist noch keine Innovation. Eine Innovation wird erst daraus, wenn Sie ein erfolgreiches, vermarktbares Produkt entwickeln. Das ist der Prozess in der Entwicklung, mit dem wir uns auseinandersetzen“, sagt Ingenieur Plenz.

Rund 5 % des Umsatzes investierte Heidelberger Druckmaschinen im am 31. März abgelaufenen Geschäftsjahr 2009/2010 in Forschung & Entwicklung. Eines der sicherlich schwierigsten Jahre in der Unternehmensgeschichte. Dieses Geld will der Konzern möglichst effizient anlegen. „Da geht es zum einen darum, den Kunden zuzuhören: Wo gibt es einen Bedarf? Zum anderen beobachten wir Technologien, die neu im Markt sind“, erklärt Plenz die beiden Haupt-Stoßrichtungen.

Während die Kunden da teilweise sehr praktische Ideen haben, bei deren Umsetzung klassisches Ingenieurshandwerk gefragt ist, sieht das bei der Technologiebeobachtung etwas anders aus. „Entscheidend ist immer die Frage: Wie können wir aus diesen Technologien etwas entwickeln, das dem Endkunden einen Mehrwert bringt?“, sagt Plenz. Ein Beispiel hat er direkt parat: die Entwicklung der Leuchtdioden, kurz LEDs genannt. „Wir stellen ja keine Autoscheinwerfer her. Aber wir können LEDs, die mit anderen Frequenzen arbeiten, auch als Trockner benutzen. Dort, wo wir heute UV-Strahler für die UV-Trockner einsetzen, können wir in Zukunft mit weniger Energie Farben trocknen.“

Stephan Plenz hat teilweise schon ganz am Anfang, oft bereits beim Entstehen einer Idee, mit den Wissenschaftlern, den Ingenieuren und ihren Geistesblitzen zu tun. Der Vorstand hat bei Heidelberger ein offenes Ohr für Technologien und Innovationen. „Wir sind sehr gut vernetzt. Die Entwickler kommen auch sporadisch vorbei, man trifft sich auf dem Gang, man hat Informationsforen. Viele Ideen gehen dann den normalen Bewertungsprozess, und spätestens wenn ein Projekt draus wird, dann bin ich im Boot“, erläutert Plenz.

Beispiel Lasertechnologie. Man vermutet bei einem Druckmaschinenhersteller in erster Linie nicht zwangsläufig Know-how über Halbleitertechnologien. Doch Heidelberger Druckmaschinen entwickelt und fertigt Teile der Elektronik in Wiesloch selbst. „Unsere Vorentwicklung hat sich damit beschäftigt, wie man dieses Wissen in eine Anwendung bringen kann. Daraus ist ein Produkt, nämlich ein Laserkopf für unsere Druckplattenbelichter, entstanden“, weiß Plenz. Heute ist dieser Laserkopf weltweit bereits über 8000-mal installiert.

Mit der Technischen Universität (TU) Darmstadt hat das Unternehmen eine Forschungsplattform für gedruckte Elektronik initiiert. Da werden mit einer Rollendruckmaschine funktionale Drucktests für organische Elektronik, Photovoltaik oder auch biomedizinische Anwendungen ermöglicht.

Heidelberg, die TU und das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sind zusammen im Spitzencluster „Organische Elektronik“ für die Druckverfahren zuständig. „Das Thema organische Elektronik haben wir seit Jahren beobachtet. Jetzt glauben wir, dass die Technik mittellfristig so weit sein kann, dass daraus marktreife Produkte und Verfahren entstehen können“, erklärt Plenz.

Neu für Heidelberg ist, dass die Ingenieure Produkte entwickeln, die nicht unbedingt im Bogenoffsetdruck zum Einsatz kommen müssen. Linoprotect ist eine solche Entwicklung, die Produktfälschern das Leben schwer machen soll. In das Sicherheitssignet der Verpackung ist eine Fadenstruktur integriert, die einfach und schnell optisch per Handy auslesbar ist. Vielleicht, und das mag Stephan Plenz nicht ausschließen, wird ja ein Spin-off daraus.

„Aus der Vorentwicklung heraus gibt es so etwas wie Spin-offs. Themen, die wir so weit treiben, dass wir wissen: Das könnte etwas sein, aber dann merken, dass die Anwendung wohl doch nicht bei uns im Druckmaschinenbereich liegt“, erklärt Plenz. Ihm ist wichtig, dass Heidelberg nicht nur die grafische Industrie bedienen muss. „Es gibt auch andere Branchen, die wir bedienen können, und das tun wir auch.“

Kernkompetenz des Unternehmens ist und bleibt der Offsetdruck. „Verbesserungspotenziale gibt es mannigfaltig und in vielen Bereichen. Wir haben eher das Problem, uns zu fokussieren, zu sagen, wo setzen wir den nächsten Innovationsschub an“, sagt Plenz. Die Entwicklung des Offset geht dabei einerseits in Richtung Farbmanagement, andererseits in Richtung Ökologie. Beides ergänzt sich teilweise ganz hervorragend.

„Beim Druckauftragswechsel entstehen heute immer noch 200 bis 300 Bogen Makulatur, bis ‚der Bogen in Farbe ist‘, also genau das druckt, was er drucken soll.“ Das koste Geld, verbrauche Energie und vergrößere den CO2-Footprint. „Auch was die Qualitätsstabilität angeht, haben wir noch große Hebel, uns zu verbessern“, ergänzt Plenz.

In puncto Ökologie hat Heidelberger den Offset-Druckprozess in Kooperation mit Instituten unter die Lupe genommen. „Wir haben mit der Uni Darmstadt einen Katalog erarbeitet, der den Entwicklern zur Verfügung steht, nach welchen Kriterien sie umweltgerecht konstruieren können, welche Materialien sie verwenden dürfen“, erklärt Plenz.

Wie andere Branchen wollen auch die Druckbetriebe einen höheren Automatisierungsgrad erreichen. „Die Kunst ist jedoch, dies sinnvoll zu tun und die Bilanz des Gesamtprozesses zu verbessern“, betont Plenz. „Genau hier setzen wir beim Thema Innovationen an und schauen, wo und wie wir den Gesamtprozess unserer Kunden verbessern können.“ Im Endeffekt, das betont er immer wieder, dreht sich alles um den Kunden. Wie auf der Messe Ipex in Birmingham. Geht man nach dem Besucheransturm auf der Messe, ist die Krise fast vorbei. Die CX 102 zumindest musste Stephan Plenz nicht wieder mit nach Hause nehmen. Sie wurde direkt vom Stand weg verkauft. STEPHAN W. EDER

Von Stephan W. Eder
Von Stephan W. Eder

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