Engineering 14.05.1999, 17:21 Uhr

Das Ohr kauft oftmals mit

Billig scheppern soll die Autotür nicht, und ein Rasierapparat kann durch markanten Klang herbe Männlichkeit suggerieren. Alles Fälle für das Sounddesign.

Design und Handhabung sind die wichtigsten Auswahlkriterien für Konsumprodukte. Doch Marketingexperten wissen inzwischen, daß die Kunden immer mehr auch auf den „guten Ton“ eines Produktes Wert legen. „Das Ohr kauft mit“, sagt auch Thorsten Ronnebaum, Psychoakustiker und Geschäftsführer von „Sounddesign Ronnebaum & Springer“ im südoldenburgischen Cloppenburg. Weil Geräusche Atmosphäre, Gefühle und Stimmungen verursachten, sei das Gehör wichtiger Gradmesser bei der Beurteilung von Qualität und Funktionalität eines Gerätes.
Zusammen mit seinem Partner Nils Springer hatte Ronnebaum während des Physikstudiums an der Universität Oldenburg untersucht, welche psychologischen Wirkungen von Geräuschen ausgehen und wie Produkte durch akustische Korrekturen attraktiver gemacht werden können. Im Auftrag namhafter Hersteller haben die beiden Physiker schon viele Störenfriede ruhiggestellt. Ihre Kunden sind Unternehmen ohne eigene Akustik-Abteilung eine solche leisten sich in Deutschland bisher nur die Automobilhersteller.
Was die Autoindustrie seit längerem vormacht, wird mehr und mehr auch in anderen Branchen Praxis: Neue Produkte werden akustisch „gestylt“. Dahinter steckt die Erkenntnis, daß Geräusche die entscheidende Größe für den Qualitätseindruck sein können. Für Nils Springer heißt das: „Der Klang bestimmt, ob man ein Produkt mag oder nicht.“ Beispiele für angewandte Psychoakustik: Der Staubsauger mit Turbinen-Sound suggeriere hohe Saugleistung, die schwer ins Schloß fallende Autotür Zuverlässigkeit, herbe Männlichkeit der rauh raspelnde Rasierapparat. Ronnebaum: „Guter Ton ist nicht unbedingt leiser Ton.“
Grundlage des Sounddesigns ist die Erfassung und Analyse der Geräuschemissionen. Für ihre aufwendigen Messungen im reflexionsarmen Akustiklabor setzen die beiden Physiker modernste Digitaltechnik, spezielle Software und einen Kunstkopf ein. Der zeichnet die Geräusche exakt so auf, wie sie auch das menschliche Gehör wahrnimmt. Am Computerbildschirm werden die akustischen Meßdaten und Modulationsanalysen anschließend grafisch dargestellt.
Mit den unbestechlichen Ohren des Kunstkopfes läßt sich zwar genauestens erfassen, was der Mensch hört, nicht aber, wie er hört. Beim Sounddesign reichen objetive Daten allein aber nicht aus. Genauso wichtig ist die Frage: Wie empfindet das menschliche Ohr den typischen Klang des Gerätes? Deckt sich der Sound mit den Erwartungen des Kunden? Fragen, die sich mit Pegelmessungen nicht beantworten lassen. Deshalb nutzen die beiden Physiker psychoakustische Kenngrößen: dem menschlichen Gehör angepaßte Parameter wie Rauhigkeit, Schärfe, Schwankungsstärke und Lautstärke. Für ihre subjektiven Klanganalysen setzen Thorsten Ronnebaum und Nils Springer Versuchspersonen aus der jeweiligen Produkt-Zielgruppe ein.
Nach der Klanganalyse müssen die beiden Soundtüftler die Quelle eventueller Mißtöne orten. Das kann das kleinste Bauteil sein, wie kürzlich im Falle eines nerventötenden Haartrockners ein Billigst-Rotor als Ventilator. War er einmal als Ursache isoliert, konnten dann in Zusammenarbeit mit dem Hersteller so lange Alternativen durchgetestet werden, bis aus dem jaulenden Alltagsärgernis ein säuselnder Düsen-Fön geworden war.
Kraftfahrzeuge sind für die Sound-de-signer jedesmal eine Herausforderung. Ronnebaum: „Beim Auto müssen alle Geräusche aufeinander abgestimmt sein. Was das akustische „stylen“ von Autos zusätzlich erschwert: Oft sind nur mühsam zu ortende Fremdanregungen die Ursache von Störgeräuschen, wie z.B. die Schwingungen von Motor, Getriebe und Rädern. Die Fehlersuche ist jedoch nur ein kleiner Teil des Sounddesigns. Vielen Auftraggebern geht es vielmehr darum, gewünschte Geräuschanteile ihres Produktes hervorzuheben und ihm so einen unverwechselbaren Klang zu geben. Dazu Nils Springer: „Es kann durchaus sein, daß ein Gerät anschließend sogar lauter ist, aber insgesamt stimmiger klingt.“
REIMUND BELLING
Rasierapparate, Staubsauger und Autotüren haben eines gemeinsam: Sie verursachen Geräusche, die nicht immer als angenehm empfunden werden. Viele Hersteller versuchen daher, den Klang ihrer Produkte bewußt zu verändern, um beim Käufer bestimmte Assoziationen hervorzurufen.

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