Anlagenbau 03.12.1999, 17:23 Uhr

Blockheizkraftwerke suchen neue Nischen

Die dramatisch gesunkenen Strompreise haben der Branche viele Kunden abgejagt und sie in eine Existenzkrise gestürzt. Welche Auswege aus der Krise herausführen können, diskutierten Experten in der vorigen Woche auf einer VDI-Veranstaltung in Düsseldorf.

Die Kraftwärmekoppelung (KWK) überzeugt vor allem durch ihre hohe Effizienz bei der Primärenergieerzeugung. Blockheizkraftwerke (BHKW) sparen 30 % bis 40 % der Energie verglichen mit einer getrennten Strom- und Wärmeproduktion. Der Betrieb mit umweltfreundlichem Erdgas reduziert zudem den Kohlendioxidausstoß um mehr als die Hälfte. Bislang galt neben der zentralen Wärmeversorgung und der Notstromsicherung der ins Netz eingespeiste und vergütete BHKW-Strom als Garant für den rentablen Betrieb. Vorteile, die sich nun im Wettbewerb der liberalisierten Energiemärkte in Luft aufzulösen drohen, wie eine Veranstaltung des VDI-Bildungswerkes zur dezentralen Energieversorgung mit BHKW-Technik am 22./23. November in Düsseldorf zeigte.
Die für Tarifkunden in kürzester Frist bis zu 30 % gesunkenen und bei Industriekunden sogar bis zu 50 % verbilligten Strompreise machen BHKW das Überleben in einem unübersichtlich gewordenen Markt schwer. Immerhin sind KWK-Anlagen mit einem Jahresnutzungsgrad von mehr als 70 % von der Belastung durch die ökologische Steuerreform befreit. Nun schwankt die Branche zwischen Skepsis und Hoffnung.
„Der Markt für BHKW ist gesättigt. Für wen sich der Betrieb nur noch rechnet, falls Steuervorteile eingerechnet werden, der sollte es besser sein lassen“, rät Dr. Martin Stachowske, Lehrbeauftragter für Betriebswirtschaft an der RWTH Aachen. Auch für Wolfgang Spaich, Vertriebsleiter beim Frankfurter Energiehändler Deutsche Energy One GmbH, ist klar: „Die Einspeisevergütung für BHKW wird drastisch sinken.“ Es gebe sogar Fälle, bei denen der Stromversorger den Abnahmevertrag mit dem BHKW-Betreiber gekündigt habe, so Spaich. Düstere Marktprognosen und Gewinneinbrüche scheinen gegen die Branche zu sprechen, zumindest auf den ersten Blick. Sie rechnet in diesem Jahr mit Einbußen von mindestens 25 %.
„Schon in der Zeit von 1997 bis 1998 mussten wir einen Rückgang bei der installierten Leistung um 25 % beobachten“, stellt Dr. Jörg Adam, Planer bei der EST Gesellschaft für Energiesystemtechnik mbH in Essen fest. Im gleichen Zeitraum habe es jedoch einen 50 %igen Zuwachs bei der Zahl installierter Anlagen gegeben. „Die Entwicklung deutet auf einen kräftigen Zuwachs von BHKW niedriger Leistung“, erläutert Adam. Tut sich ausgerechnet bei kleinen Anlagen eine Marktlücke auf?
„Im klassischen BHKW-Sektor um 50 MW elektrischer Leistung, der vor allem vom produzierenden Gewerbe nachgefragt wurde, ist mit Blick auf die weiter fallenden Strompreise kaum eine Nachfrage zu erwarten. Da ab dem kommenden Jahr Anlagen bis zu 2 MW von der Strom- und Mineralölsteuer befreit sind, sehe ich Chancen für kleine BHKW. Ziel ist die Verbindung von Sondertarifkunden, die noch nicht so deutlich von den sinkenden Strompreisen profitieren, mit einem Mischgebiet“, sagt Dr. Bernd Poos, Leiter des Bereichs Energie bei der AEW Plan GmbH, Köln. Er rechnet vor, dass der Betrieb eines kleinen BHKW ab 2003, wenn die letzte Stufe der ökologischen Steuerreform greift, einen durchaus respektablen Jahresgewinn im fünfstelligen Bereich erzielen kann. Doch auch am anderen Ende der Leistungsskala könnten sich neue Perspektiven öffnen, vor allem für erdgasgetriebene BHKW.
„Die Abfederung von teuren Nachfragespitzen beim Strom könnte vor dem Hintergrund der sich bildenden Spotmärkte und einer Erdgasbörse wirtschaftlich interessant werden“, glaubt Dr. Martin Seidel vom Verband kommunaler Unternehmen in Köln. Allerdings beinhalte die größere Angebotsvielfalt auf dem Erdgasmarkt neben marktwirtschaftlichen Vorteilen auch Risiken technischer Natur. Die für einen klopffreien Gasmotorbetrieb ausschlaggebende Methanzahl könne beim Gasbezug deutlich schwanken, gibt Seidel zu bedenken. Ältere Anlagen bringt das buchstäblich aus dem Takt. „Gute Erfahrungen haben wir mit einer Verstellung des Zündzeitpunkts sowie mit der Absenkung der Gemischt- und Kühlwassertemperatur gemacht“, rät der Experte den Betreibern betroffener Anlagen.
Optimistisch gibt sich auch der Energiehandel. „BHKW können durchaus lukrative Stromlieferanten für die Überbrückung von Spitzenlasten sein“, glaubt Wolfgang Spaich. Allerdings stehen die Betreiber vor einem Spagat, wenn sie die wirtschaftliche Chancen der energetisch günstigen Kraft-Wärme-Koppelung optimal nutzen wollen. „Bei der Stromerzeugung müssen sich die Anlagen nach einem bestimmten Zeitfahrplan richten. Das aber heißt, das Blochheizkraftwerk möglichst unabhängig vom Wärmebetrieb zu fahren“, sagt Spaich. Ein Dilemma, für das der Stromhändler einen verblüffenden Ausweg parat hat: „Als Lösung schwebt uns ein Pool aus vielen BHKW vor, die sich gegenseitig Reservestellung geben. Solche Pools sind für jene Betreiber interessant, die ihren Strom selbst vermarkten wollen.“
Der Frankfurter Experte weiß: Wenn Mitte kommenden Jahres die deutschen Energiebörsen ihre Arbeit aufnehmen werden, reagiert der Markt noch flexibler. „Für BHKW-Betreiber bedeutet der Wettbewerb: präziser lukrative Anwendungen ausloten, härter kalkulieren. Maßstab werden zweifellos die Strompreise für die Industrie sein und die liegen zwischen 8 Pf/kWh bis 11 Pf/kWh.“ SILVIA VON DER WEIDEN
Der Markt für Blockheizkraftwerke ist gespalten. Bei größeren Anlagen stagniert die Nachfrage, bei kleinen Anlagen sehen Experten wegen der Steuerbefreiung in speziellen Anwendungen durchaus Chancen.

Von Silvia von der Weiden
Von Silvia Von Der Weiden

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