Engineering 21.07.2000, 17:26 Uhr

„Blattmacher“ werden immer gebraucht

Fichtenholz aus dem Sauerland oder doch lieber Zellstoff aus Kanada? Ein Papieringenieur muss nicht nur die Technik im Griff haben, sondern auch etwas von Zutaten verstehen.

Windeln, Totenhemden, Servietten, Toilettenpapier: In der Wiege und auf der Bahre, beim Essen und so weiter – Papier begleitet durchs Leben. Jeder braucht es, aber kaum einer macht es. Dr. Robert Paetow, Leiter Technologie im Duisburger Werk der Papierfabrik Haindl Papier GmbH Co.KG. , ist so einer: Er ist Papieringenieur.
Tausenderlei Papierqualitäten gibt es, eingeteilt nach vier Hauptgruppen: grafische Papiere (vor allem für Zeitungen, Magazine, etc.), Verpackungsmaterial, Hygiene-Erzeugnisse, Spezialpapiere (z. B. für Banknoten). Die Fabrik, für die Paetow technologisch verantwortlich ist, stellt ausschließlich grafische Rollendruckpapiere her – für den Versandhaus-Katalog, Werbedrucksachen, Nachrichten- und Wirtschaftsmagazine.
Primitiv ausgedrückt, besteht Paetows Job darin sicher zustellen, dass die Papierproduktion glatt läuft: dass die vier Rohstoffe Industrie-Restholz, Zellstoff, Altpapier und Chemikalien zerkleinert und mit Wasser zu einem Faserbrei vermischt werden, dem dann unter Hitze und Druck Feuchtigkeit entzogen wird, bis eine glatte Papierbahn entsteht.
Tatsächlich ist Papierherstellung ein komplexer Hightech-Prozess. Strom, Dampf, Gas und Frischwasser müssen zu-, Abwasser muss abgeleitet werden. Die Rohstoffe werden in verschiedenen Prozessen zerfasert. Der hochwässerige Papierbrei muss konstant in die Papiermaschine geleitet werden, wo er gesiebt, vielfach gepresst und getrocknet wird. Auf die so entstehende Papierbahn bringen Auftragsaggregate Streichpigmente auf. Dann wird wieder getrocknet, gerollt, geglättet und in Rollen geschnitten – und das bei einer Maschinengeschwindigkeit von bis zu 100 km/h.
Der Produktionsprozess stellt hohe Anforderungen an den Ingenieur. „Bei den Rohstoffen fängt“s schon an“, sagt Paetow: „Fichtenholz aus dem Sauerland, Festigkeit verleihender kanadischer Zellstoff, Altpapier und Pigmente müssen immer wieder neu aufeinander abgestimmt werden.“ Einer von Paetows Mitarbeitern, Papieringenieur auch er, beschäftigt sich mit praktisch nichts anderem als mit der Frage: Wie kann man den Anteil an billigem Altpapier erhöhen, wie den an teurem Zellstoff senken, ohne dass die Qualität leidet?
Qualität, sagt Paetow, „das bedeutet, dass die Papierdicke auf 1 µ (tausendstel Millimeter) genau eingehalten wird – und das konstant in einer 20 000 Lagen dicken Rolle (bei den Papiermachern Tambour genannt), die eine von „Duisburg bis Neapel und zurück reichende Bahn ergibt“.
Die Produktqualität ist in der Branche nur eins von mehreren großen Themen. Nicht weniger Aufmerksamkeit wird dem Energieverbrauch geschenkt. Auch der Wasserbedarf bei der Papierherstellung ist immens, bei Haindl sind es zwölf Liter Rheinwasser pro Kilo Papier – das ist Stand der Technik -, und Paetows Werk stellt jährlich 420 000 t her – rund um die Uhr. Eine weitere von Paetows Aufgaben ist es, mit seinen 27 Mitarbeitern daran mitzuwirken, die Ausfallzeiten für Reparaturen und Wartung auf unter zehn Tage im Jahr zu drücken. „Eine Stunde Maschinenausfall kostet die Firma 24 000 DM“, sagt Paetow: „Da hat man schon eine sehr große Verantwortung.“
Die Chance, Verantwortung zu übernehmen, und das breite Betätigungsfeld waren Anreize für den heute 42-Jährigen, Papieringenieur zu werden. Nach dem Maschinenbau-Grundstudium an der TU Darmstadt spezialisierte er sich. Anschließend promovierte er über Festigkeitseigenschaften von Papier. Seit 1991 ist er bei Haindl. Das Familienunternehmen ist einer der größten Papierhersteller Europas. „Eine Stelle zu finden“, sagt er, „war schon damals kein Problem.“
Der Branche mangelt es an Fachkräften, den drei zum Papieringenieur ausbildenden Hochschulen in Darmstadt, München und Dresden fehlen Studierende. „Die Papierindustrie hat lange keine strategische Nachwuchsförderung betrieben“, klagt Paetows Professor Lothar Göttsching. Jetzt ist der Nachwuchsmangel gravierend. Im Jahr 2000 werden bundesweit kaum 20 Papieringenieure ihre Ausbildung abschließen.
Wirtschaft und Hochschulen buhlen um Nachwuchs. Die Branche wirbt damit, an der Spitze der nachhaltigen Bewegung zu stehen, mit nachwachsendem Rohstoff zu arbeiten, mit gerade in Deutschland hoher Recyclingquote. Wer eingestellt wird, darf mit guter Bezahlung und Dienstreisen in alle Welt rechnen.
Dass das Interesse der Studierenden dennoch gering ist, kann am Schicht- und Wochenenddienst liegen. Man kann auch spekulieren, ob die Verantwortung für zwei je 1 Mrd. DM teure Papiermaschinen, die Paetow so reizt, anderen nicht Angst macht. „Wahrscheinlich ist aber der Studiengang einfach nicht bekannt genug“, mutmaßt Göttsching. Dabei steige die Nachfrage nach Papier weltweit. Wellpappenschachteln sind, so Prof. Göttsching, allem Kunststoff zum Trotz, „noch immer das wichtigste Verpackungsmaterial überhaupt“. Mit steigendem Lebensstandard wächst weltweit der Verbrauch von Papier. „Vom papierlosen Büro“, sagt Robert Paetow, „spricht heute eh niemand mehr.“ PATRICK BIERTHER
Master of the Tambour (20 000 Lagen dicke Rolle): Dr. Robert Paetow ist auf der richtigen Bahn.

Von Patrick Bierther
Von Patrick Bierther

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