Anlagenbau 22.12.2006, 19:25 Uhr

„Beim Service wachsen wir am schnellsten“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 22. 12. 06, ps – Bei SMS denken viele Ingenieure nicht zuerst an ihr Handy, sondern an den renommierten Maschinen- und Anlagenbauer. In der Holding, die von Düsseldorf aus geführt wird, sind rund 60 weltweit tätige Unternehmen zusammengefasst. Firmenchef Heinrich Weiss erläutert die Strategie seiner Gruppe, die 2007 wieder zum lupenreinen Familienunternehmen wird.

Weiss: Von einer Fremdherrschaft kann man sicherlich nicht reden. Im Gegenteil. Mit der MAN, die 50 % der stimmberechtigten Anteile an der Holding hielt, haben wir 30 Jahre lang eine harmonische Ehe geführt, in der wir den Charakter eines Familienunternehmens bewahren konnten.

VDI nachrichten: Warum dann der Rückkauf der Anteile?

Weiss: Der Entschluss, die Anteile selbst zu kaufen, wurde im Jahr 2003 gefasst und mit MAN erfolgreich verhandelt. Vorausgegangen war seit den 90er Jahren die Diskussion über einen Gang zur Börse. Mit genauerem Blick auf die Bürokratien und die Regelungsdichte sowie die öffentlichen Diskussionen, denen börsennotierte Aktiengesellschaften immer wieder ausgesetzt sind, schien uns eine reine Familiengesellschaft für ein mittelständisch organisiertes Unternehmen dann aber doch geeigneter.

VDI nachrichten: Aber Sie mussten und müssen auch noch eine Menge Geld in die Hand nehmen. Wie viel wird Sie das Ausscheiden von Siemens und MAN insgesamt kosten?

Weiss: Die Belastung ist in der Tat erheblich. Wir waren zwar zu 49 % am Kapital der Holding beteiligt, aber unter Berücksichtigung der 28 %-igen Beteiligung von Siemens an SMS Demag betrug der Familienanteil am Konzern insgesamt nur 39 %. 61 % waren zu finanzieren.

Aufgrund unserer stets sehr konservativen Bilanzierung und der hohen Liquidität war ich – trotz der zu Beginn des Jahrzehnts schwierigen wirtschaftlichen Situation – überzeugt, es aus eigener Kraft schaffen zu können. Und angesichts der guten derzeitigen Geschäftslage im metallurgischen Bereich bin ich ganz sicher: Wir schaffen es allein. Zum Preis haben wir sowohl mit Siemens als auch mit MAN Stillschweigen vereinbart.

VDI nachrichten: Unter dem Dach der SMS GmbH sind rund 60 Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau miteinander verbunden. Wie gliedert sich die Gruppe?

Weiss: Sie gliedert sich in drei Unternehmensbereiche: Der größte Bereich – mit einem Auftragseingang von rund 1,8 Mrd. € – ist die SMS Demag, Weltmarktführer im Flachstahlsektor. Sie produziert sämtliche Anlagen zur Flachstahlerzeugung, vom Stahlwerk über die Stranggießanlagen und Walzwerke bis hin zu den Bandbehandlungsanlagen. Es folgt die Gruppe SMS Meer mit einem Auftragseingang von rund 800 Mio. € in 2006. Sie ist für Projekte im Rohranlagen-, Profilwalzwerk- und NE-Anlagenbereich sowie für den sonstigen metallurgischen Maschinenbau zuständig.

Deutlich kleiner ist der Bereich Kunststofftechnik, in dem wir mit drei Firmen zur Herstellung von Extrusionsanlagen tätig sind.

VDI nachrichten: Ergeben sich Synergien auf den doch recht unterschiedlichen Gebieten?

Weiss: Die beiden metallurgischen Bereiche arbeiten natürlich eng zusammen. Für diese haben wir deshalb mit der „SMS metallurgy“ ein gemeinsames Dach geschaffen. Der Kunststoff-Maschinenbereich läuft dagegen separat. Er wurde in den 60er Jahren gegründet, weil wir uns vom Stahl unabhängiger machen wollten.

VDI nachrichten: Welche Aufgaben nimmt die SMS GmbH als Holding wahr?

Weiss: Es handelt sich um eine Finanzholding – also keine Managementholding. Die Geschäftsführung – sowohl bei SMS Demag als auch bei SMS Meer – liegt in der Hand der jeweiligen Unternehmensleitung. Die Holding verhält sich mehr wie ein Investor. Sie spricht die Unternehmensstrategien mit den operativen Vorständen ab, entscheidet über die Größenordnung der Investitionen und kümmert sich um die Personalpolitik in der Führung der Bereiche.

Selbstverständlich gehört dazu auch ein detailliertes finanzielles Controlling. Ferner fungiert die Holding als zentraler Dienstleister bei der Lösung steuerlicher und rechtlicher Fragen. Und sie ist die „Bank“ der Gruppe, betreibt also das Cash-Clearing.

VDI nachrichten: Welche Strategie verfolgt die SMS-Gruppe als Ganzes?

Weiss: Bereits in den 70er Jahren hat sich die Bundesrepublik zu einem Hochkostenland entwickelt. Für mich war damals klar, dass ein mittelständisches Unternehmen im Anlagenbau unter diesen Bedingungen nur erfolgreich sein würde, wenn es sich auf eine schmale Marktnische konzentriert, weltweit tätig ist und versucht, möglichst die Nummer 1 am Markt zu sein.

Zudem zeichnete sich bereits damals ab, dass Anlagenbauer, die Teile von Großkonzernen waren, zu unflexibel und zu bürokratisch sind. Wichtig ist deshalb ein hohes Maß an Dezentralisation innerhalb der Gruppe. Das Management und die Mitarbeiter müssen eigenverantwortlich für ihre Unternehmensbereiche tätig sein können.

VDI nachrichten: Und das Ziel, Marktführer zu werden, wurde erreicht?

Weiss: Bereits zu Beginn der 80er Jahre erreichten wir – mit den großen Aufträgen aus China und der damaligen Sowjetunion – das Ziel, größter Walzwerksbauer zu sein. Führender Anbieter im Hütten- und Walzwerksbau – mit Ausnahme der Roheisensparte – wurden wir schließlich mit der Akquisition der Mannesmann-Demag-Metallurgie.

VDI nachrichten: Wo liegen die Wachstumsschwerpunkte der SMS-Gruppe ?

Weiss: Wir wollen auch in Zukunft Wachstum sichern und bauen daher die Bereiche Elektrik, Automation und Service aus. Dies ist auch notwendig. Im mechanischen Teil des Anlagenbaus verlieren wir nämlich real Auftragsvolumen, da unsere Anlagen zunehmend effizienter arbeiten. Um eine Tonne Stahl zu erzeugen, brauchen unsere Kunden immer weniger Investitionen.

Beim Service, also der Wartung und Instandhaltung der Anlagen unserer Kunden, wachsen wir am schnellsten, was den Cashflow stabilisiert. Das Anlagengeschäft verläuft hingegen in Zyklen. Alle drei Wachstumsbereiche sind unter dem bereits erwähnten Dach der SMS metallurgy angesiedelt. Von hier aus wollen wir unsere Kunden in der Stahl- und NE-Metallindustrie über den gesamten Lebenszyklus der von uns gelieferten Anlagen begleiten.

Den Bereich Elektrik und Automation forcieren wir aber auch deshalb, weil unser Hauptkonkurrent, die VAI in Österreich, durch den Zusammenschluss mit Siemens hier sehr stark geworden ist.

VDI nachrichten: Welche Bedeutung spielt für Sie China als Absatzmarkt und Produktionsstandort?

Weiss: Nach China haben wir schon 1904 das erste Walzwerk geliefert. Danach sind wir seit den 70er Jahren dort wieder sehr engagiert. Dies hat dazu geführt, dass wir im Durchschnitt der letzten 20 Jahre ca. ein Drittel unseres Gesamtgeschäfts in China gemacht haben. Bereits seit den 80er Jahren lassen wir einen großen Teil der Maschinen in China fertigen, betreiben dort eigene Engineering-Büros und unterhalten auch eine Service-Werkstatt.

VDI nachrichten: Welche Märkte haben Sie außerdem im Fokus?

Weiss: Grundsätzlich sind wir weltweit engagiert, sonst könnten wir keine starke Weltmarktstellung aufrechterhalten. Nach China sind derzeit Russland und Indien die lebhaftesten Märkte, aber auch andere Schwellenländer, wie zum Beispiel Brasilien, Malaysia, Indonesien und Thailand, die dabei sind, eine eigene Stahlindustrie aufzubauen.

VDI nachrichten: Welche Rolle spielt der deutsche Markt ?

Weiss: Der Umsatz in Deutschland beträgt nur noch 11 % unseres Gesamtvolumens. Hier sind unsere großen Kunden Thyssen-Krupp, die Salzgitter AG und die Privatunternehmen, wie Georgsmarienhütte oder Schmolz & Bickenbach.

VDI nachrichten: Sie haben im vergangenen Jahr den Umsatz deutlich gesteigert. Hält der Gewinn mit?

Weiss: Die Gewinnentwicklung war in den metallurgischen Bereichen ausgesprochen gut. 2005, aber auch im laufenden Jahr, liegen die operativen Umsatzrenditen zwischen 6 % und 10 %. Wir gehen davon aus, dass dies auch in 2007 so bleiben wird.

VDI nachrichten: Nicht so rosig sieht es im Bereich Kunststofftechnik aus. Wie reagieren Sie?

Weiss: Die Spritzgießtechnik haben wir in diesem Jahr verkauft. Gut aufgestellt ist der Zweig Extrusionstechnik, wo wir einen angemessenen Gewinn erzielen. Sollte sich jedoch ein strategischer Investor aus dem Kunststoff-Maschinenbereich für unsere Kunststofftechnik interessieren, wären wir unter Umständen bereit, auch die Extrusionstechnik abzugeben.

VDI nachrichten: Wie hat sich die Geschäftsbelebung auf die Beschäftigung ausgewirkt?

Weiss: Im Jahresdurchschnitt waren über 9200 Mitarbeiter in den Unternehmen der SMS-Gruppe beschäftigt, davon knapp 40 % im Ausland. Wie bereits erwähnt, erweitern wir vor allem die Auslandsbüros auch personell. So beschäftigen wir beispielsweise in China bereits über 100 Automatisierungsingenieure und werden weitere einstellen, gleiches gilt für Indien und andere Zukunftsmärkte.

VDI nachrichten: Und in Deutschland?

Weiss: Obwohl unsere Auftragseingänge auf Rekordniveau liegen, stocken wir in Deutschland Personal nur vorsichtig auf. Die Gründe liegen einmal in der Inflexibilität des deutschen Arbeitsmarkts. Hinzu kommt, dass neue Mitarbeiter Jahre der Einarbeitung benötigen, bevor sie ausreichend qualifiziert sind.

VDI nachrichten: Haben Sie denn Hoffnung, dass sich die Regierung der Arbeitsmarktprobleme annimmt?

Weiss: Politisch bin ich sehr enttäuscht. Die jetzige Regierung hat nicht nur kein wirtschaftspolitisches Programm, sondern arbeitet auch handwerklich schlecht. Die jüngste Stellungnahme von Regierungsmitgliedern zu den anstehenden Tarifrunden ist nicht nur ein Verstoß gegen das Nichteinmischungsgebot, sondern hinterlässt auch einen bösen Nachgeschmack. Unternehmen sollen offenbar durch stärkere Lohnerhöhungen ausgleichen, was die Regierung mit den anstehenden Steuer- und Abgabeerhöhungen den Bürgern aus der Tasche zieht.

VDI nachrichten: Kann SMS den Bedarf an Ingenieuren decken?

Weiss: Schwierig ist die Nachwuchssituation zurzeit in den Bereichen Elektrik und Automation, Metallurgie und Hüttentechnik.

Wir investieren kräftig in die Nachwuchsrekrutierung durch Präsenz an den Hochschulen, wo wir etwa Lehraufträge wahrnehmen in Darmstadt, Clausthal, Siegen und Aachen die SMS-Studienförderung anbieten und ein Studentenwohnheim (SMS Demag-Kolleg) in Aachen unterhalten. Ferner gibt es die SMS -Akademie sowie spezielle Einführungsprogramme für Jungingenieure.

VDI nachrichten: Welche Ansprüche stellen Sie an Ingenieure?

Weiss: Der Hochschulabschluss sollte im Rahmen der Regelstudienzeit erworben sein und sich durch gute Noten auszeichnen. Erste internationale Erfahrungen sind wichtig wie auch Fremdsprachen, wobei Englisch vorausgesetzt wird. Zudem erwarten wir vor allem unternehmerisches Denken sowie soziale Kompetenz.

VDI nachrichten: Forschung und Entwicklung werden schwerpunktmäßig in Deutschland betrieben. Bleibt das so?

Weiss: Die technische Entwicklung wird weiterhin schwerpunktmäßig in Deutschland bleiben, weil hier das Kompetenzzentrum für alle wichtigen Technologien unseres Hauses ist. So können wir unser Know-how auch besser schützen.

VDI nachrichten: Welche Rolle spielen Elefantenhochzeiten unter den großen Stahlproduzenten für die SMS Demag? Mittal hat bereits angekündigt, nach dem Zusammengehen mit Arcelor die Konditionen der Lieferanten zu überprüfen.

Weiss: Wir erwarten hier als Anlagenbauer und technischer Partner unserer Kunden keine wesentlichen Änderungen. Die Vergabe eines größeren Anlagenauftrags ist immer eine Einzelentscheidung, die bei Großkunden wie bei kleineren Stahlkonzernen nach gleichen Kriterien gefällt wird.

DIETER HEUMANN

Von Dieter Heumann
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