Engineering 09.03.2007, 19:26 Uhr

„Als wenn man mit Tempo 130 in die Garage einbiegt“

Nichts deutet darauf hin, dass sich unweit des Dresdener Flugplatztowers eine Hightech-Schmiede niedergelassen hat, die Spitzenbobs produziert. Seit der Insolvenz einer Vorgängerfirma gehört die Dresdener Sportgeräte GmbH (DSG) dem Sachsen Stephan Weber. Fragen an den sportbegeisterten Ingenieur.

Weber: Das möchte sein! Natürlich nicht an den Steuerseilen. Ich habe ja keine Lizenz als Bobpilot. Aber auch so ist es ein tolles Gefühl.

VDI nachrichten: Keine Angst?

Weber: Ganz ohne ist es nicht. Man verliert die Gewalt über seine Sinne, kann den Kopf nicht mehr bewegen, die Augen nicht ausrichten wie man will. Ich sage immer: Bobfahren ist, als wenn man im Auto mit Tempo 130 von der Straße ungebremst in die Garage einbiegt. Viel Platz ist da nicht, gut 15 cm links und rechts. Und ein Bob hat keine Bremse …

VDI nachrichten: Sie sind diplomierter Chemieingenieur. Wie kommt man da zum Bobbau?

Weber: In meinem früheren Betrieb, dem VEB Formplast Rübenau, haben wir die Kunststoffteile für die ersten in der DDR gebauten Bobs gefertigt. Die Hauben lieferten wir am Tor der Dresdener Flugzeugwerft ab, wo sich die Bobschmiede schon damals befand. Hinein durften wir nicht – alles geheim!

VDI nachrichten: Die fertigen Gefährte sahen Sie später erst im Fernsehen?

Weber: ¿ oder wenn man mal mit einem Sportler in Kontakt kam. Auch erreichte uns schon mal eine Karte von den Crews, etwa von Olympia in Calgary. Sie hatten ja auch Grund zur Freude, denn es waren schon Superschlitten. Die DDR holte damit 13 Gold-, 15 Silber- und 10 Bronzemedaillen bei Olympia und Weltmeisterschaften.

VDI nachrichten: 1991 haben Sie sich zunächst in Olbernhau mit einer Firma selbstständig gemacht, die Kunststoffe verarbeitet. Vier Jahre später haben Sie dann die Dresdener Sportgeräte übernommen. Wie kam es dazu?

Weber: Die Vorläufer-Firma war 1995 in Konkurs gegangen. Ich hätte es schade gefunden, wenn solch eine Traditionsfirma den Bach hinuntergegangen oder ins Ausland abgewandert wäre. Es war neben dem wirtschaftlichen also auch ein emotionales Element, dass ich die Bobschmiede samt Mitarbeitern, Technologie und Kundenstamm übernahm.

VDI nachrichten: Die Kunststoffhauben für die Bobs bauen Sie in Ihrer Firma in Olbernhau. Um welches Material handelt es sich dabei genau?

Weber: Wahlweise um glasfaserverstärktes Polyesterharz oder um Carbon, also kohlefaserverstärktes Epoxydharz. Beides bietet die gleiche Steifigkeit, nur dass Carbongehäuse wesentlich leichter sind. Der Einsatz richtet sich aber weniger nach dem Geldbeutel als dem, was das Team auf die Waage bringt.

Das Reglement schreibt nämlich Mindest- und Maximalgewichte der Bobs samt Crew vor. Im Vierer sind das 630 kg. Habe ich also vier Muskelpakete, muss ich mir etwas beim Schlittengewicht einfallen lassen. Japaner dagegen erreichen kaum die Mindestlast. So wird das Material dem Team angepasst.

VDI nachrichten: Jedes Ihrer Gefährte ist also maßgeschneidert?

Weber: Ja. Das heißt, es gibt einen ständig weiterentwickelten Standardbob im Zweier und im Vierer, für die dann zusätzliche Dinge mit den Teams verhandelt werden. Dazu kommt die Crew meist vor Saisonbeginn zu uns zur Sitzprobe.

VDI nachrichten: Wie läuft die ab?

Weber: Das Team setzt sich in der Reihenfolge, die der Trainer festlegt hat, in den Bob. Wir passen dann bestimmte Sachen individuell an. Mitunter gehen wir auch mit dem Bob samt Crew in den Windkanal, den gleich nebenan im Werftgelände eine Ingenieurfirma betreibt. Hier ermitteln wir dann unter aerodynamischen Aspekten die beste Sitzfolge.

VDI nachrichten: Vor dem Eiskanal steht also der Windkanal. Man könnte meinen, Sie bauen Flugzeuge …

Weber: Der Vergleich ist berechtigt. Von seinen Ursprüngen stammt der Bob eher vom Flugzeug ab als vom Autobau, wenn ich nur an bestimmte Vernietungen denke. Nicht ohne Grund entstand die Firma ja in der Flugzeugwerft. Da wir übrigens mit dem Windkanal schon lange zusammenarbeiten, erlaubt uns das auch Hochrechnungen für die Aerodynamik. Wir wissen also, ein Bob von 1995 brachte jenen cw-Wert und ist so und so gelaufen. So kann man dies auf Folgemodelle umrechnen, die wir zunächst im Maßstab 1:5 fertigen.

Wo nötig, kooperieren wir auch mit Partnern der TU Dresden, der Hochschule für Design Hannover und dem Institut für Mechatronik der TU Chemnitz.

VDI nachrichten: Wie lassen sich Bobs noch schneller, noch gelenkiger machen?

Weber: Im Wesentlichen gibt es vier Ansatzpunkte: die Aerodynamik, die sehr wesentlich ist, die Fahrdynamik, das Material und die Beschaffenheit der Kufen. Allerdings gilt im Bobsport besagtes strenges Reglement, das die Entwicklungsmöglichkeiten für Hersteller stark einkreist.

Bei der Fahrdynamik experimentieren wir etwa mit der Legierung der Stähle, ebenso mit einigen erlaubten Dämpfungsmitteln sowie Feinheiten in der Lenkung. Da Bobs seit 1938 nur noch seilgesteuert sein dürfen, blieb das Lenksystem fast unverändert. Doch Seilzüge sind temperaturabhängig, und sie federn nach. Dem begegnen wir nun mit einer neuen Federspeicherlenkung. Hierbei speichern Stahlfedern in der Kurve Energie und stellen die Kufen danach schneller wieder gerade.

VDI nachrichten: Das größte Geheimnis jedes Bobs seien die Kufen, heißt es. Die Athleten sollen sie nachts unters Hotelbett legen…

Weber: Ja, über die Kufen spricht man nicht. Sie sind ein heißes Eisen, denn sie bringen durch die richtige Form und Härte oft die entscheidenden Zehntel. Dabei ist ihr Material reglementiert, ebenso der Radius. Auch Beschichtungen sind verboten. Aber neben der Legierung darf auch die Geometrie der Kufen geändert werden, also ihre Wölbung, der sogenannte Sprung, sowie die Aufstandsfläche, mit der der Stahl ins Eis beißt.

Hier setzen wir an. Abhängig davon, ob eine Bahn viele enge oder weite Kurven hat, wählt der Pilot jene Kufen, die wegen ihrer Krümmung viel Kontakt zum Eis versprechen.

VDI nachrichten: Weshalb kauft man Dresdener Bobs – wegen dieser technischen Finessen?

Weber: Auch. Fast ebenso wichtig ist aber, dass sich die Crews bei uns gut aufgehoben fühlen. Reparaturen, Ersatzteile, die ganze Betreuung – ein Anruf genügt, und Karola Bräuer, die in Dresden die Firmengeschäfte leitet, kümmert sich.

Wir bekommen auch nach der Saison immer ein Feedback der Teams, also Anregungen zu technischen Verfeinerungen. Die setzen wir dann im Sommer um. Meist sind das nur kleine Dinge, aber in Summe machen sie den Bob wieder ein paar Hundertstel schneller.

VDI nachrichten: Hat sich Ihr Kundenkreis seit der Übernahme 1995 erweitert?

Weber: Ja, es kamen weitere Nationen hinzu, auch einige, die man im Metier als Exoten sieht, wie Australien oder die Virgin Islands. Dem Weltverband FIBT gehören gut 50 Staaten an, von denen um die 40 derzeit fahrerisch aktiv sind. Und ich wüsste keine fahrende Nation, die bei uns noch keinen Bob oder zumindest wesentliche Bestandteile des Bobs erworben hätte.

VDI nachrichten: Wie viele Bobs waren made in Dresden bei der WM in St. Moritz im Februar?

Weber: So 60 % bis 65 %. Rechnet man die Bauteile dazu, die wir nur zulieferten, liegen wir bei 75 %. In dem kleinen Markt sind wir schon Marktführer. Auch wenn wir jährlich nur zehn bis 15 Bobs bauen. Sie fahren heute in Japan, der Ukraine, Russland, Frankreich, Kanada, Polen, Holland¿ In St. Moritz kam nun auch Schweden neu hinzu.

VDI nachrichten: Und wann standen Sie zuletzt dank ihrer Bobs quasi mit auf dem Podest?

Weber: Jetzt in St. Moritz durch Ivo Ruegg aus der Schweiz, dem Sieger im Vierer. Hier hatten wir aber nur das Fahrgestell und alles andere geliefert, die Haube kam aus der Schweiz. Bei jedem internationalen Rennen sind unter den Top Ten immer drei, vier Dresdner. Zur EM 2006 in Cortina holte etwa der Tscheche Ivo Danilevic Gold mit einem Zweierbob von uns.

VDI nachrichten: Und die Deutschen, warum fahren sie nicht auf Dresden ab?

Weber: Für sie ist das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten in Berlin und Leipzig zuständig. Das Makabere daran: Es arbeitet auch mit Steuergeldern, die wir mit erwirtschaften. So machen wir mit unserer Arbeit unsere Konkurrenz stark. Der letzte deutsche Spitzenfahrer auf DSG-Bobs war Wolfgang Hoppe, mit 17 internationalen Titeln der erfolgreichste Bobpilot aller Zeiten.

VDI nachrichten: Verdienen Sie dennoch Geld?

Weber: Natürlich. Die Preisspanne für unsere Bobs reicht vom VW Golf bis zum Mercedes.

VDI nachrichten: Und wer Mercedes fährt, steht ganz oben auf dem Treppchen?

Weber: Nein, das hängt doch stark vom fahrerischen Können ab. Man kann superschnelle Bobs bauen, aber wenn nicht der richtige Pilot mit der richtigen Form an der richtigen Stelle sitzt, nutzt das nichts. Zu einem guten Bob gehören dringend auch ein guter Fahrer und ein gutes Team mit einem blitzschnellen Anschieber. Es geht ja nur um Zehntelsekunden.

HARALD LACHMANN

Ein Beitrag von:

  • Harald Lachmann

    Harald Lachmann ist diplomierter Journalist, arbeitete zuletzt als Ressortleiter Politik, und schreibt heute als freier Autor und Korrespondent für Tages-, Fach- sowie Wirtschaftszeitungen.

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