US-Behörde gibt grünes Licht 19.11.2020, 09:44 Uhr

Die 737 Max darf wieder fliegen – doch Boeing hat weitere Probleme

Nach 20-monatigem Grounding geben US-Behörden grünes Licht für die 737 MAX. Doch der Hersteller ist wirtschaftlich in Schieflage – und auch Zulassungsbehörden geraten unter Druck.

Bald könnte die Boeing 737 Max wieder fliegen. 
Foto: panthermedia.net/eskystudio

Bald könnte die Boeing 737 Max wieder fliegen.

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Rund anderthalb Jahren hat es gedauert, bis die US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) die Startverbote für die 737 Max von Boeing fallen ließ. Das betrifft explizit die Varianten Max-8 und Max-9. „Die Richtlinie der FAA ist ein wichtiger Meilenstein“, sagte Stan Deal, President und Chief Executive Officer von Boeing Commercial Airplanes. „Wir werden weiterhin mit Aufsichtsbehörden auf der ganzen Welt und unseren Kunden zusammenarbeiten, um das Flugzeug weltweit wieder in Betrieb zu nehmen.“ Bedingung war, dass Flugzeuge mit einer neuen Software-Version zur Steuerung ausgerüstet werden, dem sogenannte Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS).

Andere Länder werden dem amerikanischen Beispiel folgen. So hatte die europäische Luftfahrtbehörde EASA bereits Mitte Oktober erklärt, man bewerte die 737 Max wieder als ausreichend sicher. Brasiliens und Kanadas Aufsicht hat sogar bei der Überprüfung mit FAA-Experten zusammengearbeitet. Wann die erste 737 Max tatsächlich abheben wird, ist unklar. Vorab müssen Flugzeuge gewartet und Piloten geschult werden.

Krise der Luftfahrt: Zulieferbranche schwer angeschlagen

Ein wichtiger Schritt – aber kein Ende der Krise

Für Boeing ist die Entscheidung der FAA immens wichtig, reicht aber nicht aus, um dramatische Folgen einer Wirtschaftskrise zu kompensieren. Die 737 Max war bis zum Grounding aufgrund zweier Abstürze das bestverkaufte Flugzeug – und damit ideal, um dem Konkurrenten Airbus die Stirn zu bieten. Zahlreiche Airlines haben Bestellungen storniert. Aber auch bereits fertige Flugzeuge konnten nicht mehr ausgeliefert werden. Forderungen von Fluggesellschaften und Hinterbliebenen der Opfer kamen hinzu.

Alle Schäden sollen sich auf mehrere Milliarden US-Dollar belaufen. Und nicht zu vergessen: Die Corona-Pandemie setzt Betreibern weltweit zu; ein Ende ist derzeit nicht absehbar. Darauf reagiert Boeing mit rigorosen Maßnahmen. Bis Ende 2021 soll es nur noch 130.000 Angestellte geben. Anfang 2020 waren es noch 160.000 Beschäftigte gewesen. Und laut „Seattle Times“ spekulieren Vorstände sogar, dass die Zentrale im Bundesstaat Washington aufgegeben werden.

Hinzu kommt, dass die FAA die endgültige Abnahme fertiger 737 Max nicht mehr länger Boeing überlassen will, sondern selbst tätig wird. Es handelt sich um 400 geparkte Maschinen. Um alle in die Luft zu bekommen, könnten weitere zwölf Monate vergehen.

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Kritik von Hinterbliebenen-Vertretern

Das weltweite Groundig war auf zwei schwere Unglücke zurückzuführen. Am 29. Oktober 2018 stürzte eine Boeing 737 Max-8 der Lion Air ab. Bereits am 7. November 2018 reagierte die FAA mit einer Lufttüchtigkeitsanweisung der höchsten Dringlichkeitsstufe. Betreiber aller 737 Max-8 und Max-9 mussten kurzfristig ihre Flugzeug-Handbücher aktualisieren, um auf das kritische Verhalten der MCAS-Software hinzuweisen. Das allein reichte aber nicht aus: Am 10. März 2019 stürzte eine Boeing 737 Max-8 der Ethiopian Airlines ab. In beiden Fällen gab es keine Überlebenden. Es kam weltweit zu Betriebsverboten.

Familien von Absturzopfern des Ethiopian Airlines fordern die FAA auf, die 737 Max erst nach Veröffentlichung des Abschlussberichts zu zertifizieren. In den USA wird jeder Absturz vom National Transportation Safety Board (NTSB, Nationale Behörde für Transportsicherheit) untersucht. Ziel der Abschlussberichte ist, herauszufinden, wie es zum Unfall kam. Das geschieht meist anhand des Flugdatenschreibers und des Stimmenrekorder.

„Wie kann ein Flugzeug wieder in Betrieb genommen werden, wenn noch kein endgültiger Absturzbericht veröffentlicht wurde?“, so ein Anwalt von Hinterbliebenen. „Bei Flugzeugabstürzen bekommt man keinen Körper zurück. Das verfolgt die Leute.“ Auch Michael Stumo, der Vater eines Opfers, kritisierte, dass die FAA Familien von Absturzopfern im Dunkeln lasse, warum sie glaube, dass der 737 Max jetzt sicher sei. Ende September 2019 hat Boeing mit seinem Entschädigungsprogramm begonnen. Familien der Opfer erhalten jeweils 144.500 Dollar (umgerechnet knapp 122.000 Euro).

Muss die FAA interne Prozesse verändern?

Die Krise wirft aber auch Fragen zur Zulassung der 737 Max auf. Eine neutrale Untersuchungskommission fand heraus, Boeing habe der FAA das neue MCAS-System zwar nicht verschwiegen, aber auch nicht im Detail erklärt. Außerdem seien Informationen an verschiedene Abteilungen der US-Behörde gegangen, sodass es nur bruchstückhafte Informationen gegeben habe. Das Panel kritisierte außerdem, es sei unklar, ob alle FAA-Mitarbeiter die erforderliche Fachkenntnis gehabt hätten. Die FAA soll weite Teile der Zulassung an Boeing übertragen haben. Sie wird ihre eigenen Strukturen ebenfalls kritisch überdenken müssen.

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Ein Beitrag von:

  • Michael van den Heuvel

    Michael van den Heuvel hat Chemie studiert. Unter anderem arbeitet er für Medscape, DocCheck, für die Universität München und für pharmazeutische Fachmagazine. Seit 2017 ist er selbstständiger Journalist und Gesellschafter von Content Qualitäten. Seine Themen: Chemie/physikalische Chemie, Energie, Umwelt, KI, Medizin/Medizintechnik.

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