Logistik 29.07.2005, 18:39 Uhr

„Wer zu langsam ist, bewegt bald gar nichts mehr“  

VDI nachrichten, Nürnberg, 29. 7. 05, mg – Bei der Optimierung der Logistikkette fallen immer mehr Mauern zwischen Zulieferern und Auftraggebern zu Gunsten von transparenten Prozessen. Komplexe Lieferketten werden zu „gläsernen“ Supply Chains, deren Teilnehmer Zugriff auf alle wichtigen Produktions- und Bestandsdaten der gesamten Wertschöpfungskette erhalten. Dies ist das Credo von Siemens-Spitzenmanager Johann Löttner, wie er hier erläutert.

Fast scheint es wie mit dem Propheten im eigenen Land: Bewundernd blicken wir über den Atlantik auf Software-Erfolgsstorys à la Microsoft, Oracle oder Adobe. Dabei übersehen wir, dass auch Deutschland auf diesem faszinierenden Gebiet sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen braucht: Kaum einer weiß es, aber unser Land ist eine Softwaremacht.

Dafür steht neben SAP, der Software AG und zahlreichen kleineren erfolgreichen Softwarehäusern auch der Name Siemens. Als breit aufgestellter Elektronikkonzern beschäftigen wir inzwischen weltweit mehr als 30 000 Softwareentwickler. Dies sind deutlich mehr Datenspezialisten als jeweils für die reinen Softwareunternehmen arbeiten. Neben der Entwicklung von klassischen Softwareanwendungen verdanken wir unsere Position auch dem weiter an Bedeutung gewinnenden Markt für eingebettete, so genannte „embedded“ Software. Hierbei steuert eine rasch wachsende Zahl von Kleinstrechnern Waschmaschinen, Industrieanlagen, Anwendungen im Automobil und vieles mehr.

Es werden aber nicht nur programmierbare Kleinstrechner für elektronische Steuerungen, sondern auch RFID-Chips (Radio Frequency Identification) zunehmend für die IT-gesteuerte Verfolgung von Waren (Tracking and Tracing) in der Produktion und stark zunehmend im globalen Handel eingesetzt. Auch hierfür liefert Siemens die Technologie.

Nicht nur wegen der stark diskutierten RFID-Technologie ist die Logistik einer der wichtigsten Zukunftsmärkte – auch für Softwareentwickler. Wie kein anderes Marktsegment steht diese Branche im Zeichen eines dramatischen Strukturwandels. Kaum irgendwo sind in den vergangenen Jahren die Ansprüche so sehr gestiegen wie bei der Optimierung von Lieferketten. Dank ausgefeilter Softwaresysteme entwickelt sich Logistik zunehmend zur High-Tech-Dienstleistung: Software ermöglicht die Steuerung von Frachtflotten aus vielen hundert Lastwagen über Satelliten und mobile Onlineverbindungen. Sie vernetzt weltweit verteilte Produktionsanlagen und Distributionszentren via Internet, als stünden sie an einem gemeinsamen Standort. Planungssoftware simuliert komplexe Produktions- und Lieferszenarien und modelliert optimale Beschaffungs- und Transportprozesse.

Somit beschränkt sich Logistik immer weniger auf Lagerhaltung und Transport. Sie umfasst vielmehr zunehmend das Management aller Prozesse zwischen Lieferanten, Produktion und Kunden. Dies beginnt bei der Auftragsbearbeitung und führt über Kommissionierung und Konfektionierung bis hin zur Retouren-, Reklamations- und Zahlungsabwicklung. Je nach Branche beeinflusst sie inzwischen – einschließlich Reklamationen und Auftragsverlusten durch Lieferfehler – teilweise mehr als 20 % der Unternehmenskosten, so Prof. Baumgarten in „Logistik und Kosten“.

Die steigende Zahl von Logistik-Vorständen verdeutlicht: In vielen Unternehmen hat Logistik mittlerweile den gleichen Rang wie IT, Vertrieb oder Marketing. Immer mehr Firmen sehen in ihrer Lieferqualität einen strategischen Wettbewerbsvorteil, der ebenso entscheidend sein kann wie die Technologieführerschaft.

Für die Logistikwelt der Zukunft heißt das Credo: Wer zu langsam ist, bewegt bald gar nichts mehr. Was würde geschehen, wenn Amazon als größter Online-Buchhändler am Tag der Auslieferung des neuesten Harry-Potter-Bandes nicht in der Lage wäre, die Flut von mehreren hunderttausend Vorbestellungen logistisch zu bewältigen? Die Folgen wären ebenso dramatisch wie bei eToys, dem einstmals größten Internetportal für Spielzeug. Das Unternehmen ging am eigenen Erfolg zugrunde, weil es seine Logistikkapazitäten nicht auf die hohe Nachfrage im Weihnachtsgeschäft vorbereitet hatte. Aufgrund eines Lieferengpasses standen an Heiligabend zahlreiche Eltern mit leeren Händen vor ihren Kindern und kehrten eToys für immer den Rücken.

So hat Logistik in Zeiten weltweiter Warenströme eine strategische Bedeutung, die über Erfolg und Misserfolg ganzer Geschäftsmodelle entscheidet. Um auf Spitzenpositionen zu rangieren, kommt es darauf an, schneller zu liefern als der Wettbewerb.

Es geht nicht nur um eine Steigerung der Kundenzufriedenheit. Bei vielen Elektronikprodukten müssen – insbesondere aufgrund des schnellen Preisverfalls – die Lager- und Lieferzeiten so kurz wie möglich gehalten werden. Je eher eine Lieferung ihr Ziel erreicht, desto schneller ist auch die Rechnung beim Kunden. Damit werden auch Stornierungen, die etwa im Consumer-Bereich oft durch fast zeitgleiche Verkaufsaktionen ähnlicher oder identischer Produkte durch den Mitbewerb ausgelöst werden, deutlich reduziert.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie von A.T. Kearney steigen die Logistikkosten bis zum Jahr 2008 voraussichtlich um 30 %. Gründe sind wachsende Ansprüche an Liefertempo und Liefertreue, die weiter steigende Komplexität weltweiter Lieferketten, eine immer größere Teilevielfalt und die Zunahme des grenzüberschreitenden Handels.

Kennzeichen der Lieferkette der Zukunft ist die nahtlose Vernetzung von physischer Materialbewegung und datentechnischem Informationsfluss auf Basis von Tracking & Tracing. Dies beginnt bei der Gewinnung der Rohstoffe und führt über die Produktion von Zwischen- und Fertigprodukten bis hin zur Auslieferung an den Kunden und – zum Beispiel im Falle von Rückrufaktionen – wieder retour. Letzterer Aspekt gewinnt im Lebensmittelgeschäft und vielen anderen Branchen stark an Bedeutung.

Im Zuge der Optimierung der Logistikkette werden immer mehr Mauern zwischen Zulieferern und Auftraggebern zu Gunsten von transparenten Prozessen fallen. Komplexe Lieferketten werden zu „gläsernen“ Supply Chains, deren Teilnehmer Zugriff auf alle wichtigen Produktions- und Bestandsdaten der gesamten Wertschöpfungskette erhalten. Damit wird eine Vision wahr, die bereits in den 1980er Jahren formuliert wurde. Heute steht dafür die technische Basis wie auch die Expertise bereit.

Diese umwälzende Entwicklung verlangt ein ganzheitliches und prozessübergreifendes Supply Chain Design. Maßgeblich sind sowohl ein tief greifendes Logistikverständnis als auch ein hohes IT- und Unternehmensprozess-Know-how. Hier liegt großes Optimierungspotenzial für die Logistik: So entwickelt Siemens jetzt ein IT-System, das die Produktion mit Lagerhaltung und Distribution vernetzt. Unter dem Namen Logistics and Manufacturing Execution System (LMES) überwindet es die Mauern von Logistik (LES) und Fertigung (MES). Als Logistik- und Automationsexperte übernimmt Siemens hier eine Vorreiterrolle. „LES meets MES“ heißt das Motto.

Basis der gläsernen Supply Chain bildet eine lückenlose Güter- und Warenverfolgung aller vom IT-System einmal registrierten Produkte. Die IT bietet allen Beteiligten auf Basis von zeitnahen Ist-Daten frühstmögliche Informationen über Lieferengpässe, Bottlenecks, Maschinenausfälle, Transportverzögerungen und weitere Abweichungen von der Liefer- und Produktionsplanung. Das durchgängige Monitoring aller Produktbewegungen ist die Grundlage für die fortlaufende Optimierung von Produktion und Supply Chain. Es schafft freie Bahn für eine lückenlose Lieferkette. Sie stellt schnellstes Liefertempo bei bester Liefertreue sicher und gewährleistet damit einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Und auch in diesem Zukunftsmarkt ist Deutschland als Softwaremacht ganz vorne mit dabei. JOHANN LÖTTNER

Von Johann Löttner

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