Logistik 01.09.2000, 17:26 Uhr

Weltreise einer Flasche

Wer hat gesagt, die Expo sei ein Flop? Hinter den Kulissen ist die Weltausstellung eine perfekt geschmierte Maschinerie. Eine Cola-Flasche lüftet die logistischen Rätsel.

Ich bin eine Cola-Flasche, leider eine Einwegflasche. Ich weiß, dass Mehrwegflaschen einen besseren Ruf genießen. Aber klammheimlich lieben mich die Leute genauso wie meine langlebigen Kolleginnen. Vor allem auf der Weltausstellung in Hannover, für die ich bestimmt bin. Da werden an einem durchschnittlichen Tag rund 24 000 meinesgleichen aus den Automaten gezogen, also rund 12 000 l, genauso viel wie aus Mehrwegflaschen getrunken wird.
Ich bin schon ganz schön aufgeregt. Die Kollegin neben mir behauptet, dass auf der Expo die Post abgeht – auch nachts. In zehn Minuten, punkt Null Uhr Null, werde ich es selbst erleben. Noch strömen Scharen von Nachtschwärmern aus den Toren. Um Mitternacht aber muss das Fußvolk weg sein dann gehört das Gelände bis 8.00 Uhr morgens den Lieferanten, Müllmännern, Putzkolonnen, Reparaturdiensten…
Endlich wird das Tor Südost 4 aufgemacht. Die drei „Tor-Hüter“ begrüßen unseren roten Lieferwagen freundlich. Man kennt sich. Schließlich ist Coca-Cola Produktpartner der Expo und hat von der Firma Rhenus Baulogistik GmbH Zeitfenster für die Transporte erhalten. Fahrzeuge mit mehr als 5 t Gütern oder mit verderblichen Lebensmitteln bekommen direkte Zulassungen.
Kleine Lieferungen werden im Südwesten von Hannover zu Sammeltransporten geschnürt. 48 Stunden – zum Teil 24 Stunden – vor Einfahrt muss ein Transport angemeldet sein das wird genauso kontrolliert wie die Abfahrt, Fahrzeugdaten, geladene Güter.. Die „Tor-Hüter“ können rund um die Uhr mit dem Rhenus-Leitstand, der die Eingänge per Video überblickt, direkt sprechen.
Hier darf nichts schief gehen, das wäre ein Jammer bei so einer Pracht! Das muss man im Leben wirklich einmal gesehen haben! So viel Licht, dass es selbst in unserem Laderaum hell wird. Und das nachts! Das Wüstenfort der Vereinigten Arabischen Emirate vor uns leuchtet wie eine Hochzeittorte weiß in den dunklen Himmel. Und auf der Sanddüne davor, nur als Silhouette erkennbar, eine Menschengruppe in langen arabischen Gewändern, die wie Scherenschnitt vor der strahlenden Steinmauer steht.
Ein Gemälde aus „Tausendundeiner Nacht“, eine Erzählung von Tradition und Moderne, Wüsten und stromhellen Fassaden. Meine schlaue Kollegin hat gehört, dass die Stadtwerke Hannover namens „Enercity“ für diese Beleuchtung sorgen. Die haben mit der Expo ein Rundumpaket für Strom, Gas und Wasser – sollen allein für Anlagen 80 Mio. DM investiert haben. Und eine Menge Nerven hat es auch gekostet, die Leitungen punktgenau zu verlegen. Viele Pavillons wurden erst auf den letzten Drücker fertig, ihre Baufahrzeuge knickten Straßenlampen und demolierten Leitungen – ein Dauerspurt fürs Enercity-Team. In den ersten Juni-Tagen passierte noch ein besonderer Knüller, plaudert meine Kollegin aus.

Aussteller orderten viel zu viel Strom und Wasser

Die auf dem Gelände zugelassenen Elektrokarren flitzten zu schnell durch die Menge, also wollten Expo-Macher die Rennstrecke entschärfen. Sie ließen hier bohren und einen Poller setzen, dort bohren und – alle Lichter gingen aus. Leitung getroffen. Enercity musste wieder ran. Solche Störungsmeldungen laufen über die Expo-Betriebs- und Sicherheitszentrale. Soll eine imposante Schaltstelle sein für Polizei, Feuerwehr, Bahn, Nahverkehr, Move-Verkehrsleitsystem, Stromversorger, Duales System…
Das Allerschlimmste aber für Enercity sei gewesen, weiß die superschlaue Kollegin, dass Aussteller noch Ende Mai quasi stündlich mehr Energie bestellten. Heute könnten problemlos 128 MW/h Strom, 4500 m3 Gas oder 1600 m3 Wasser pro Stunde geliefert werden. Viel zu viel. Höchstens 50 MW/h werden überhaupt gebraucht. Denn bisher blieben Klima-Anlagen ziemlich arbeitslos, und in den stromfressenden Küchen der Restaurants herrscht Flaute. Auch im Pannenbereich. Selbst Kurzschlüsse sind rar. Entsprechend untätig sind die drei Blaulicht-Fahrzeuge der Enercity.
… Uff, schon habe ich gedacht, dass meine Expo-Reise zu Ende sei. War aber nicht mein Automat. Auch der Cola-Wagen mit den Mehrwegflaschen stoppt, exakt vor dem jemenitischen Pavillon. „Den Fahrer kenne ich!“, schreit entzückt die Kollegin. „Das ist Michael Schön, der ist von Anfang an dabei.“ Woher sie den schon wieder kennt? Aber ackern muss der! Volle Flaschen und 20-l-Behälter rein, Leergut raus, Tempo, Tempo. Hat keine Zeit für die Schönheiten des roten Lehmbaus mit den weißen Verzierungen nach Art orientalischer Stickerei. Jetzt wäre eigentlich die richtige Zeit, im palmenbewachsenen Innenhof vor aufsteigendem Vollmond eine Wasserpfeife zu schmauchen.
Man könnte richtig ins Schwärmen kommen, wenn da nicht dieser elefantengroße Straßenreiniger umherzischen würde. Der stört die Träume mit seinem Höllenlärm. Doch wo er durchgefahren ist, sieht es wie geleckt aus. Gehört ja auch zum Trupp, der aus der Expo 2000 die sauberste Weltausstellung überhaupt macht. Zu diesem Image tragen die vielen hundert Mitarbeiter der Hannoveraner Firma Expo-Clean bei, die im Drei-Schicht-Betrieb die öffentlichen Flächen und viele Pavillons und Gaststätten des 160 ha großen Geländes sauber halten. Den ständig patrouillierenden Kontrolleuren der Expo und den 30 Service-Managern der Expo-Clean entgeht nichts. Jedes Unrathäufchen melden sie der Putz-Leitstelle, die sofort ihre Leute ausschickt. Nachts reinigen sie alles gründlich, putzen Graffiti weg, ersetzen Papierrollen, Handtücher, Seife, Reiniger… insgesamt 15 t Material täglich. Schließlich stellen sie auch die Müllsäcke an den Straßenrand, wo sie vom Dualen System Deutschland (DSD) übernommen werden.
Auch das DSD gehört zum Tip-Top-Team, das auf der Expo Sauberkeit als deutsches Qualitätsmerkmal pflegt. Und Pünktlichkeit. Zwischen Mitternacht und 5.00 Uhr morgens herrscht DSD-Generalstabsplan. Da wird im Viertelstunden-Takt die Route der Entsorgungsfahrzeuge festgelegt, die bei Pavillons, Messehallen und den 27 „Wasteguard Points“ Abfälle sammeln. In diese 27 Stationen werden tagsüber die vollen Eimer geleert. 1500 Mülleimer hat das DSD verteilt, getrennt nach Leichtverpackung, Restmülltonne, Aschenbecher, zusätzlich an 95 Standorten größere Container für Papier, Pappe, Karton und Glas – nach Farben getrennt. „Wir Flaschen kommen direkt zu Rhenus und dann in verschiedene Glashütten“, prophezeit meine Nachbarin.
Mittlerweile ist es draußen laut geworden. Ständig rattern Geldstücke durch den Automaten, wir werden gedreht – und schon wieder ist eine Flasche weg. Oh, jetzt bin ich dran! Ein netter junger Mann fasst mit seiner Hand um meine schlanke Taille, trinkt mich in vier langen Zügen leer – und schaut sich nach einem Mülleimer um.
Ich habe Pech! Er lässt mich tatsächlich in eine „Gelbe Tonne“ fallen! Und gleich hinterher fliegt eine Cola-Dose auf mich drauf. Welche Schande, als propere Flasche inmitten lauter zerbeulter Dosen zu landen! Und welches Geschepper, als uns DSD-Mann Pedro in den LVP-Sammler im Wasteguard Point schüttet! Da tröstet es nur wenig, dass ich vielleicht die erste Flasche bin, die heute nacht die vollautomatische Sortec 3.0 erlebt. 18 Mio. DM habe die technische Ausstattung gekostet, protzen die Dosen. Alles Hightech. Nach der Expo soll sie 25 000 t Verpackungsabfälle von rund 1 Mio. Menschen im Raum Hannover sortieren und aufbereiten. Übrigens: Das DSD war gar nicht so unglücklich, dass die Besucherzahlen nur langsam anstiegen. So konnte sich die gesamte Abfallentsorgung einspielen. Noch immer fallen täglich nur 36 t Abfall an, erwartet hatte das DSD bis zu 90 t.
Schade, dass ich keine zweite dieser wuseligen Expo-Nächte erlebe, die alles in geheimnisvolles Licht eintauchen und gleichzeitig die logistischen Rätsel lüften. Gnadenlos werden wir verladen und zur Sortec in den Südwesten von Hannover gebracht. Au! Das war bereits das Trommelsieb der ersten Vorsortierstation – und schon blasen barbarisch raue Windsichter die leichten Teile einfach schwupp vom Fließband. Kaum kann ich wieder Atem holen, zieht ein Magnetscheider alles weg, was daran kleben bleibt. Und ab geht“s in den OP – nein, ist nur die Nah-Infrarot-Spektroskopie, die PET-Flaschen und Getränkekartons aussortiert. Alles ist so hektisch! Irgendwie verliere ich die Orientierung. Da sollte doch noch die nassmechanische Aufbereitung und die Kunststoffveredelung kommen, sagten jedenfalls die Dosen. Aber mir wird immer schwindliger. – Hilfe! Ich werde ohnmächtig…
Während alles Verwertbare weitgehend sortenrein zurückgewonnen und Kunststoff zu Agglomerat und Granulat aufbereitet wird, endet die Einwegflasche ziemlich lädiert bei den 17 % Resten, die in der Sortec nicht verarbeitet werden. Sie gab keinen Laut mehr von sich! RUTH KUNTZ-BRUNNER
Informationen unter: www.enercity.de (zur Energieversorgung), www.gruener-punkt.de/expo2000 (zur Entsorgung), www.expo2000log.com (zur Logistik), www.gegenbauerbosse.de (zur Reinigung) http://

Damit auf der Expo das Licht nicht ausgeht

Für die Expo und den Stadtteil Kronsberg wurden mehrere Druckerhöhungsstationen für Gas und Wasser gebaut, ein neues Umspannwerk, ein Nahwärme-Netz mit eigener Energiezentrale, neue Strom- und Gasnetze, Anschlüsse, 51 Trafo-Stationen auf dem Ost- und 25 auf dem Westgelände. Diese 80-Mio.-DM-Investitionen erfolgten zusätzlich zu den bestehenden Anlagen der Messe AG, die von der Expo genutzt werden. Für dieses 100 ha große Messe-Areal haben die Stadtwerke Enercity mit der Messe AG, einem Kunden der Stadtwerke, quasi einen Dienstleistungsvertrag abgeschlossen. Jedes einzelne Mittelspannungskabel kann am Bildschirm überwacht werden. Das einmalige Know-how, das Enercity in sechs Jahren Arbeit für die Expo 2000 gewonnen hat, soll weiter vermarktet werden. Interessiert zeigte sich bereits die Schweiz, die in zwei Jahren eine kleine Expo durchführt. rkb

Von Ruth Kuntz-Brunner
Von Ruth Kuntz-Brunner

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