Logistik 27.06.2008, 19:35 Uhr

Transportkosten bremsen die Globalisierung  

VDI nachrichten, Toronto, 27. 6. 08, mav – Mit den steigenden Energie- und damit Frachtkosten wird die Produktion in den Ländern der industrialisierten Welt wieder attraktiver. Erstmals können etwa US-amerikanische Stahlkocher billiger herstellen als ihre chinesischen Konkurrenten. Maschinenbauer verlagern ihre Produktionsstätten zurück in die USA.

Streikende Lastwagenfahrer in Spanien liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei, weil teure Treibstoffe ihre Existenz bedrohen. In Österreich ist nach Angaben des Güterbeförderungsgewerbes wegen der Inflation bei Spritpreisen ein Drittel aller Spediteure vom Aus bedroht. In Seoul legen mehr als 11 000 Lkw-Fahrer der Korea Cargo Transport Workers Union tagelang Häfen und Bahnhöfe lahm. Sie verlangen Subventionen für Diesel sowie höhere Mindestlöhne.

Im internationalen Handel hinterlassen rasant steigende Frachtraten Spuren: Die Föderation der indischen Handelskammern (FICCI) warnt, dass das Land 2008 sein Exportziel nicht erreicht, weil westliche Kunden nun lieber bei Lieferanten in ihrer Nähe einkaufen. „Wenn der Trend anhält, müssen Indiens Exporteure ihre Ausfuhren strategisch neu ausrichten und sich nach weniger entfernten Märkten umschauen“, heißt es in dem Bericht.

Eine neue Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) schildert, wie die ersten international aufgestellten Einzelhandels-Konzerne ihren Wareneinkauf in China und Indien zu drosseln beginnen, stattdessen mehr Güter vor Ort beziehen. Als Beispiele nennt PwC den britischen Supermarkt-Betreiber Tesco und den Jeans-Hersteller Levi Strauss.

Mehr noch: Der Vorstandschef von Home Depot, der weltweit größten Heimwerker-Kette, sieht als Konsequenz rapide steigender Transportkosten „mehr Jobs für Amerika“. Frank Blake sucht für Home Depot nach eigenen Angaben bereits neue Fabrik-Standorte in den USA, Kanada oder Mexiko. Dort will er Produkte fertigen, deren Import aus China zu teuer geworden ist. Und bei Bremen Castings, einer Eisen-Gießerei in Bremen, die in der vierten Generation als Familienbetrieb geführt wird, beobachtet Firmen-Präsident J.B. Brown, dass immer mehr seiner Kunden Produktion aus China zurück verlagern. Im Mai machte ein Pumpenhersteller, der bei Bremen Casting einkauft, eine zwei Jahre alte Verlagerung nach China rückgängig.

Nach Jahrzehnten der Liberalisierung im Welthandel drohen eskalierende Energiepreise dem internationalen Transport von Gütern und der Globalisierung einen Rückschlag zu versetzen. Seit Beginn dieses Jahrzehnts hat sich der Frachtpreis für einen 40-Fuß-Container von Shanghai an die nordamerikanische Pazifikküste von 3000 $ auf 8000 $ beinahe verdreifacht.

Das stellt in den ersten Industriezweigen die globale Wettbewerbs-Situation auf den Kopf. Beispiel Stahl: Erstmals produzieren Amerikas Stahlkocher billiger als die chinesische Konkurrenz, weil China das zur Fertigung benötigte Eisenerz erst aus Australien einführen und den gerollten Stahl quer über den Pazifik nach Seattle, Los Angeles oder Vancouver verschiffen muss.

Falls der Preis für das Barrel Öl (159 l) in den nächsten zwei Jahren – wie von den ersten Investmentbanken vorhergesagt – auf 150 $ oder 200 $ ansteigt, „entspricht das Handelstarifen, wie wir sie vor den GATT-Verhandlungen der Kennedy-Administration in den 60er-Jahren hatten“, sagt der Chefvolkswirt Jeff Rubin bei der Investmentbank CIBC World Markets in Toronto.

Die Folgen sind aber auch bei 135 $ je Barrel Öl schon sichtbar, zum Beispiel in den Statistiken amerikanischer Pazifikhäfen: Chinas Stahlexporte in die USA sind laut CIBC World Markets in den vergangenen zwölf Monaten um 20 % eingebrochen, während US-amerikanische Stahlfirmen ihre Produktion um 10 % ausbauten. Ohne die Zunahme der Transportkosten, schätzt Rubin, wären Chinas Exporte in Richtung USA seit 2004 um satte 30 % gewachsen.

„Die Transportkosten, nicht die Einfuhrtarife, sind jetzt die größte Barriere im Welthandel“, sagt Rubin. Der Volkswirt hat ausgerechnet, dass für eine Zunahme der Transport-Distanz um 10 % die Frachtkosten um 4,5 % steigen. Schlechte Nachrichten für lange Routen über die Ozeane, es sei denn, man ist Spediteur oder Reeder.

Rubin sieht China, das wegen des aufgewerteten Renminbi und kräftig gestiegener Löhne ohnehin schon weniger Lohnkostenvorteil bietet, als eines der ersten Opfer der Entwicklung. „Eskalierende Transportkosten werden in Kürze die stärkste internationale Inflationsbremse der vergangenen zehn Jahre, China, eliminieren.“ Topmanager in US-Firmen stimmen zu und beginnen sich die Hände zu reiben.

Was auf dem Spiel steht, drückt Rubin so aus: „Die Globalisierung ist umkehrbar geworden.“ Güter, bei denen der Anteil der Transportkosten am Warenwert vergleichsweise hoch ist – wie Möbel, Bekleidung, Schuhe und Maschinen – sind besonders betroffen. Die jüngste Importstatistik der US International Trade Commission weist aus, dass chinesische Export-Artikel besonders häufig in diese Kategorien fallen.

An den steigenden Frachtkosten wird sich so schnell wohl nichts ändern. Laut der jüngsten Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim und der ProgTrans in Basel unter 300 Spitzenkräften der Transportwirtschaft erwarten 60 % bis 70 % der Manager, dass die Preise für fast alle Routen und für alle Verkehrsträger außer der Bahn weiter steigen. Besonders kräftig werden demnach die Preise für Luft- und Seefracht im Asien Pazifik-Verkehr sowie auf der Nordamerika-Route anziehen.

Der „Tod der Distanz“ dürfte erst einmal vertagt werden. Die großen Gewinner dieser Entwicklung stehen schon fest. Jeff Rubin hält Mexiko für einen der Beschaffungsmärkte, die in Nordamerika von geografisch kürzeren Lieferketten profitieren werden. Aus EU-Sicht dürfte Osteuropa zu den Gewinnern der Umorientierung gehören, weil sich hier Lohnvorteile bei vergleichsweise geringer Entfernung erzielen lassen. MARKUS GÄRTNER

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