Logistik 04.08.2000, 17:26 Uhr

Schnelle Otto-Logistik aus Sachsen-Anhalt

In fünf Jahren will der Otto Versand mehr als 5 % seines Umsatzes über E-Commerce erzielen. Sein Versandzentrum im ostdeutschen Haldensleben ist bereits jetzt für den erwarteten Wachstumsschub gerüstet.

In Haldensleben bei Magdeburg ist jetzt für rund 170 Mio. DM das Otto-Versandzentrum erweitert worden. Während im letzten Jahr 87 Mio. Artikel in alle Teile der Bundesrepublik ausgeliefert wurden, können nunmehr in dieser ostdeutschen Versandzentrale jährlich mehr als 100 Mio. Artikel in rund 36 Mio. Paketen abgewickelt werden. Die Zahl der Mitarbeiter am Standort stieg damit zugleich auf knapp über 1600 an. Insgesamt betreibt das Hamburger Unternehmen, das sich selbst mit einem Umsatz von 40,4 Mrd. DM als weltweiten Marktführer im Versandhandel bezeichnet, in Deutschland sieben Versandzentren, wobei Haldensleben neben Hamburg für die kleinteilige Ware aus den Bereichen Mode, Schuhe, sowie Hartwaren zuständig ist.
Mit dem neuen Zentrum will die Otto-Gruppe, die in 24 Ländern aktiv ist, die Produktivität und auch die Schnelligkeit bei der Bearbeitung weiter steigern. Im neuen vollautomatischen Hochregallager mit einer Kapazität von nunmehr insgesamt 1,2 Mio. Paketen kann die Warenbereitstellung mittlerweile durch eine Internet-Bestellung direkt ausgelöst werden, betont der Haldenslebener Betriebsleiter Diethard Welsch. Vom Rechner wird dabei die von den Kunden gewünschte Priorität automatisch berücksichtigt: Besonders eilige Aufträge werden von den 16 vollautomatischen Regalbediengeräten im neuen Hochregallager auch einzeln ausgeführt. Ansonsten erfolgen Sammelfahrten, bei denen je Regal-Tour bis zu 15 Pakete aus den 30 m hohen Regalwänden geholt werden. Der Versender hat in Haldensleben auf ein System der Firma Swisslog, Aarau (CH), zurückgegriffen, bei dem aus Kostengründen nur noch für jede zweite Regalgasse ein Bediengerät erforderlich ist. Im Bedarfsfall werden die teuren Geräte an der Stirnseite des Lagers in wenigen Sekunden auf die unbesetzte Gasse umgesetzt.
Vorstandschef Dr. Michael Otto nannte den Bereich E-Commerce als wichtigsten Wachstumsfaktor auch des traditionellen Versandhandels – ohne dass jedoch der traditionelle Bestellweg über Kataloge an Aktualität verlöre. Heute erwirtschaftet das Unternehmen allein in Deutschland bereits 120 Mio. DM Umsatz durch Bestellungen über das Internet, „innerhalb von fünf Jahren wollen wir wenigstens 5 % Umsatz über diesen Vertriebsweg erreichen“, so Otto. Die Bestellungen würden über die vorhandenen Versandzentren abgewickelt.
„Wir wissen, dass heute bereits ein Viertel aller Online-Bestellungen anderer Anbieter verspätet oder qualitativ unzureichend bearbeitet werden, wir werden unseren gewohnten hohen Standard dagegen setzen“, sagte Ottos Marketing-Vorstand Dr. Peer Witten.
Trotz der hohen Automatisierung im Lagerbereich wird der Versandhandel auf absehbare Zeit ein relativ arbeitsintensiver Bereich werden. So muss auch künftig das Packen der Pakete oder auch die Qualitätskontrolle per Hand erfolgen, die Warenverteilung (sowohl über die zur Otto-Gruppe gehörende Hermes als auch über dritte Spediteure) sorge für weitere Arbeitsplätze. So werden beispielsweise in der Qualitätskontrolle mittels eines „lernenden Systems“ alle Sendungen nach einem Raster stichprobenartig geprüft, bei dem als zuverlässig ermittelte Hersteller seltener, solche mit häufigeren Beanstandungen häufiger geprüft werden. „Wir haben von jedem Artikel ein Muster oder zumindest eine Stoffprobe vorliegen und lassen hier Farbe, Größe, die Verarbeitungsqualität an Nähten oder Knopflöchern prüfen“, berichtet Betriebsleiter Dieter Welsch. Regelmäßig werden die Stichproben auch gewaschen, um die Farbechtheit und das Einlaufen zu kontrollieren. „Wir leisten uns diesen Mehraufwand, weil es für den Versandhandel besonders wichtig ist, die Zahl der Rücksendungen niedrig zu halten. Die vor dem Versand festgestellten Mängel seien stark sortimentsabhängig und lägen von „weit unter 1 % bis zu 5 %“, berichtet Welsch. Wenn bei einer Partie ein überdurchschnittlicher Fehleranteil auftauche, werde eine zweite Probe geöffnet – und dann eventuell die gesamte Lieferung retourniert.
Nicht ausschließen will Vorstandschef Michael Otto auch die Realisierung des dritten Bauabschnitts. „Wir haben unser Konzept von Anfang an auf eine modulartige Erweiterung angelegt“, hofft der Firmenchef, dass die heutigen Kapazitäten erneut an ihre Grenzen stoßen. Allerdings habe Haldensleben jetzt selbst für die Vorweihnachtszeit erst einmal ausreichend Reserven. Schließlich habe man hier inzwischen mehr Geschäft konzentriert, als in der Zentrale bei Hamburg, die noch vor zehn Jahren den gesamten Bereich der Kleinartikel bewältigte. Eng könne es derzeit allenfalls bei der Konfektionierung werden, wo in der Hochsaison im Schichtsystem bis Mitternacht gearbeitet werde. Probleme hat Otto in Haldensleben nur noch mit der Verkehrsinfrastruktur: 1991 sei beim Grundstückserwerb die Verlängerung der A 14 fest zugesichert worden, doch davon ist in der offiziellen Politik keine Rede mehr, wurde am Rande der Feier moniert. Bisher müssen daher die Lkw-Karawanen, die meist nachts unterwegs sind, sich 20 km weit über eine völlig unzureichend ausgebaute Bundesstraße quälen. MANFRED SCHULZE

Ein Beitrag von:

  • Manfred Schulze

    Manfred Schulze ist freier Journalist für Fachzeitungen Energie, Logistik, Technologie.

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