Logistik 16.09.2005, 18:40 Uhr

Sassnitz wächst als Spezialhafen für kombinierten Güterverkehr  

VDI nachrichten, Sassnitz, 16. 9. 05 – Dank der EU-Erweiterung gewinnt der Fährhafen Sassnitz seine Funktion als wichtiges Cargo-Tor zwischen Osteuropa und der Welt zurück. Als einziger Hafenstandort Westeuropas mit Gleis- und Umschlaganlagen für Eisenbahngüterverkehr auf der russischen Breitspur ist er ideal positioniert für Verbindungen nach Russland und Finnland.

Die ostdeutschen Seehäfen hatten vor dem Fall der Mauer eine ähnliche Funktion wie die Leipziger Messe oder der Flughafen Berlin-Schönefeld: Sie waren ein Tor der abgeschotteten DDR zur restlichen Welt. Doch mit dem Fall der Mauer verloren sie ihre alte Funktion. Heute – gut 15 Jahre später – gibt ihnen die Öffnung der Grenzen nach Osten aber wieder neuen Schub, im Logistikmarkt offensiv mitzumischen.

Hier ist der Fährhafen Sassnitz gerade dabei, die ersten Früchte seiner Neuausrichtung einzufahren. Denn mit der Verlagerung der Güterumschlagkapazitäten von Sassnitz nach Mukran und der Modernisierung der Verladetechnik scheint dem Fährhafen auf Rügen die notwendige Umstrukturierung bereits gelungen: Dank seiner Umschlaganlagen für Eisenbahnwaggons der russischen Breitspur ist der östlichste Tiefwasserhafen Deutschlands ein idealer Cargo-Bahnhof für kombinierten Eisenbahnfährverkehr.

Der Umzug – aus Marketinggründen war der bekannte Name Sassnitz gleich mitverlagert worden – hat sich ausgezahlt. Davon ist Detlef Unger, der heute Vertriebschef im Hafen ist, überzeugt, denn der neue Standort biete heute rund 600 Jobs und gelte mit seiner Wassertiefe von 10,5 m als zukunftssicher. Dabei war im Januar 1998, als zum letzten Mal die „Saßnitz“ im 90-jährigen Fährhafen des Fischerstädtchens am Nordzipfel Rügens festmachte, die Stimmung im Ort noch geteilt, obwohl die traditionsreiche „Königslinie“ nach Trelleborg in Schweden keineswegs am Ende war, sondern im 5 km südlich gelegenen Fährhafen Mukran ein neues Terminal nutzen konnte.

„Die veraltete Infrastruktur am Stadthafen hat einfach nicht mehr ausgereicht, aber viele Leute haben die großen Schiffe vermisst, deren Beladung mit Bahnwaggons und Lkw man von den benachbarten Hügeln beobachten konnte“, erinnert sich Unger, der den Umzug damals miterlebte. Im 1986 eilig gebauten Mukran – der Hafen war von der damaligen DDR-Führung als Druckmittel gegen das unsicher gewordene Transitland Polen gesehen worden – gibt es heute den einzigen Breitspurbahnhof in Mitteleuropa. Er war damals mit einer gigantischen Kapazität von 5 Mio. t und einem Umschlagterminal auch zur Normalspur ausgestattet worden.

Die Fährlinie nach Klaipeda, ehemals wichtiger Seehafen der Sowjetunion, erlebte zwar schwierige Zeiten nach dem Fall der Mauer, konnte aber in den letzten zwei Jahren wieder deutlich zulegen. „Am Tiefpunkt vor drei Jahren liefen nur noch 5000 Waggons, jetzt sind es wieder 7400 pro Jahr, meist mit Ausrüstungen für GUS-Staaten im mittleren Osten, zum Teil aber auch für Russland selbst“, weiß Hafenchef Harm Sievers zu berichten.

Für den Ausbau von Mukran war und ist noch reichlich Platz vorhanden. Besonders für das Industriegebiet mit Tiefwasser-Fischereihafen waren auch Landmassen aufgespült worden. Inzwischen werden jährlich 5,3 Mio. t Fracht und fast 74 000 Eisenbahnwaggons sowie ein großer Anteil RoRo-Verkehr nach Skandinavien aus dem Hafen verschifft.

Allerdings, das räumt auch Sievers ein, der Passagierstrom in Sassnitz schrumpft seit zwei Jahren deutlich. „Die Billigflieger machen uns Konkurrenz, neue Brücken über die Ostsee entstehen, Duty Free gibt es nicht mehr und die Dänen haben ihre Alkoholsteuer gesenkt“, listet der Hafenchef die Ursachen auf, warum aus jährlich knapp 1 Mio. Passagieren nur noch 840 000 wurden, die heute eine der Fähren besteigen.

Dazu kommt der Wegfall der langen Wartezeiten an den polnischen Grenzen für den europäischen Lkw-Verkehr. Auch benachteilige die Russische Staatsbahn den Hafen von Klaipeda durch hohe Gebühren. Klaipeda ist heute Teil von Litauen und damit EU. Die Russen mögen nach Ansicht von Sievers aber keine Konkurrenz zu St. Petersburg und den in Bau befindlichen neuen Hafen von Ust Luga, der mit einer Kapazität von 35 Mio. t die Warenströme der Ostsee neu mischen wird.

Sievers blieb daher nur übrig, die Flucht in die Offensive anzutreten. Immerhin ist auch sein Hinterland nach Südosteuropa erweitert und schafft Potenzial für neue Warenströme von und nach Skandinavien sowie Nordrussland. Neue Fährlinien nach Baltisk bei Kaliningrad in Russland werden nach den Informationen des Hafenchefs die bereits vorhandene Frequenz nach Petersburg ergänzen und sollen mit Inbetriebnahme des Eisenbahnfährhafens Ust Luga ab 2007 das Waggonvolumen verdoppeln. Zudem arbeitet der Hafen Sassnitz an einer Linie nach Finnland, wo die Bahn ebenfalls Breitspurverkehr nutzt.

Dazu kommt der Aufbau eines herkömmlichen Frachtbereiches, für den Ende August der Startschuss fiel. „Wir waren bis dahin ein Hafen ohne Kran, aber das Geschäft ist so viel versprechend, dass wir jetzt schrittweise Liegeplätze, Lager und Verladetechnik für Stückgut aufbauen“, so Sievert. 3 Mio. € sind schon investiert, als erstes wird vor allem Holz und Papier verschifft, aber auch US-Landmaschinen für Russland seien bereits avisiert.

Fertig aufgespült ist zudem ein neues Gewerbegebiet mit einer Fischfabrik und eigenem Tiefwasserkai, auf dem sich Sievert viel mehr vorstellen kann: „Wenn der Windpark in der Ostsee gebaut wird, könnte hier die Wartungstechnik untergebracht werden, aber auch die Farbenindustrie hätte hier Vorteile, weil der wichtige Zuschlagstoff Kreide gleich vor dem Hafentor abgebaut wird und die Märkte per Schiff kostengünstig erreichbar sind.

Noch ist vieles nur Planspiel. Sichtbar wachsen aber bereits die Betonpfeiler der neuen, 45 m hohen Strelasund-Brücke aus dem Wasser, die ab 2007 Rügen und damit den Fährhafen an das europäische Autobahnnetz anschließt. „Das Geld wäre nicht nur für den Tourismus geflossen, dahinter steckt auch die Berechnung, dass Sassnitz eine große Zukunft als nördlichster Hafen Deutschlands hat“, ist sich Sievers sicher. MANFRED SCHULZE/Si

Neue Fährlinien zu russischen Häfen sollen ab 2007 das Waggonvolumen verdoppeln

Von Manfred Schulze/Jürgen Siebenlist
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