Logistik 19.11.1999, 17:23 Uhr

Prototypen reisen inkognito

Prototypen neuer Fahrzeuge sollen nicht vorzeitig fotografiert werden können. Genau aus dieser Gefahr heraus entstand ein ungewöhnlicher Zweig des Transportgewerbes – die Beförderung von Fracht, die unterwegs nicht gesehen werden darf.

Wenn in Zeitschriften von „carparazzi“ die Rede ist, sind jene Fotografen gemeint, die ständig auf der Lauer liegen, um Fotos von neuen automobilen Prototypen zu schießen. Speziell auf Flughäfen, die die Automobil-Industrie für den Versand ihrer Prototypen benutzen könnte, halten sie zu gegebener Zeit Tag und Nacht Wacht. Die niederländische Fluggesellschaft KLM war einer der ersten Transport-Dienstleister, der die Notwendigkeit der Inkognito-Beförderung bestimmter Frachten erkannte und diese Gefahr mit einem neuen Service minimierte.
Auf der anderen Seite, also im Lager der Versender, war es die Ford Motor Company, die im Jahr 1997, sofort als der neue Logistik-Service auf den Markt kam, das Angebot von KLM akzeptierte. Seitdem sind viele automobile Prototypen des amerikanischen Kfz-Produzenten mit dem niederländischen Unternehmen geflogen – ohne, dass es je zu einer Panne im Blick auf Fotografen oder andere Neugierige gekommen wäre. Denn speziell für das Kfz-Geschäft hatte die KLM eine unscheinbare „Kiste“ entwickelt, die unter der Bezeichnung „cartainer“ seitdem im Einsatz ist und sich äußerlich in nichts von anderen Luftfracht-Verpackungen unterscheidet.

Der Umstieg ins Flugzeug birgt das größte Fotografier-Risiko

Werden Prototypen – keineswegs nur der Automobilindustrie – beispielsweise innerhalb Europas von Werk zu Werk oder Werk zu Testgelände gefahren, so sind damit wenig Geheimhaltungsprobleme verbunden. Meistens reicht ein Sattelschlepper um einen fest verschlossenen Container aufzunehmen und vom einen zum anderen Werk zu befördern. Die Schwierigkeiten im Blick auf die Geheimhaltung setzen erst dann ein, wenn der Transport unterwegs „gebrochen“ werden muss, wenn also Umladungen unvermeidlich sind. Das gilt immer dann, wenn ein Teil des Weges mit dem Flugzeug zurückgelegt wird. Ursprünglich neigten die meisten Versender dazu, spezielle Kisten für den Prototypenversand selbst zu fertigen. Das war nicht nur teuer, sondern hatte auch den großen Nachteil, dass diese Verpackungen erhebliches Gewicht aufwiesen, speziell wenn ihr Inhalt selbst viel wog. Bei den KLM-Prototypenverpackungen handelt es sich dagegen um Gebilde, die aus normalen Serien-Container-Teilen hergestellt werden. Sie sind wasserdicht, „nicht-einsehbar“ und für Unbefugte nicht zu öffnen. Gabe Garcia aus der Leitung der KLM Cargo Business Unit Air Logistics sieht einen weiteren Vorteil darin, dass die „Cartainer“ kurzerhand aus dem Flugzeug auf einen Lastwagen geladen und direkt zum Ziel ihrer Reise gefahren werden können.
Es geht beim Prototypenversand allerdings nicht nur um das „Fotografier-Risiko“. Auch der Schutz jeglicher Prototypen vor jedweder Beschädigung ist besonders wichtig. Garcia betont, dass Prototypen meist den vielfachen Wert des späteren Serienerzeugnisses darstellen. Da es sich ja gerade nicht um Serienprodukte handelt, sind die Prototypen besonders hochwertig und können im Schadensfall kaum so schnell ersetzt werden. Das erklärt auch, dass es mit dem Transport allein noch lange nicht getan ist. Die Beförderung muss bis ins Detail vorgeplant werden. Und später darf schließlich nicht einmal die Rechnung erkennen lassen, um welch wertvolle Fracht es tatsächlich im konkreten Falle gegangen ist.
Was die KLM eingeführt hat, bieten inzwischen auch andere, spezialisierte Frachtfluggesellschaften, so zum Beispiel die Heavy Lift Cargo Airlines, die unter anderem oft für deutsche Kunden tätig ist. Geschäftsführer Graham Pearce lässt keinen Zweifel daran, dass ein wesentlicher Teil seiner Kundschaft hohen Wert darauf legt, dass neue Maschinen und Anlagen unterwegs keineswegs einsehbar sind. Art und Größe der beförderten Maschinen und Anlagenteile schließen häufig die Container-Verpackung aus. Also müssen andere Wege gefunden werden, die Fracht im Sinne des Versenders oder Empfängers wenigstens so alltäglich und unauffällig wie möglich erscheinen zu lassen.
Sowohl in den Niederlanden als auch in Großbritannien sind mittlerweile zahlreiche Transporteure bereit, die Geheimniswahrung der Frachtgüter zum Bestandteil der Transportvereinbarung zu machen. Das schließt zwar nicht aus, dass etwa der Zoll die geheime Fracht besichtigen kann, aber im übrigen muss sicher gestellt werden, dass nicht einmal rein zufällig die Prototypen auf ihrer Reise von falschen Augen gesehen werden. Wäre das der Fall, könnte der Schaden unter Umständen sogar noch viel höher sein, als wenn die geheimnisvolle Fracht etwa durch ein Unglück gänzlich vernichtet würde. PETER ODRICH
Bei Maschinen-Prototypen genügt im Gegensatz zu neuen Automobil-Modellen meist schon ein Mantel nach „Christo“-Art, um unerkannt im Bauch eines Luftfracht-Schwertransporters zu verschwinden, wie hier auf dem Flughafen Stansted bei London.

Von Peter Odrich
Von Peter Odrich

Stellenangebote im Bereich Einkauf und Beschaffung

Energie und Wasser Potsdam GmbH-Firmenlogo
Energie und Wasser Potsdam GmbH Wirtschaftsingenieur als Fachbereichsleiter Technischer Einkauf (m/w/div.) Potsdam
KHD Humboldt Wedag-Firmenlogo
KHD Humboldt Wedag Expeditor (m/w/d) Köln-Holweide

Alle Einkauf und Beschaffung Jobs

Top 5 Logistik

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.