Logistik 23.07.1999, 17:22 Uhr

Nachts gehört der Luftraum den Postfliegern

Nicht einmal vier Stunden haben die Postflieger Nacht für Nacht Zeit, die Briefpost durch die Republik zu fliegen. Ein ausgefeiltes logistisches System sorgt dafür, daß sie es schaffen. Zumindest meistens.

Diese Nacht hat es in sich: Blitz und Donner ziehen über die Ostseestadt Rostock. Der Regen peitscht unaufhörlich auf die Start- und Landebahn des Flughafens südlich von Rostock. Ausgerechnet heute, ausgerechnet an meinem Geburtstag, mag sich Jürgen Roske denken. Ein böses Omen? Doch der 43jährige winkt ab, ein Sommergewitter haut ihn nicht um: „Das haben wir öfter hier an der Küste.“
Seit fünf Jahren steht er, von seinen Ferien abgesehen, fünf Nächte in der Woche auf dem Rostocker Flughafen und sorgt dafür, daß die Menschen aus der Region ihre Post bekommen und loswerden. Wieder kracht ein Blitz durch die Nacht und taucht die Boeing 737 über Roske in ein fahles Licht.
Geburtstagskind Roske ist Leiter Technik und Betrieb des Rostocker Flughafens und Nacht für Nacht muß er dafür sorgen daß die Post abgeht – trocken, versteht sich. Und da es regnet, wird umdisponiert: „Wir holen die Maschine in den Frachthangar.“ Gesagt, getan. Langsam rollt die 737 in die Riesenhalle. Zwar verladen in den warmen Sommernächten die Arbeiter lieber draußen, unmittelbar vor dem Hangar, aber heute Nacht spielt das Wetter nicht mit.
Roskes Blick schweift jetzt hinüber auf die Rückseite der offenen Halle zu den Rampen für die Post-Lkw. Noch bevor die ersten Lkw anrollen, werden Behälterwagen dort in Reih und Glied aufgestellt. Umschlagwege und -techniken wurden bis ins Kleinste optimiert, „zackig ablaufen“ muß hier alles, so Roske.
Dann heißt es warten.

Ein paar Plastikbezüge machen aus einem Passagierflugzeug einen Postflieger

Seitdem Rostock-Laage 1994 an das Nachtflugnetz der Post angeschlossen wurde, landet und startet hier der Postflieger, eine Boeing 737, Nacht für Nacht, fünfmal in der Woche. Seitdem ist „Mecklenburg-Vorpommern auch nicht mehr der Arsch der Welt“, brummt Roske.
Vor einigen Stunden war die Boeing 737 noch mit Passagieren unterwegs. Jetzt hat die Crew gewechselt, die Maschine wurde durchgecheckt und aufgetankt und im Tower in Laage halten sich die Fluglotsen bereit. Von Rostock aus transportiert die Maschine die Briefpost zum Knotenpunkt des Nachluftpostnetzes der Deutschen Post, nach Frankfurt am Main.
Mittlerweile ist es Punkt 22 Uhr. Wie auf Bestellung rollt der erste Postlaster mit der Fracht vom Briefzentrum Schwerin an die Rampe. „Ich bin etwas zu früh hier“, entschuldigt sich der Lkw-Fahrer bei Roske. Der nimmt“ s gelassen, disponiert erneut um. Denn die Lkw-Ankunft ist auf die Reihenfolge für die Flugzeugbeladung genau abgestimmt: Was zuerst in Frankfurt entladen werden soll, wird in Rostock-Laage zuletzt beladen. In Frankfurt angekommen, soll die Fracht für den ersten Abflug sofort greifbar sein. Für den spätesten Anschlußflug darf sie in den hinteren Laderaumpositionen verstaut werden. Einem Brief aus Saßnitz etwa ins süddeutsche Laar steht damit ein intensives Nachtleben bevor: Nach der Postkastenentleerung gelangt er gegen 20 Uhr ins Briefzentrum Rostock. Dort sortiert ihn eine vollautomatische Anlage – nach den ersten beiden Ziffern der Postleitzahl – in das Fach für Lahr im Schwarzwald, den Zielflughafen für Freiburg, und verpackt die „Lahr-Post“ in gelbe Plastikbehälter, die etwa halb so groß sind wie ein Bierkasten. Der Strichcode des Aufklebers verrät, woher der Behälter kommt und wohin er soll.
Dann geht es per Lkw zum Flughafen Rostock-Laage. Startzeit ist 23 Uhr. In Frankfurt wird die Rostocker Ladung für Lahr und die anderen Zielflughäfen im Airmail Center mit denen aus anderen Regionen zusammengestellt. Die Flieger werden beladen und starten, darunter auch der nach Lahr im Schwarzwald. Dort angekommen, heißt es Umladen auf Lkw. Gegen drei Uhr erreicht der Behälter mit dem Brief aus Saßnitz das Briefzentrum Freiburg. Dort sortiert die Anlage auf die Zustellbezirke. Dann ist der Briefträger dran. So ist zumindest der Plan.
Schlag auf Schlag trudeln jetzt die anderen Lkw am Hangar ein. Sechs Fahrzeuge bringen sämtliche Briefpost aus Mecklenburg-Vorpommern hierher.
Unmittelbar mit der Lkw-Entladung beginnt die Flugzeugbeladung. Vorher wird noch an der Rampe die Post gewogen, denn der Postflieger soll gleichmäßig beladen werden. Dann rollt Kiste für Kiste über das Förderband in den Bauch des Fliegers.
Das Innere des Flugzeugs ist kaum wiederzuerkennen. Wo vor Stunden noch Passagiere saßen, hängen jetzt Textilbezüge, die zugleich als Container dienen. Die Belademannschaft zwängt sich durch das Flugzeug und verstaut die Postbehälter in Windeseile, aber ohne Hektik, in den Textilcontainern. Jeder Handgriff sitzt. Ist der Textilcontainer gefüllt, werden seine Gurte festgezurrt. Die Ladung ist gesichert. Nach gut 35 Minuten ist die B 737 beladen.
„Die gesamte Postlogistik kann kaum besser sein als ihr schwächstes Glied“, philosophiert Roske, während er zusieht, wie Postkästen im Flugzeug verschwinden. Der Ablauf der Postverteilung – genauer: der Flugplan in Frankfurt – bestimmt den Ladevorgang auf dem Flughafen in Rostock. Das Zeitfenster ist eng, der gesamte Nachluftpostverkehr in Deutschland muß zwischen 23 Uhr abends bis ca. 2.30 Uhr morgens abgewickelt sein.
Klappt das nicht, werden Briefe verspätet zugestellt und die Nachflugaktionen kollidiert mit den Tagflugplänen im ganzen Lande.
Und jetzt sieht es ganz so aus, als würde es nicht klappen. Um 23 Uhr sollte die Boeing mit der Fracht an Bord nach Frankfurt starten, doch noch immer steht sie am Boden. Das Gewitter ist nicht Schuld, auch nicht das Beladungsteam. Ein potenter Großkunde aus Rostock hatte sich wieder einmal nicht an die Zeitvorgaben gehalten und seine Post zu spät aufgegeben. Also muß der Beladeplan wieder geändert werden. Roske hat Erfahrung mit solchen Pannen: „So etwas passiert hin und wieder“. Mit gut einer halben Stunde Verspätung hebt der Postflieger schließlich ab.
Gewitter auf der gesamten Strecke nach Frankfurt. Die B737-300 wird heftig durchgeschüttelt, der Flug gleicht eher der Kopfsteinpflaster-Tour eines ungefederten Lasters. Fest verzurrt hängt die Ladung in den Textilsäcken und rührt sich nicht.
Den Zeitverzug aufzuholen, ist bei diesem Wetter nicht drin. Gegen 0:50 Uhr landet die Maschine schließlich auf dem Cargo-Gelände des Frankfurtet Flughafens. Sämtliche Post aus dem Inland hätte eigentlich bis spätestens 0.45 Uhr in die Postcontainer und auf die Postwagen verteilt sein sollen. Die ersten Flüge sollen schließlich um 1.25 Uhr nach Hamburg und München starten und dabei natürlich auch die Post aus Saßnitz, Neubrandenburg oder Schwerin mitnehmen.
Logistiker nennen den Frankfurter Airport „Nachtpoststern“. Nicht zu Unrecht, bis auf ein paar Ausnahmen fliegen die Postjets nämlich aus allen Himmelsrichtungen – von insgesamt 13 deutschen Flughäfen aus – auf die Mainmetropole zu. Von dort aus gelangen Briefe und Karten, ebenfalls per Flieger zu den Zielflughäfen. Die Adreßorte liegen in einem Umkreis von nicht mehr als 450 km entfernt.
Als die verspätete Maschine ausrollt, scheint auf dem Abfertigungsfeld das Chaos zu herrschen. Menschen laufen geschäftig herum, Ladegeräte, unzählige Schleppzüge mit Wagen und Container fahren scheinbar sinnlos hin und her, im künstlichen Licht der Neonröhren leuchten die gelben Postcontainer.
Doch das Chaos hat sein System. Beim längeren Hinsehen verflüchtigt sich das Durcheinander. Kaum gelandet, beginnt schon die Entladung. Ein Strom gelber Container verläßt die Maschine in Richtung Airmail Center, um dort für das nächste Flugzeug zusammengestellt zu werden. Ein Teil der gelben Postbehälter wird in größere Container verladen, die für Großflugzeuge entwickelt wurden. Die anderen Postbehälter sind für kleine Maschinen und die Unterbringung auf den Passagiersitzen bestimmt.

Jede Verspätung der Postflieger setzt sich bis zum Postboten fort

Die meiste Hektik herrscht jetzt an einer A300-600. Sie soll als erste Maschine nach Hamburg starten: Eine Hebebühne auf der Seite mit der Frachtraumluke hievt den ersten Container mit den Briefboxen aus Laage in Flugzeughöhe. Auf der gegenüberliegenden Seite transportiert ein Förderband die einzelnen Postbehälter in den Passagierraum. Wie von Geisterhand gelenkt, verschwinden die großen Aluminiumcontainer in den Frachtraum. Elektrisch angetriebene Rollen, Walzen und Weichen auf der Hebebühne und im Laderaum transportieren und steuern die Container. Handarbeit ist kaum noch nötig. Die Größe der Container ist normiert und auf den Airbus abgestimmt. Insgesamt nimmt der Riesenvogel 16 Container auf. Der Laderaum ist damit optimal ausgelastet.
Dann startet der Jet nach Hamburg, die Maschine nach Lahr rollt schon in Richtung Startbahn. Mittlerweile ist auch die Boeing aus Laage wieder vollgepackt. Bereits um 2.40 Uhr soll er wieder in Rostock-Laage mit der Post aus ganz Deutschland landen.
Verspätung haben in dieser Nacht alle Flugzeuge. Warten müssen in dieser Nacht auch noch die vielen Briefzentren der Bundesrepublik. Und wenn die Postboten sich nicht am frühen morgen besonders beeilen, wird es wohl mit der ersten Zustellung gegen 9 Uhr nichts werden.
Für den Rostocker Großkunden ist längst alles abgehakt. Er ist sich sicher, daß seine Geschäftspartner seine Briefe rechtzeitig bekommen. Vom nächtlichen Flugabenteuer, daß er verursacht hat, wird ihm niemand etwas sagen.
UWE BÄSE
Dutzende von gelben Postcontainern verschwinden in Minutenschnelle im Bauch der Boeing 737.
Wo tagsüber Passagiere sitzen, stapelt sich in der Nacht die Post. Die Containersäcke dienen zugleich als Schutz der Sitze.
Wegpacken, was das Zeug hält: Um die in Frankfurt landenden und startenden Flugzeuge zu beladen, bleibt nicht viel Zeit.
Bei größeren Flugzeugen, wie diesem Airbus, werden die Passagierkabinen auch zur Beförderung von Post verwendet
Jürgen Roske sorgt dafür, daß in Rostock die Post abgeht.

Von Uwe Bäse

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