Logistik 09.06.2000, 17:25 Uhr

Dienstleister auf der Suche nach der optimalen Dimension

Mit zunehmender Globalisierung wachsen auch die internationalen Transportnetze. Vor diesem Hintergrund stellt sich schnell die Frage, bis zu welcher Größe die verkehrlichen Verflechtungen noch strategischen Mehrwert erbringen oder aber in verfehlte Gigantomanie übergehen.

Ohne weltumspannende Transportnetze wird die Logistik nach Ansicht von Dr. Hugo Fiege künftig nicht mehr funktionieren. Dies hängt nach den Worten des Geschäftsführers der Fiege Logistik GmbH & Co., Greven, aber nicht nur mit der wachsenden Internationalisierung zusammen, sondern auch mit dem globalen Plattformkonzept der weltweit agierenden Industrieunternehmen. „Diese richten sich heute sehr radikal an der Optimierung ihrer Kostenstruktur aus, indem sie alle Teile ihrer Produkte an möglichst wenigen Orten in der Welt fertigen. Dafür nehmen sie selbst eine starke Erhöhung ihrer Logistikkosten in Kauf“, berichtete Fiege kürzlich während des Logistics Forum Duisburg aus seiner täglichen Praxis. Ihm seien Beispiele bekannt, in denen sogar eine Vervierfachung der Logistikkosten akzeptiert wurde, nur um die deutlich höheren Produktionskosten um einige Prozentpunkte senken zu können.
„Solche Entwicklungen zwingen uns in globale Netze hinein“, so der Logistik-Experte. Durch die Verknüpfung der Informationsnetze wird es darüber hinaus möglich werden, die internationalen Transportnetze als ein dynamisches Lager zu benutzen. „Wenn dann auch noch die Tracking- und Tracing-Systeme als Störsysteme eingesetzt werden, dann bieten sich Chancen mit denen sich die Kapitalbindung über die Lagerbestände wesentlich reduzieren lässt“, prognostizierte der Fiege-Geschäftsführer. Diese zukunftsorientierten Aufgaben ließen sich aber nicht mit einem ausschließlich physischen Netz lösen. Dazu seien vielmehr globale, integrierte Transport- und Steuersysteme notwendig.
Führende Transport- und Logistik-Unternehmen, wie beispielsweise die Deutsche Post AG, Bonn, streben die globale Präsenz bereits seit Jahren an. Sie laufen nach Ansicht von Dr. Jörg Biesemann dabei aber auch in Gefahr, dass deren Unternehmensgröße unüberschaubare Dimensionen annehmen. „Giganten werden unflexibel und unregierbar“, mahnte der Logistik-Fachmann der Essener Schenker AG und ergänzte: „Sie sind nicht mehr in der Lage, schnell genug auf die Veränderungen des Marktes zu reagieren“. Dies gelte vor allem für die Logistikbranche mit ihrer hohen Zersplitterung. Dort habe der aufgrund seiner Struktur sehr flexible Mittelstand gute Chancen, seine Stärke gewinnbringend einzusetzen. Biesemann: „Mittelständische Logistik-Unternehmen und Kooperationen zwischen diesen gehören zu unseren schärfsten, aber auch am meisten respektierten Wettbewerbern“. Daher spiele der Mittelstand in diesem Marktsegment, sei es in der Kontraktlogistik, in Nischen oder als Subunternehmer größerer Netze, eine unverändert wichtige und unverzichtbare Rolle – vorausgesetzt, er könne in Strukturen und Systemen mithalten.

Multinationale Unternehmen brauchen starke Partner

Für Charles J. Rice, Managing Direktor der P&O Trans European (Holdings) Ltd., Ipswich/UK, liegen die wesentlichen Vorteile großer Logistiknetze in einem fundierten Know-how, in einer sicheren Versorgung sowie in der Beständigkeit der Dienstleistungen.
„Multinationale Unternehmen brauchen starke Partner, um deren Perspektive eines integrierten europäischen Marktes in die Realität umzusetzen – auch in Bezug auf Qualität und Kosten“, forderte der P&O-Direktor, der aber gleichzeitig darauf hinwies, dass Netzwerke ab einer gewissen Größe durchaus mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden müssen. Probleme im Managementbereich seien ab einer bestimmten Dimension ebenso möglich wie unflexible Handlungsabläufe oder Koordinationsfehler.
Die Größe eines Unternehmens bringt nach Ansicht von Rice insbesondere dann einen Nutzen für Kunden und Aktionäre, wenn sich der Logistik-Dienstleister auf seine starken Kernkompetenzen konzentriert und dort auf dem globalen Markt erfolgreich ist.
„Weltumspannende Logistiknetze sind ganz sicher kein Ausdruck einer Gigantomanie“, meinte Jürgen Höfling. Nach den Aussagen des Geschäftsbereichsleiters der Deutschen Post AG werden die globalen Transportnetze stattdessen die eigentliche Wettbewerbsbasis für unsere zukünftige Wirtschaft darstellen. Als Beleg dafür verwies Höfling auf einige markante Daten der Branchenstatistik. Demnach erzeugen die 100 größten Akteure im deutschen Logistikmarkt einen jährlichen Umsatz von 64,5 Mrd. DM. In Europa sei der gesamte Markt nicht weniger wert als 880 Mrd. DM.
Vor diesem Hintergrund ist die Vollendung des europäischen Binnenmarkts laut Jürgen Höfling eine enorme Chance für die Logistikanbieter. Die global tätigen Industrieunternehmen, so der Experte weiter, machten heute 20 % der weltweiten Produktion aus. In 20 Jahren werde dieser Wert auf 80 % angewachsen sein. „Die Kunden des globalen Marktes haben spätestens dann Zugang zu allen Unternehmen und sie werden ihre Aufträge von weltweiten Standorten aus an die Unternehmen richten. Die Zulieferer müssen dadurch weltweit liefern“, argumentierte der Post-Geschäftsbereichsleiter.
Darüber hinaus werden weltweite Logistiknetze nach Ansicht von Höfling von der rasant wachsenden E-Commerce-Branche regelrecht gebraucht. „Diese Kunden erwarten von uns eine internationale Präsenz und danach haben wir unsere Strategie ausgerichtet“, berichtete der Experte auf dem Duisburger Logistiker-Treffen. Die Vorgehensweise der Deutschen Post AG basiere auf der Internationalisierung sowie auf der Erweiterung von Produktbasis und Dienstleistungspalette. Durch die Umsetzung diese Philosophie sei sie bestens auf die großen Markttrends der Globalisierung und des globalen Outsourcings eingestellt. Und der privatisierte Logistik-Dienstleister sei bereits dabei, ein innovatives, standardisiertes Paketnetz für 330 Mio. Europäer zu schaffen. R. HELMÜLLER
Logistik-Experte Fiege: „Verknüpfte Informationstechnik bietet die Chance, Transportnetze als dynamische Lager zu nutzen.“

Von Dm.
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