Landtechnik 26.01.2007, 19:26 Uhr

Selbstgepresstes nehmen Schlepper übel  

VDI nachrichten, Magdeburg, 26. 1. 07, wop – Viele Landwirte, Lohnunternehmen und Speditionen tanken Raps- und Sojaöl, um die Betriebskosten durch preiswerten Kraftstoff zu senken. Doch ist dabei Vorsicht geboten, wie ein Erfahrungsaustausch der Max-Eyth-Gesellschaft Agrartechnik im VDI letzte Woche in Magdeburg verdeutlichte. Wird einfach Pflanzenöl getankt, drohen schwere Motorschäden.

Als der Ölpreis Anfang 2005 zum Höhenflug ansetzte, kam Agraringenieur Wessendorf ins Grübeln, wie die Kosten des Fuhrparks in den Griff zu bekommen seien. Allein ein Mähdrescher mit fast 260 kW hat einen Dieselverbrauch im Ernteeinsatz von 50 l/h bis 60 l/h. Im Mai des Jahres schritt er zur Tat und ließ erste Fahrzeuge mit Zweitankanlagen ausrüsten, um neben Diesel auch Pflanzenöl an Bord haben zu können.

Der Diesel bringt die Motoren auf Betriebstemperatur, danach schalten die Systeme automatisch auf Rapsölbetrieb um. Eine derartige Anlage koste je nach Fahrzeug oder Maschine zwischen 2500 € und 4500 €, aber so Wessendorf weiter: „Gerade bei unseren Milchlastern, die rund um die Uhr unterwegs sind, hatten wir die Umbaukosten nach zwei Monaten wieder drin.“

Bis dato laufen 30 Lkw und Maschinen des Agrar-Services mit Pflanzenöl. „Bis heute hatten wir keine größeren Motorschäden“, versicherte Wessendorf. Abgesehen von ein paar Problemen mit Vor- und Rücklaufventilen, der Steuerung und den Pumpen der Zweitanksysteme laufe alles einwandfrei. Nur ein System, das je nach Lastbereich vollautomatisch zwischen Diesel und Pflanzenöl wechselt, mache viel Ärger. Der Agraringenieur hatte es extra für die oft in Teillast arbeitenden Milch-Lkw angeschafft – doch die an sich gute Idee der elektronischen Steuerung sei noch nicht ausgereift.

Nur Kinderkrankheiten also? Um ernsten Schäden vorzubeugen, betreibt der Juniorchef Wessendorf den Einsatz der Pflanzenöle mit großer Akribie. Zur optimalen Lagerung dieses Kraftstoffs schaffte er eine geeichte 30 000 l Pflanzenöltankstelle mit Tankdatenerfassung an.

Außerdem werden die Motoren nun viel ausführlicher gewartet – so steht bei Schleppern, Mähdreschern, Feldhäckslern und Mühlen alle 130 h bis 170 h im Betriebseinsatz ein Ölwechsel an und bei den Lkw nach 20 000 km bis 25 000 km. Hintergrund: Wenn Pflanzenöl ins Motoröl gelangt, verdampft es nicht wie der Dieselkraftstoff . „Das Motoröl müsste dafür 300 oC heiß werden“, erklärte Gerhard Giebel, der in der Forschung und Entwicklung der Deutz AG, Köln, den Bereich Außenversuch und Kundenanwendungen leitet.

Aufgrund seiner geringen Cetanzahl zünde das Pflanzenöl gerade in der Startphase und im Niedriglastbereich schlecht, was den Eintrag ins Schmieröl noch verstärke, erklärte Giebel. Mit der Zeit sammele es sich im Schmieröl und beginne, chemisch zu reagieren. Je nach Motoröl könne das „Milieu“ in 24 h Stunden kippen: „Es bildet sich eine puddingähnliche Masse, die den Motor beim nächsten Start ruiniert.“

Darüber hinaus sichtet Giebel bei Kunden, die Pflanzenöl tanken, immer wieder völlig verkokste Düsen und Kolbenringe und verklebte Oberflächen im Einspritzsystem, was „oft zu Kolbenfressern führt. Bei hohen Temperaturen neigen Pflanzenöle zur Polymerisation“, erklärte der Ingenieur. Hier tue sich eine Zwickmühle auf: Einerseits müssten die zähen Pflanzenöle heiß sein, um zu fließen, andererseits führten aber genau die hohen Temperaturen zu verstärkten Ablagerungen.

Gänzlich aus Deutz-Motoren verbannen will Giebel Pflanzenöle aber nicht. Zwar könne sein Unternehmen als Motorzulieferer keine Freigaben dafür erteilen, weil das allein Sache der Fahrzeug- und Maschinenhersteller sei. Doch es gebe technische Konzepte, um die beschriebenen Probleme in den Griff zu bekommen – vorausgesetzt, dass nur Öle getankt werden, die der seit Mai 2006 geltenden Norm (DIN V 51605) genügen. Giebel bezweifelte, dass Selbstversorger für die nötige Prozesssicherheit sorgen können. „Bei selbst gepresstem Öl ist größte Vorsicht geboten“, warnte er.

Selbstgepresstes kommt bei Wessendorf sowieso nicht in den Tank. „Wir fahren Raffinate von Raps- und Sojaöl“, berichtete er. Neue Lieferungen lasse er auf die DIN-Parameter hin analysieren. Auch Proben vom Altöl gehen trotz 350 € pro Analyse regelmäßig ins Labor. Anhand der Analysen werden für jedes Fahrzeug individuelle Ölwechselintervalle festgelegt.

Das Sparen mit Pflanzensprit hat also seinen Preis. Weil die Preise für Rapsöl mit dem Biodieselboom mächtig angezogen haben und nun auch die Besteuerung der Pflanzenöle einsetzt, nutzen die Münsterländer fast nur noch Sojaöl, das sie aus Brasilien importiert in Rotterdam einkaufen. Seit 2005 habe man etwa 1,6 Mio. l Sojaöl-Raffinat verfahren, berichtete Wessendorf, und im Jahr 2006 etwa 13 Mio. l davon an Speditionen und Betreiber von Blockheizkraftwerken verkauft.

Nicht nur aufgrund mangelnder Prozesssicherheit bleibt der Biokraftstoff-Selbstversorgerhof also eine Illusion. Mit der viel gepriesenen Nachhaltigkeit von Bioenergie hat das Ganze dann allerdings rein gar nichts mehr zu tun.

Jüngst forderten Hunderte lateinamerikanischer Umweltgruppen von der EU genau deshalb einen Verzicht auf Biokraftstoffe. Schon heute seien Sojaplantagen ein Hauptgrund für die Zerstörung des Regenwaldes in der Amazonas-Region, die Verdrängung von Indios aus ihren Gebieten und die Verknappung von Flächen zum Nahrungsmittelanbau.

„Während die Europäer ihre Autokultur festigten, hätten die Menschen in den südlichen Ländern immer weniger Fläche zum Anbau von Nahrung“, kritisierten die Umweltschützer den allzu arglosen Import von klimafreundlicher Bioenergie und resümieren: „Das Problem des Klimawandels, für das der Norden verantwortlich ist, kann nicht gelöst werden, indem bei uns neue Probleme geschaffen werden“. PETER TRECHOW

Kosten sparen mit Pflanzenöl erhöht technischen Aufwand

  • Peter Trechow

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