Landtechnik 26.09.2008, 19:37 Uhr

Nur im Notfall greift der Bauer noch ein  

VDI nachrichten, Berlin, 26. 9. 08, moc – Precision Farming ist auf vielen Höfen Realität. Landtechniker sind sicher, dass rechnergestützte Anbau- und Tierhaltungssysteme von heute die Vorboten einer automatisierten Landwirtschaft sind. Roboter werden Stall- und Feldarbeit verrichten, Tiere betreuen und mit Sensoren Daten sammeln.

Werden Kühe in Zukunft durch Roboter betreut?

Werden Kühe in Zukunft durch Roboter betreut?

Foto: BWE

Zweifel, dass die Landwirtschaft in weiten Teilen von der Mechanisierung zur Automatisierung übergeht, hat Frerichs nicht.

Durch Landflucht, so prognostiziert er, würden Arbeitskräfte in Zukunft noch knapper als ohnehin schon. Zudem steige das Durchschnittsalter der Landwirte. Weniger und ältere Bauern müssten dann größere Höfe mit mehr Tieren bewirtschaften. „Zusätzlich wird der Klimawandel mit seinen Wetterkapriolen die Lage komplizieren“, erwartet Frerichs.

Um der Politik in Brüssel klar zu machen, vor welchen Herausforderungen die Landtechnik steht, hat eine Arbeitsgruppe der Initiative „Manufuture“ die Vision 2020 samt strategischer Forschungsagenda erarbeitet.

In deren Ausblick auf die Landwirtschaft im Jahr 2020 sind Roboter bereits allgegenwärtig. Sie versetzen Weidezäune unbeaufsichtigter Schafherden, pflanzen, spritzen und ernten in Gewächshäusern, füttern Schweine, Kühe, Hühner oder Puten.

„Kein Tier wird mehr angebunden sein, die Ställe sind natürlich belüftet, stationäre und mobile Roboter versorgen die Tiere, während Sensornetze Informationen sammeln und drahtlos an die Managementsysteme der Betriebe übertragen“, schreiben die Landtechniker.

Skeptischer bewertet Frerichs die Chance fahrerloser Mähdrescher oder Feldhäcksler. „Fahrzeuge dieser Dimension werden sicher nicht die ersten autonomen Landmaschinen sein – und es ist fraglich, ob sie jemals ohne Fahrer auskommen werden.“ Realistischer sei es, dass bemannte Landmaschinen vorausfahren und unbemannte folgen.

Schon heute halten autonome Lenksysteme Einzug. Sind Traktoren oder Mähdrescher damit ausgerüstet, kommt den Fahrern die Rolle des Operators zu: sie kontrollieren, dokumentieren, programmieren und kommunizieren.

Die GPS-basierten Maschinen fahren und wenden auf dem Acker viel präziser als ein Mensch, auch nachts und in Hanglagen. Ihre Bearbeitungsbahnen überlappen um 3 cm bis 5 cm. Das spart Sprit, Zeit, Dünger und Pflanzenschutzmittel.

Satellitennavigation birgt aber gerade für kleinere Höfe oder Nebenerwerbsbauern noch eine Chance: virtuelle Flurbereinigung.

Genossenschaftlich genutzte Maschinen und Lohnunternehmen könnten die Bearbeitung über Ackergrenzen hinweg übernehmen – und dabei sämtliche Prozesse von Aussaat bis Ernte quadratmetergenau dokumentieren und abrechnen.

Zugleich behielte der Landwirt über sein Managementsystem die Aufsicht. Er könnte den Anbau anhand von Ertragskarten vergangener Ernten, online übermittelter Anbauempfehlungen und Wetterprognosen spezialisierter Forschungsinstitute und der einlaufenden Sensordaten von seinen Äckern planen.

Doch wo kommen die Sensordaten von den Feldern her?

„Schon heute gibt es optische Sensoren, die während der Überfahrt Daten zum Unkrautbewuchs, zur Bodenleitfähigkeit oder zum Nährstoffgehalt des Bodens sammeln“, erklärt Stefan Böttinger, der am Institut für Agrartechnik der Universität Hohenheim forscht und lehrt.

Böttinger kann sich auch vorstellen, dass in Zukunft kleine Roboter zwischen den Pflanzenreihen umherfahren, um sehr viel genauere Informationen zum Pflanzenwachstum, etwaigem Krankheitsbefall oder zur Bodenfeuchte zu sammeln und gegen Unkraut vorzugehen.

Die Vorhut dieser Datensammler und Unkrautsherrifs mischt seit einigen Jahren beim „Field Robot Event“ speziell angelegte Maisfelder auf. Studententeams aus ganz Europa treten bei dem Wettbewerb mit selbst konstruierten Feldrobotern an. Auf vorgegebenen Routen navigieren sie autonom durch teils gerade und teils kurvige Maisreihen. Der aktuelle Sieger, 4M aus Finnland, bleibt dank Allradantrieb, Elektrokompass, Navigationssystem und Ultraschallsensoren auf Kurs.

Zudem sorgt seine um 360° drehbare, auf einem Mast montierte Kamera für Überblick. Der Feldroboter kann sehen und handeln. Seine Schöpfer haben ihn mit einer Präzisionssprühanlage und einer Vorrichtung zum Aussäen von Saatgut ausgestattet.

Bleibt die Frage, wie Landwirte die eingehende Datenflut verarbeiten. Ihre Vorfahren kannten ihre Felder durch die tägliche Arbeit in- und auswendig. Der Bauer von morgen wird sie vor allem als Zahlenkolonnen auf dem Bildschirm wahrnehmen.

„Es werden hoch qualifizierte Menschen sein, die für Detailfragen Berater und Dienstleister heranziehen“, ist Böttinger überzeugt.

Neben der konkreten Anbauplanung werden sie mehr noch als heute ihre Absatzmärkte im Blick halten. Denn Experten prognostizieren heftige Marktschwankungen. Hintergrund: Die wachsende Weltbevölkerung muss künftig mit Nahrungsmitteln und Energiepflanzen versorgt werden. Die Landwirte müssen dann entscheiden, ob sie schnell wachsende Hölzer für die dezentrale Strom- und Wärmeerzeugung oder synthetische Biokraftstoffe anbauen, oder Nahrungsmittel.

Wie Böttinger geht Frerichs davon aus, dass Landwirte in Zukunft externe, hoch spezialisierte Berater brauchen, um ihre Betriebe zu managen. Zudem rechnet er mit dem verstärkten Einsatz von lernender Software, die mit künstlicher Intelligenz eigenständig Handlungsempfehlungen aus der Datenflut ableiten wird.

„Gute und schlechte Landwirte werden sich künftig dadurch unterscheiden, wie viel Information sie sammeln und wie gut sie diese interpretieren können“, sagt Frerichs.

Ob und wie stark sie automatisieren, wird allein eine Frage der Wirtschaftlichkeit. „Wo bezahlbare Arbeitskräfte fehlen, werden künftig Roboter den Job erledigen“, sagt er, „ob im Hühnerstall, bei der Obsternte oder in Schlachtbetrieben.“ PETER TRECHOW

Von Peter Trechow
Von Peter Trechow

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Fahrzeugtechnik

Zurich Gruppe Deutschland-Firmenlogo
Zurich Gruppe Deutschland Risk Engineer (m/w/d) Haftpflicht für unsere Industriekunden Frankfurt am Main
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation-Firmenlogo
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation Ingenieur*in (m/divers/w) für den Bereich Unfallanalyse Berlin
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH-Firmenlogo
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH Testingenieur / Engineeringconsultant (m/w/d) Systemintegration Car Infotainment, Fahrerassistenz und Telematik Systeme München
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Vaihingen an der Enz
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Öhringen
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Schwäbisch Hall
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Crailsheim
Eisenbahn-Bundesamt-Firmenlogo
Eisenbahn-Bundesamt Ingenieurin / Ingenieur oder Physikerin / Physiker (Uni-Diplom/Master) als Wissenschaftliche Referentin / Wissenschaftlicher Referent (m/w/d) für Schallschutz / Erschütterungsschutz Bonn, Dresden
PASS GmbH & Co. KG-Firmenlogo
PASS GmbH & Co. KG Produktmanager (m/w/d) Automotive – Bereich Entwicklung Schwelm
GTÜ Gesellschaft für Technische Überwachung mbH-Firmenlogo
GTÜ Gesellschaft für Technische Überwachung mbH Qualifizierung zum Kfz-Prüfingenieur (m/w/d) deutschlandweit

Alle Fahrzeugtechnik Jobs

Top 5 Landtechni…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.