Ernährung 14.10.2005, 18:40 Uhr

Im Weinbau ist die Technik nicht zu stoppen  

VDI nachrichten, Geisenheim, 14. 10. 05 – Bei bestem Wetter werden derzeit in deutschen Weinbauregionen Trauben gelesen. Von Hand geerntet wird dabei immer weniger – Maschinen haben Einzug in die Weinberge gehalten und erobern selbst Steillagen. Eine vollautomatische Lese mit GPS ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Mit einem leisen Rattern fährt die gigantische Maschine über die Rebstöcke, spuckt Reste von Weinblättern und Rappen aus, wie die Stile der Weintrauben genannt werden. Dann wendet die Maschine, nimmt sich die nächste Rebzeile vor.

Wo eben noch Trauben hingen, sind jetzt nur noch die Reste der Rappen zu sehen. Etwas zerzauster sieht der Rebstock allerdings schon aus.

Solche Vollernter haben weltweit die Handlese so gut wie verdrängt. „Auch im Weinbau“, so Hans-Peter Schwarz, „ist der Kostendruck enorm. Ohne Maschinisierung läuft hier schon lange nichts mehr.“

Schwarz ist Professor an einer der ältesten Forschungseinrichtungen für Wein- und Gartenbau, der Forschungsanstalt Geisenheim im Rheingau, und Fachmann für das Thema Technik im Weinbau.

Vollernter gibt es in Deutschland seit den 70er Jahren. Aber seitdem wurden die Maschinen, auch mit Hilfe der Geisenheimer Forscher, immer weiterentwickelt. Gebaut sind sie wie ein schmaler Tunnel, der sich exakt auf die Höhe der Weinstöcke hochfahren lässt. In seinem Inneren vibrieren horizontal angeordnete Stangen und lösen die Trauben vom Rappen. Ein Förderband transportiert die geernteten Trauben in einen Sammelcontainer. 200 000 € kostet so ein Koloss.

In den vergangenen Jahren hat die Entwicklung große Fortschritte gemacht. Wenn alles gut läuft, erntet heute ein Vollernter 1 ha in 80 min ab und sammelt dabei 10 t bis 11 t Trauben ein. Früher hat das mit Handlese, je nach Geschicklichkeit der Arbeiter und den Standortbedingungen, 150 bis 200 Stunden gedauert.

Und die Ausbeute der neuen Geräte ist enorm: Höchstens 2 % Rebenverlust, schätzt Schwarz, entstehen durch die automatische Lese und höchstens noch einmal 1 % bis 2 % Saftverlust.

Der Druck zur Mechanisierung kommt vor allem aus jungen Weinländern wie Australien, Südamerika und den USA. „Mit deren Preisen müssen wir mithalten“, so Schwarz.

In Geisenheim werden deshalb Technologien entwickelt, die diese Automatisierung noch weiter vorantreiben – und zwar nicht nur bei den Erntemaschinen, sondern auch bei Arbeiten zu Schutz und Pflege der Weinstöcke.

Im Hof des Instituts für Betriebswirtschaft und Technik, das in einem Backsteingebäude aus dem vorletzten Jahrhundert residiert, steht ein Reihe von Pflanzenschutzgeräten. Auch ihre Entwicklung wird vom Kostendruck bestimmt. Vor wenigen Jahren noch ging es vor allem darum, die Abdrift, – den Anteil des Pflanzenschutzmittels, der beim Aufsprühen an der Pflanze vorbeigeht – zu verhindern. Heute ist das Ziel immer mehr, auch den Verbrauch zu mindern.

Die Geisenheimer Wissenschaftler arbeiten deshalb mit den Herstellern bei der Optimierung der Geräte zusammen. Auch wenn ein Hersteller ein neues Gerät auf den Markt bringt, kommt er an den Geisenheimern kaum vorbei: Oft sind sie es, die für Zulassungsbehörden wie das Biologische Bundesamt Abdriftmessungen vornehmen und neue Technologien zertifizieren.

So gibt es Geräte, bei denen das Pflanzenschutzmittel, das die Pflanze nicht trifft, eingefangen und wiederverwendet wird. Gut 40 % der Pflanzenschutzmittel lassen sich damit einsparen. Andere Verfahren nutzen Infrarot-Sensoren, um die Reben abzutasten: Ist eine Lücke im Rebenspalier, hört das Gerät auf zu sprühen. Andere Geräte nutzen zwei unterschiedliche Flüssigkeitskreisläufe, um bestimmte Mittel nur an ausgewählte Stellen des Rebstocks zu bringen.

Doch der Innovationsdruck lastet nicht allein auf der Maschinentechnik. Von den Weinbergen, die hinter Geisenheim ansteigen, gehören auch 30 ha der Forschungsanstalt. Hier ziehen sich verschiedene Anordnungen von unterschiedlich geschnittenen Weinstöcken – so genannte Erziehungsformen – den Hang hinauf: „Einzelpfahl“, einzeln stehende Rebstöcke, oder „Minimalschnitt“, eine Bewirtschaftungsweise, die geringe Pflegekosten verursacht und zu kleineren Trauben führt. Dann eine Zeile, die an den Elektrozaun eines Hochsicherheitsgefängnisses erinnert: Die obere Hälfte des Rebstocks ist Y-förmig aufgespreizt, so dass mehr Blätter und Reben Sonnenlicht haben. „Lyra“ heißt diese Erziehungsform.

„Mit diesen experimentellen Anordnungen“, erläutert Manfred Stoll, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Weinbau in Geisenheim, „suchen wir nach neuen Erziehungsformen für den Weinanbau in nördlichen Regionen.“ Die Weine dieser unterschiedlichen Erziehungsformen werden geerntet und landen schließlich im Keller des Fachgebiets für Kellerwirtschaft.

Tausende von Flaschen, teilweise über 50 jahre alt, lagern hier, alle mit langen Nummerncodes versehen. Und einmal in der Woche werden die Erfolge der Ernte verköstigt. „Über die Qualität“, so Stoll, „entscheidet neben der Analytik auch der Geschmack“.

Wenn auch nicht allein. In den letzten Jahren hat es immer wieder „Extremjahre“, so Stoll, gegeben, in denen der Wein durch lange Trockenperioden zu wenig Wasser bekam.

Stoll arbeitet deshalb an einem Verfahren, bei dem mit einer Infrarotkamera die Unterversorgung der Rebe mit Wasser nachgewiesen werden soll. Das Gerät ist zwar vorhanden, noch aber, so Stoll, „haben wir nicht genug Daten, um das Sensorbild der Rebe zuverlässig mit bereits vorhandenem Wissen korrelieren zu können“. Auf dem selben Weg will er Pilzbefall, etwa Mehltau, auf den Reben entdecken.

Der Vorteil: Man kann sehr selektiv und präzise nur dort, wo es notwendig wird, wässern oder Pflanzenschutzmittel aufbringen. „Präzisionsweinbau“ ist hier das Stichwort.

Fünf Jahre wird es aber noch dauern, vermutet Stoll, bis ein zuverlässiger Prototyp für die Analyse des Wassermangels bereitsteht. Für den Pilz-Sensor dürfte es noch länger dauern.

Ein anderes Problem des deutschen Weinbaus kann man einige Kilometer entfernt an den Hängen unterhalb von Schloss Johannisberg sehen. Hier steigt der Hang steil an, zwischen den Reben mühen sich Dutzende von Erntehelfern. „Die Mechanisierung des Steillagenanbaus ist eines der größten Probleme im deutschen Weinbau“, so Schwarz.

Nicht so sehr im Rheingau, weil hier die Hänge nicht so steil sind, eher an der Mosel, wo bereits fast 25 % der Steillagen nicht mehr bewirtschaftet werden – obwohl dort mit der beste Wein wächst. Aber die Arbeit per Hand macht diese Lagen unrentabel.

In Geisenheim wurde deshalb ein Steillagenmechanisierungssystem (SMS) entwickelt. Dabei wird von einem Trägerfahrzeug am Drahtseil ein so genannter Satellit mit vier Rädern zwischen den Rebzeilen den Hang heruntergelassen. Ein Fahrer bedient diesen Satellit, der von einer Winde am Trägerfahrzeug wieder nach oben gezogen wird.

Derzeit ist das System nur zum Transport der Lese geeignet, zum Bearbeiten der Böden und als Basis der Pflanzensprühgeräte, aber nicht zum Ernten. Doch im benachbarten Rheinland-Pfalz wird bereits ein Vollernter für Steillagen entwickelt.

Damit ist das Ende der Mechanisierung im Weinbau noch lange nicht gekommen: Schwarz arbeitet mit Kollegen in Geisenheim bereits an Konzepten, wie sich in Zukunft Vollernter sowohl am flachen wie am steilen Hang über das Global Positioning System (GPS) steuern klassen. Es mag zwar noch einige Jahre dauern, doch „das wird kommen“, ist sich Schwarz sicher. „Und wenn wir es nicht machen, dann unsere Wettbewerber in Australien oder Südafrika.“ moc

 

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