Gentechnik 25.02.2000, 17:24 Uhr

Genmais macht sich vom Acker

Die Bundesregierung verbietet dem Basler Pharmakonzern Novartis, bereits zugelassene gentechnisch veränderte Maispflanzen anzubauen. Damit schließt sich Deutschland den bereits in Österreich, Luxemburg und Frankreich bestehenden Verboten für „Bt-Mais“ an.

Gesundheitsministerin Andrea Fischer stoppte am 16. Februar die Zulassung der transgenen Maissorte des Basler Pharma- und Agroriesen No-vartis. Das war in allerletzter Minute, denn das Bundessortenamt in Hannover war im Begriff, die Maissorte mit dem Namen “Bt-176“ in Deutschland zuzulassen. Mit dieser Entscheidung der Ministerin darf der transgene Mais in Deutschland nicht angebaut werden. Damit hat die Bundesregierung die Strategie von Novartis zerschlagen, Handel und Landwirte schrittweise an den Bt-Mais zu gewöhnen. Denn auch nach der Sortenzulassung wollte die Firma den Mais erst einmal nur auf einigen hundert Hektar anbauen. Langfristig glaubt Rainer Linneweber, Pressesprecher der No-vartis Seeds GmbH in Bad Salzuflen, dass Landwirte den Bt-Mais in Deutschland auf rund 30 000 ha, einem Bruchteil der gesamten Maisanbaufläche von 1,5 Mio. ha, anbauen würden – nämlich überall dort, wo Landwirte Probleme mit einem großen Maisschädling, dem Maiszünslers, haben. Der transgene Mais bildet ein Bakteriengift, der diese Raupen tötet.
„Doch wir mussten aus Vorsorgegründen den Bt-Mais verbieten“, erklärt Ulrike Riedel, Leiterin der Abteilung Gesundheitsvorsorge und Krankheitsbekämpfung des Bundesgesundheitsministeriums. Für das Ministerium gibt es aus Laborexperimenten ernst zu nehmende Hinweise: Larven von Florfliegen werden geschädigt, wenn sie Maiszünslerraupen fressen, die mit Bt-Mais gefüttert wurden Larven des Monarchfalters entwickeln sich nicht normal, wenn sie Pollen von Bt-Mais verzehren Bt-Gift scheint auch aus den Wurzeln des Mais in den Boden zu gelangen und dort längere Zeit stabil zu sein. Ob dadurch Bodenorganismen geschädigt werden können, ist offen. Außerdem verweist Riedel auf noch ungeklärte Fragen zur möglichen Übertragung der Fremdgene und zur Ausbildung von Resistenzen beim Maiszünsler gegen Bt-Toxine.
Dabei schien schon alles geregelt: Im Januar 1997 erklärte die EU-Kommission diesen Bt-176-Mais für ökologisch und gesundheitlich unbedenklich und genehmigte dessen Anbau und Verkauf in allen EU-Staaten. Der Mais darf demnach als Viehfutter verkauft werden, Maisprodukte können in Lebensmitteln verarbeitet werden, zum Beispiel die Maisstärke in Puddingpulver und Backwaren oder als Glukosesirup in Eis und Getränken.
„Die Entscheidung der Bundesregierung ist eine politische Anweisung, die im Gegensatz zu wissenschaftlichen Erkenntnissen steht“, meint Ingolf Schuphahn von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen auf einer Wissenschaftspressekonferenz vergangenen Dienstag in Bonn. Der Ökologe sieht keine neuen Risikoaspekte. So haben Freilandversuche ein Risiko für Florliegen oder Monarchfalter bislang nicht bestätigt. Und die Furcht vor der Übertragung der im Mais enthaltenen Ampicillin-Resistenzgene hält er für übertrieben: Der horizontale Gentransfer von Pflanzen auf Bakterien sei extrem selten und schon heute seien viele Krankheitserreger resistent gegen Ampicillin. Schuphahn befürwortet den Anbau. „Nach heutigem Kenntnisstand ist die Nutzung des Bt-Giftes in Kulturpflanzen eine den Landwirt, die Pflanze und das Agrar-Ökosystem optimal schützende Strategie.“
Novartis-Sprecher Linneweber hält den Bt-Mais gar für einen Beitrag zu einer umweltschonenden Landwirtschaft. Er verweist auf die Untersuchungen des Bundessortenamtes. Danach wirkt Bt-176-Mais effektiv gegen Zünslerfraß. Deshalb brauchen Landwirte weniger Insektizide spritzen, so Linneweber. Außerdem würden die Maiskörner seltener durch schimmelbildende Fusarien-Pilze infiziert.
Doch die Bundesregierung brauche keine neuen Fakten, um den Anbau zu verbieten, meint Riedel. Es genüge, dass „die Dimension des Problems sich geändert hat“. Bislang sei ein Verbot unverhältnismäßig gewesen, da Novartis in den letzten drei Jahren mit einer Sondererlaubnis des Bundessortenamtes in Hessen und Baden-Württemberg zu Versuchszwecken auf 350 ha bis 500 ha etwa 10 t bis 18 t Saatgut ausgebracht hat. Doch die EU-Staaten haben sich im Sommer 1999 darauf geeinigt, vor Verabschiedung der neuen Freisetzungsrichtlinie, die die Regeln für das Inverkehrbringen von gentechnisch veränderten Pflanzen und Saatgut novelliert, keine neuen transgenen Pflanzen zuzulassen. Riedel: „Es kann nicht angehen, dass durch die Zulassung des unbegrenzten Anbaus und die Vermarktung auf der Basis eines veralteten Erkenntnisstandes nicht rückholbare Fakten geschaffen werden.“ Denn die neue Richtlinie, die zur Zeit in zweiter Lesung im Europäischen Parlament beraten und wahrscheinlich noch vor Sommer verabschiedet werden wird, soll nur noch zeitlich befristete Zulassungen ermöglichen und ein Monitoring zur Ermittlung der Auswirkungen des gentechnisch veränderten Organismen vorschreiben.
Die Bundesregierung steht nicht allein: Auch in Österreich, Luxemburg und Frankreich hat die Politik entschieden, aus Vorsorgeerwägungen den Bt-Mais entgegen der Genehmigung durch die EU-Kommission nicht zuzulassen. Linneweber hofft auf die neue Freisetzungsrichtlinie. Denn dann werde es für Firmen und auch für die Öffentlichkeit wieder einen kalkulierbaren Gesetzesrahmen geben. RALPH AHRENS
Deutsche Bauern müssen noch länger auf Gen-Mais warten, der gegen den Maiszünsler resistent ist. Das Bundesgesundheitsministerium untersagte den großflächigen Anbau.

Als „Bt-Mais“ werden gentechnisch veränderte Maissorten bezeichnet, die sich selbst gegen den Raupenfraß des Maiszünslers schützen.
Dazu haben Gentechniker diesem Mais ein Gen des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis, kurz „Bt“, eingepflanzt. Gekoppelt an dieses Gen enthält der Bt-176-Mais der Firma Novartis zwei zusätzliche Fremdgene, die die Selektion der Bt-Pflanzen erleichtern. Das eine bewirkt eine Resistenz gegen das Antibiotikum Ampicillin, das andere verleiht der Pflanze eine Toleranz gegen das Unkrautvernichtungsmittel Basta.
Im Labor werden zunächst kleine Genabschnitte mit dem Bt-Gen in Bakterien vermehrt, die später in Pflanzenzellen übertragen werden. Der Erfolg des Gentransfers wird daran gemessen, ob die Pflanzen gegen Basta resistent sind. Doch dieses Genkonstrukt mit drei Fremdgenen ist nicht mehr Stand der Technik. Heute werden transgene Pflanzen ohne Ampicillinresistenz-Gene herstellt.
Für eine solche Sorte hat Novartis in der EU bereits die Zulassung beantragt.

Ein Beitrag von:

  • Ralph H. Ahrens

    Chefredakteur des UmweltMagazins der VDI Fachmediengruppe. Der promovierte Chemiker arbeitete u.a. beim Freiburger Regionalradio. Er absolvierte eine Weiterbildung zum „Fachjournalisten für Umweltfragen“ und arbeitete bis 2019 freiberuflich für dieverse Printmedien, u.a. VDI nachrichten. Seine Themenschwerpunkte sind Chemikalien-, Industrie- und Klimapolitik auf deutscher, EU- und internationaler Ebene.

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