Landtechnik 18.05.2007, 19:28 Uhr

Eine amerikanische Karriere: vom Beamten zum Vorstandsvorsitzenden  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 18. 5. 07, Fr – Der Jahresabschluss, den Martin Richenhagen im Februar in perfektem Englisch und mit starkem deutschen Akzent bekannt geben musste, war für die Aktionäre sicherlich enttäuschend. Doch an der Stellung des bislang äußerst erfolgreichen deutschen Managers an der Spitze des Milliardenkonzerns Agco dürfte sich dadurch wenig ändern.

Unser frei verfügbarer Cashflow ist auf Rekordhöhe“, freute sich Agco-Chef Martin Richenhagen vorige Woche, obwohl es eigentlich wenig Grund zur Freude gab. Der Jahresabschluss wies bei unverändertem Umsatz von 5,4 Mrd. Dollar einen Verlust von 65 Mio. Dollar aus. Letztes Jahr gab es immerhin noch einen bescheidenen Gewinn von 32 Mio. Dollar. Doch mit seinen Hinweisen auf die wenigen positiven Elemente in der Bilanz spielt Richenhagen die bei den US-Gesellschaften übliche Positivierung so perfekt, als wäre er damit aufgewachsen.

Dabei ist Richenhagen gar kein Amerikaner, sondern der einzige Deutsche auf dem Chefsessel eines Unternehmens, das auf der Fortune-500-Liste der größten US-Konzerne auftaucht. Seine bisherige Karriere ist ganz nach amerikanischem Geschmack: Vom Religionslehrer zum Vorstandsvorsitzenden. Seit drei Jahren steht der 54-Jährige an der Spitze der Agco Corp., einem der drei weltweit größten Landwirtschaftsmaschinenhersteller mit Sitz in Atlanta, im US-Bundesstaat Georgia.

Schon als Kind hatte Richenhagen bei einem Nachbarn am Stadtrand von Köln Trecker fahren dürfen und dabei nach eigenen Worten auch mal den einen oder anderen „Zaun umgenietet“. Trotzdem hatte der Lehrersohn ursprünglich Journalist werden wollen. Stattdessen studierte er in Bonn und Paris Theologie, französische Literatur und Philosophie, sein Studium finanzierte er sich als Reitlehrer.

In seinem Reitstall im Rheinland traf Richenhagen auf Jürgen Thumann, heute Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), der bereits damals das unternehmerische Talent in dem Kölner Studienrat erkannte.

Richenhagen gab seinen sicheren Beamtenstatus auf, stieg in Thumanns damaliges mittelständisches Stahlunternehmen ein und studierte nebenbei Betriebswirtschaft. Eine Entscheidung, die sich ebenfalls gut in jedem amerikanischen Lebenslauf macht, und dem US-Bild des sturen, besserwisserischen Deutschen entgegensteuert.

Auf Umwegen über das Aufzugsunternehmen Schindler wurde Richenhagen 1998 Geschäftsführer bei dem Landmaschinenhersteller Claas und lernte in dieser Funktion den Agco-Gründer Robert Ratliff kennen. Als Ratliff sich Jahre später nach einem Nachfolger umsah, schlug er auch Richenhagen vor, obwohl der inzwischen zum branchenfremden Schweizer Forbo-Konzern gewechselt hatte. Richenhagen setzte sich schließlich gegen 15 amerikanische Kandidaten durch. „Agco macht 50 % des Geschäftes in Europa und ungefähr 20 % in Südamerika. Man wollte jemanden mit internationalem Hintergrund, der sich in West- und Osteuropa auskennt und auch mit den USA klarkommt“, begründet Richenhagen die Wahl des Unternehmens. Insgesamt verbergen sich hinter dem 1990 geschaffenen Agco-Konzern mehr als zehn Marken, die von 3600 unabhängigen Händlern, Vertriebsstellen und Lizenznehmern in mehr als 140 Ländern vertrieben werden.

Das dokumentiert, wie wichtig es für das amerikanische Unternehmen ist, global zu denken und zu handeln. Die Hauptaufgabe von Richenhagen ist es immer noch, die verschiedenen einst selbstständigen Firmen – mit zum Teil langer Tradition – produktiv zu integrieren. „Meine Sprachkenntnisse und die internationalen Management-Erfahrungen helfen mir ganz enorm in diesem Job“, meint er über seine besonderen Management-Qualifikationen.

Und trotz der weniger erfreulichen jüngsten Zahlen scheint Agcos Aufsichtsrat die Entscheidung zugunsten Richenhagens bislang nicht bereut zu haben: Mit seiner dreijährigen Dienstzeit hat er die durchschnittliche Überlebensdauer eines US-CEOs von 2,5 Jahren bereits überschritten und kurz vor Weihnachten gab es sogar eine Gehaltserhöhung von 850 000 Dollar auf eine glatte Million Dollar. H. WEISS

Ein Beitrag von:

  • Harald Weiss

    Freier IT-Journalist, IT-Analyst und IT-Consultant in Kaiserslautern. Nach verschiedenen Positionen in Softwareentwicklung,  MarCom und PR, 17 Jahre President New York Reporters in New York. Seit 2016 freischaffend wieder in Deutschland.

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