IT in der Landwirtschaft 16.11.2012, 19:56 Uhr

Digitale Landtechnik: Revolution ohne Volk

Automatisierte Lenksysteme, durchgängige Softwarelösungen für Hofverwaltung und Landmaschinen, immer noch ausgefeiltere Sensorik und noch präzisere Antriebe: Auf den Äckern tobt längst die digitale Revolution. Allerdings ohne die vielen Landwirte, die die Hightechsysteme bislang verschmähen. In einer Umfrage forscht die Max-Eyth-Gesellschaft Agrartechnik im VDI nach Motiven für die Ablehnung.

Hightech: Von Landwirten bisher verschmäht.

Hightech: Von Landwirten bisher verschmäht.

Foto: BASF

Gerade wie ein Bleistiftstrich entlang eines Lineals zieht der Traktor Spur um Spur seine Bahnen, um am Ackerrand im immer gleichen Bogen zu wenden. Zwar sitzt an Bord der Landwirt und bedient den Computer, das Lenken übernimmt aber ein satellitengestütztes automatisiertes System, das auch die Kontrolle über einen leicht versetzt folgenden unbemannten Trecker hat.

Moderne Landtechnik ist voll vernetzt. Dank des Branchenstandards Isobus fließt zwischen Traktoren und angehängten Maschinen verschiedener Hersteller reger Datenverkehr. Sensoren überwachen während der Überfahrt Bodenqualität, Witterungsverhältnisse und weitere Parameter. Das Bordsystem gleicht sie mit historischen Daten ab und ermittelt nahezu in Echtzeit die passende Steuerungsstrategie für die teils elektrisch, teils hydraulisch angetriebenen Düngemittelstreuer, Sä-, Bodenbearbeitungs- und Erntemaschinen.

Die Daten werden in Schlag- und Ertragskarten der Hofverwaltung übertragen, so dass jeder Schritt der Produktionskette dokumentiert wird und der Landwirt bei der Arbeitsplanung auf den jeweiligen Istzustand der Böden zugreifen kann. Besonders Großbetrieben hilft ein solches digitales Bodengedächtnis, um Düngemittel, Pestizide und Saatgut möglichst sparsam einsetzen zu können.

Während Landmaschinen munter kommunizieren, sind nach Beobachtung des niedersächsischen Landwirts Wolfgang Täger-Farny, der dem Ausschuss „Arbeitswirtschaft und Prozesstechnik“ in der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) vorsitzt, viele seiner Kollegen verstummt. „Für uns Landwirte ist es eine große Herausforderung, die Informations- und Datenvielfalt zu beherrschen“, sagt er. „Wir schweigen in dieser Phase mehrheitlich, weil die angebotene Technik noch immer erwartet, dass der Mensch sich ihr anpasst – und nicht umgekehrt.“ Doch Landwirte seien pragmatische Lösungen gewohnt, die ihnen bei der Arbeitsbewältigung helfen. Noch hapere es am Verständnis zwischen Mensch und Maschine sowie der Anwenderfreundlichkeit.

Landwirte: ITK in der Landtechnik scheitern an hohen Anschaffungskosten

Eine aktuelle Branchenbefragung der Max-Eyth-Gesellschaft Agrartechnik (VDI-MEG) bestätigt Täger-Farnys Beobachtungen. Auf die Frage, warum sich Bewirtschaftungsmethoden, die sich auf Informations- und Telekommunikationstechnologien (ITK) stützten, im Markt schwer tun, nennen 60 % der Befragten die hohen Anschaffungskosten.

Doch scheitert es nicht nur am Geld; genauso oft wird die Sorge vor Bedienfehlern durch überforderte und wechselnde Fahrer genannt. Größere Abhängigkeit von Herstellern und höherer Reparaturaufwand sind ebenfalls häufige Motive. Jeder zweite Befragte zeigt sich verunsichert, ob die Investition in ein System zukunftssicher sei. Und zu allem Überfluss fühlen sich vier Fünftel der Antwortgeber in Verkaufsgesprächen mehr oder minder schlecht beraten.

Bei aller Skepsis beschäftigen sich die Landwirte intensiv mit der Thematik. Dutzende Befragte nutzten die Möglichkeit, frei zu antworten und präzisierten ihre Vorbehalte gegen die Hightechsysteme. Gerade in Betrieben bis 25 ha sei die Wirtschaftlichkeit nicht gegeben. Andere trauen sich den Technologiesprung nicht zu, zweifeln an der Kompatibilität mit bereits vorhandener Technik, vermissen Schulungsangebote für sich und ihre Fahrer oder beklagen die umständliche Bedienung und Datenauswertung. Statt Zeit zu sparen, bräuchten die Systeme gerade am Anfang Zeit, die Landwirte nicht haben.

Außerdem äußern mehrere Befragte Zweifel an der Funktion auf kleinen, unförmigen Äckern oder in Hanglagen. Und immer wieder taucht in den freien Antworten der Wunsch nach verständlichen Modellkalkulationen auf, um den betriebswirtschaftlichen Nutzen der Systeme einschätzen zu können.

Umfrage zu moderner Landtechnik: Viele Landwirte sind unsicher und skeptisch

Der Tenor: Viele Landwirte tragen sich mit Unsicherheit und Skepsis. Das Potenzial der Landtechnik ist indes unbestritten. „Der Return of Investment ist sehr gut“, so die Rückmeldung an die Max-Eyth-Gesellschaft. „Die Systeme amortisieren sich schnell.“

Demnach gilt es für die Hersteller von Agrarhightech vor allem, ihre Kunden besser aufzuklären und ihre Verkäufer besser zu schulen, damit sie in der Lage sind, verunsicherte Kunden fundiert zu beraten. Eine Einschätzung, die Norbert Rauch, geschäftsführender Gesellschafter der Sinzheimer Rauch Landmaschinenfabrik, teilt. „Der Verkaufsprozess von Landmaschinen mit Elementen der Kommunikationstechnologie unterscheidet sich wesentlich vom Verkauf rein mechanischer, hydraulischer oder 12-V-elektrischer Landmaschinen und Traktoren“, sagt er. Denn ITK-Lösungen seien weder sicht- und greifbar, noch selbsterklärend. Schon sie konkret vorzuführen, sei schwierig. „Ohne Erntegut ist keine Präsentation möglich und Dünger kann auch nicht nur zur Demonstration ausgestreut werden“, so Rauch. Die Lösung sieht er im zunehmenden Einsatz von Videofilmen und Computeranimationen. Nur virtuell seien hochkomplexe, am Gerät nicht sichtbare Funktionen vermittelbar.

Der Nutzen moderner Landtechnik steht auch für Marcus Geimer, Leiter des Lehrstuhls für Mobile Arbeitsmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), außer Frage. Abzulesen sei das an der Produktivitätssteigerung der letzten 200 Jahre: Vor der Mechanisierung konnten drei Bauern einen Städter ernähren, 100 Jahre später ein Landwirt drei Städter und heute ernährt hierzulande ein Landwirt 140 Städter. Der Zuwachs gehe mit der Einführung komplexerer, elektronisch gesteuerter Maschinen einher.

Trend in der modernen Landtechnik: Organic Computing

Allerdings ist der Wissenschaftler überzeugt, dass die Komplexität von Maschinen nicht zwangsläufig in komplizierterer Bedienung münden muss. „Fortschritt ist der Weg vom Primitiven über das Komplizierte zum Einfachen“, zitiert er Wernher von Braun. Während dieser von Raketen sprach, baut Geimer in der Landtechnik auf Trends wie Organic Computing – hinter dem sich lernfähige, sich selbst organisierende Steuerungsarchitekturen verbergen.

Sein Lehrstuhl hat einen Traktor damit versehen. „Die Maschine ist in der Lage, für komplexe Steuerungsaufgaben und wiederkehrende Lastzyklen Vorschläge zu generieren, sie dem Bediener zu unterbreiten oder die Funktion gleich selbst zu optimieren“, erklärt er. Das Beispiel zeigt laut Geimer, dass Entwickler auch hochkomplexe Technik an den Menschen anpassen können. „Die Technik wird künftig viel weniger – aber dafür so reden, dass Landwirte sie verstehen“, ist er überzeugt.

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