Informationstechnologie 18.06.2004, 18:31 Uhr

Wo Silicon Valley sich mit islamischen Prinzipien mischt

Infrastruktur, Ministerien, Ämter, Geschäfte und Wohnungen, nur Menschen fehlen noch.

Malaysias unerbittliche Tropensonne und feuchtheiße Schwüle treiben schon um 9 Uhr früh den Schweiß aus allen Poren. Darum kümmert sich der malaiische Mittelständler Hafiz Said im weißroten Proton- Saga-Taxi kaum. Das Gefährt quält sich durch den infernalischen Verkehrsstau der engen Gassen der malerischen Hauptstadt Kuala Lumpur. Hafiz ist ein Bumiputra oder Sohn der Erde, der als moderner Muslim und feuriger Nationalist aus Prinzip das Einheimische immer dem Ausländischen vorzieht.
Über eine Viertelstunde benötigt sein Taxi für die 2 km zu seinem Ziel, dem gläsernen Stahlbau KL Sentral am Rand des Geschäftsviertels der Hauptstadt. Die Fahrt katapultiert Hafis aus der verträumten Gemütlichkeit des südostasiatischen Vielvölkerstaats in die neue, futuristisch-rationale Welt der Hochtechnologie.
Auf einem überdimensionalen Bildschirm flimmert die Abfahrtszeit: „KLIA Transit 9.30“. Hafiz eilt durch die imposante Glashalle mit silberfarbenen Stahlrohren zum Fahrkartenautomat. Im 30-Minuten- Takt legt der Schnellzug KLIA (Kuala Lumpur International Airport) Transit die 57 km von Kuala Lumpur zum neuen Flughafen zurück, mit Stopps im frisch gebackenen Verwaltungssitz Putrajaya und in den beiden Industriestädten Bandar Tasik Selatan und Salak Tinggi.
Hafiz entspannt sich im vollklimatisierten Komfort des KLIA Transits, der geräuschlos auf die Minute genau abfährt. Bald lösen monotone Mietskasernen der südlichen Vororte die eleganten gläsernen Bürotürme der Millionenstadt ab. Dann weicht auch dieses Häusermeer dem beruhigenden Grün schier endloser Reisfelder und Palmölplantagen.
Plötzlich und unerwartet wird die ländliche Idylle von grünen Zwiebeltürmen und roten Dächern unterbrochen: Putrajaya und ihre IT-Schwesternstadt Cyberjaya grüßen Hafiz aus Malaysias Neuzeit.
Noch vor einem Jahrzehnt bedeckten ausgedehnte Kautschuk- und Palmölplantagen dieses fruchtbare Hügelland. 1994 beschloss Malaysias damaliger Ministerpräsident Mahathir Mohamad den Bau des integrierten Hightech-Megaprojekts Multimedia Super Corridor (MSC), um „Malaysia mit den globalen Kräften des Informationszeitalters in Einklang zu bringen“.
Zwei Jahre später fielen die Baumaschinen wie ein hungriger Heuschreckenschwarm 30 km südlich der imposanten Petronas-Doppeltürme im Herzen von Kuala Lumpur über das ländliche Idyll her.
Auf diesen 750 km2, einer Fläche so groß wie Hamburg, sollen nach dem Willen der Planer Silicon Valley und Hollywood ebenso zur Fantasie- und Zukunftsstadt Cyberjaya verschmelzen wie das islamische Prinzip der Unentwirrbarkeit von Gott, Mensch und Umwelt zur utopischen Retortenstadt Putrajaya.
Abgerundet wird der MSC mit dem schon vor sechs Jahren eröffneten, supermodernen KLIA-Glaskomplex, der Malaysia zur regionalen Drehscheibe des Luftverkehrs transformieren soll.
Im MSC wird eine außergewöhnliche IT-Infrastruktur in eine reizvolle Umgebung integriert, was nicht nur neue Maßstäbe im Lifestyle, sondern auch im Geschäftsleben setzt. Das Ziel ist die Schaffung einer effizient ökonomischen, spirituellen und zugleich betont umweltfreundlichen Zone.
In das Verwaltungszentrum von Putrajaya sollen alle Ministerien, Ämter und Botschaften bis 2010 verlegt werden, um die Lebensqualität und das urbane Umfeld der Hauptstadt zu heben. Im Gegensatz zum weit gehend vom kolonialen Erbe und den chinesischen wie indischen Einwanderern beeinflussten Baustil Malaysias prägt Putrajaya zeitgenössische islamische Architektur mit neo-malaiischem Design.
Ihre Highlights sind die ästhetisch pinkfarbene Putra-Staatsmoschee im Stil der persischen Safawiden-Dynastie, der majestätische Perdana-Putra- Komplex des Ministerpräsidentenamtes mit wuchtigen Säulen und islamisch grünen Zwiebelkuppeln und die schicke Putra-Brücke im persischen Isfahan-Stil.
Schon sprechen Kritiker hinter vorgehaltener Hand vom „malaiischen Chauvinismus“, denn außer chinesischen und indischen Tempel in den Wohnzonen erinnert hier nichts an Malaysias facettenreiches Kulturgut.
Zur Betonung der kulturellen Eigenständigkeit werden nach der Regierungsrichtlinie vorzugsweise nur einheimische Technologien und Baumaterialien verwendet. KL Monorail, der Entwickler und Betreiber der gleichnamigen Hochbahn in Kuala Lumpur, wird daher auch in Putrajaya eine teilweise unterirdisch geführte, 18 km lange Hochbahn bauen. Doch es wurden auch Erfahrungen aus Canberra und Brasilia in die Stadtplanung integriert.
In den 20 straff gegliederten Stadtvierteln von Putrajaya sind heute 67 000 Wohnungen in Hochhäusern und Reihenhäusern bezugsbereit, doch nur ein Bruchteil ist belegt. Auch das großzügige Straßennetz ist weit gehend verkehrsfrei. Heute sind nur eine Hand voll Tankstellen, Restaurants und Geschäfte geöffnet. Trotz dem üppigen Grün sind tagsüber kaum Fußgänger zu sehen, so dass die gespenstische Menschenleere an die legendären potemkinschen Dörfer erinnert.
Moderne Massenverkehrsmittel, mehrspurige Autobahnen und hunderte Kilometer digitale Glasfaserkabel sind die Nabelschnur, die Putrajaya und Cyberjaya mit dem restlichen Malaysia verbindet.
Was sonst in Malaysia noch ein Wunschdenken ist, soll in Putrajaya zur Selbstverständlichkeit avancieren: zu Hause im Internet surfen. Alle Grund- und Sekundarschulen sind glasfaserverkabelt für jeden Schüler steht ein Computer bereit. Das hochmoderne Putrajaya-Krankenhaus setzt neueste Telemedizin ein. Im futuristischen Kongresszentrum installierte die Münchner Firma Kotz Digital AG eine volldigitale Beschallung.
Großzügig globales Denken soll in Putrajaya und Cyberjaya vorherrschen. Vielen Malaysiern, die noch mehrheitlich in gemächlichen Dorfstrukturen leben, geht das zu weit. Nur wer wie Hafiz schon in seiner Jugend in städtische Ballungsräume zog, der fühlt sich im MSC-Projekt heimisch.
Zukunftsgläubig gründete Hafiz mit zwei Freunden vor zwei Jahren am Century Square in Cyberjaya ein Softwarehaus. Seither werden immer mehr Start-ups in Malaysias neuem IT-Zentrum eröffnet, doch weder die globalen noch die etablierten einheimischen Player wie Smart Transact oder Xybase Technologies haben bislang vor, nach Cyerjaya umzuziehen.
Ein Renner ist dagegen die Multimedia-Universität, die schon IT-Konzepte in Europa verkaufte. Ihre jährlichen 6000 Studienplätze sind alle belegt. Schließlich herrscht auch in Malaysias IT-Branche ein chronischer Mangel an Fachleuten. Hafiz jedenfalls möchte von der Nähe zur Uni profitieren. URS MÜLLER

Von Urs Müller

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