Internet 23.12.2005, 18:42 Uhr

„Wir stehen erst am Anfang des Internet-Zeitalters“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 23. 12. 05, mav – Dass man mit dem Internet Geld verdienen kann, machen nicht nur Google und Yahoo, sondern auch die deutsche United Internet vor. Gegenüber den VDI nachrichten erklärt Vorstandschef Ralph Dommermuth, wie er das Unternehmen erfolgreich auf Rentabilität trimmte, wie die DSL-Schlacht weitergeht und warum er keine Aktien mehr verkaufen will.

Dommermuth: Von solchen Begriffen bin ich im Tagesgeschäft weit entfernt. Ich hüpfe nicht wie ein König herum, sondern lebe in der Normalität.

VDI nachrichten: 2001 war United Internet ein Sanierungsfall mit fast 90 Mio. € Schulden, jetzt ist United Internet das Vorzeigeunternehmen in der deutschen Internetbranche. Wie haben Sie es geschafft, den Konzern erfolgreich umzusteuern?

Dommermuth: Wir haben 2001 einen radikalen Schnitt gemacht. United Internet hat sich von vielen Beteiligungen getrennt und sich auf das Kerngeschäft konzentriert. Von der Idee einer breit aufgestellten Internet-Holding haben wir uns verabschiedet. In der Zeit des Internet-Hypes wurde alles wild ausprobiert. Damals wusste man noch nicht, was wirklich funktioniert und Geld bringt. Wir haben daher 2001 analysiert, welche Business-Modelle im Internetgeschäft Rentabilität versprechen und uns dann für das Geschäftsmodell des Internet-Providers mit Internet-Access, Web-Hosting und Portalen entschieden.

VDI nachrichten: Mit der Übernahme von Web.de hat United Internet die Karten im deutschen Internetgeschäft neu gemischt. Mit mehr als 45 Mio. deutschen E-Mail-Konten sind Sie künftig das führende deutsche Internet-Imperium. Welchen Sinn hat der Deal?

Dommermuth: Die Fusion beschert uns deutlich mehr Kunden bei E-Mail-Diensten und sonstigen Mehrwert-Anwendungen. Durch den Zusammenschluss lässt sich der Vorleistungs-Einkauf zum Beispiel von Software-Lizenzen besser bündeln. Die größere Reichweite bringt Vorteile bei der Vermarktung von Werbeflächen. Umsatz und Profit werden sich erhöhen.

VDI nachrichten: Wie schlägt sich die Übernahme im Ergebnis 2005 und 2006 nieder?

Dommermuth: 2005 wird die Web.de-Übernahme keine Auswirkungen auf das Ergebnis haben. Zwar gibt es zusätzliche Gewinne auf der einen Seite, auf der anderen Seite müssen wir aber den Kauf des Portalgeschäfts von Web.de abschreiben. Für 2006 bin ich jedoch zuversichtlich, dass sich der Deal positiv niederschlägt. Beim Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen wird es einen deutlichen positiven Effekt geben.

VDI nachrichten: In den vergangenen Quartalen hat United Internet meist die Analysten-Prognosen übertroffen. Sind Sie auch im vierten Quartal für eine positive Überraschung gut?

Dommermuth: Das vierte Quartal ist für uns sehr wichtig: In diesem Zeitraum sind die Werbeumsätze am höchsten. Wie das Quartal ausgeht, hängt stark von den Neukunden-Gewinnungskosten im DSL-Geschäft ab. Was man bisher sagen kann, ist, dass die ersten beiden Monate ganz o.k. gelaufen sind.

VDI nachrichten: Im DSL-Geschäft haben Sie bereits nach neun Monaten fast das Jahresziel von 1,6 Mio. Kunden erreicht. Mit wie vielen Kunden rechnen Sie nun bis Ende des Jahres?

Dommermuth: Wenn alles glatt läuft, kommen wir in diesem Jahr auf über 1,7 Mio. DSL-Kunden. Das wäre ein Jahresplus von 650 000 Neukunden.

VDI nachrichten: Der Preiswettbewerb im DSL-Markt wird immer schärfer. Freenet, Tiscali und nun auch T-Online haben die Tarife gesenkt. Wie reagieren Sie darauf?

Dommermuth: Wir versuchen, uns preislich und durch mehr Leistungen abzusetzen. Zum Beispiel bietet GMX künftig Kunden ein Jahr lang eine kostenlose Flatrate, wenn sie einen Vertrag mit 24 Monaten Laufzeit unterschreiben. Zudem haben wir ein neues DSL-Modem mit noch mehr Funktionen auf den Markt gebracht. Generell gilt aber: Kein Anbieter sollte Interesse daran haben, dass die Preise weiter sinken.

VDI nachrichten: Kabelfirmen wie Kabel Deutschland oder Iesy drängen verstärkt in den DSL-Markt und ködern Kunden mit preisaggressiven Angeboten für Internet- und Telefonzugang per TV-Kabel. Wird sich dadurch die DSL-Schlacht weiter verschärfen?

Dommermuth: Es wird nicht einfacher für uns. Das TV-Kabel wird zwar den DSL-Anschluss nicht verdrängen, aber es wird eine zunehmend größere Rolle spielen.

VDI nachrichten: United Internet ist hauptsächlich „Wiederverkäufer“ von Telekom-Anschlüssen. Wäre es auf Dauer nicht rentabler und sicherer, in ein eigenes Netz zu investieren, um eigene Anschlüsse anzubieten – nach dem Vorbild von Arcor und Hansenet?

Dommermuth: Ein eigenes Netz macht derzeit keinen Sinn. Wir kommen beim Vorleistungs-Einkauf mit der Deutschen Telekom gut klar. Wenn sich das einmal ändern sollte, können wir immer noch über den Aufbau eines eigenen Netzes nachdenken.

VDI nachrichten: Wie lange wird es noch dauern, bis man nur DSL buchen kann, ohne für den Telefon-Anschluss zu zahlen?

Dommermuth: Das wird irgendwann kommen. In einigen Ländern gibt es schon entbündelte Angebote ohne Telefon-Anschluss.

VDI nachrichten: Sie setzen derzeit stark auf Voice Over IP, kurz DSL-Telefonie. Welches Potenzial sehen Sie hier?

Dommermuth: Die Internet-Telefonie wird die klassische Telefonie ablösen. Künftig wird man ausschließlich einen leistungsfähigen Datenanschluss haben. Den Trend sieht man beispielweise bereits in Hongkong. Dort bekommen die Bürger Anschlüsse mit 100 000 Kbit/s oder sogar einem Gigabit. United Internet bietet Voice Over IP seit Mitte Juli 2004 an. Das Geschäft läuft gut. Wir terminieren derzeit monatlich 175 Mio. Minuten im Internet. Im September 2004 waren es nur 3,7 Mio. Minuten. 70 % der Kunden kaufen heute Internet-Telefonie.

VDI nachrichten: Im Portalgeschäft spielt United Internet eine zentrale Rolle. Dabei sind Sie vor allem von Werbeeinnahmen abhängig. Werden sich in den kommenden Jahren verstärkt kostenpflichtige Inhalte durchsetzen? Oder lässt sich die Kostenlos-Kultur im Internet nicht mehr ändern?

Dommermuth: Mit Mail Domain, ProMail, Top Mail bietet GMX bereits bezahlte Mehrwertdienste an. Web.de offeriert den kostenpflichtigen Web.de-Club. Bei kostenpflichtigen Inhalten sehe ich dauerhaft das Herunterladen von Musik oder Videos – wie bereits heute. Was sich zunehmend durchsetzen wird, sind kostenpflichtige Transaktionen – etwa für Dating-Dienste oder Autokauf-Börsen. Daneben werden wir auf Dauer eine große Zahl von werbefinanzierten Inhalten wie News oder Börsenkurse haben.

VDI nachrichten: Welche Rolle spielt das Auslandsgeschäft? Wie gut kommen Sie in den USA voran? Planen Sie eine Expansion nach Asien?

Dommermuth: Asien ist zurzeit kein Thema. Wir konzentrieren uns auf Großbritannien, Frankreich, Österreich und die USA. In Großbritannien sind wir auf Platz eins im Web-Hosting, in den USA auf Rang sieben – und das, obwohl wir erst seit zwei Jahren dort präsent sind. In Frankreich haben wir noch Nachholbedarf und planen deshalb eine große Marketing-Offensive im neuen Jahr. 2006 werden wir im Auslandsgeschäft keine Verluste mehr machen. Zurzeit verbrennt das US-Geschäft noch mehr Geld als in Europa verdient wird.

VDI nachrichten: Sie besitzen rund 35 % der Anteile an United Internet. Warum nutzen Sie nicht das aktuelle Kurshoch, um einen Teil der Aktien zu verkaufen?

Dommermuth (lacht): Dann müsste ich immer verkaufen. Nein, momentan bin ich auf einem anderen Trip. Ich möchte meine Anteile nicht zu stark verwässern. Weniger als 35 % an United Internet möchte ich nicht halten.

VDI nachrichten: Dabei könnten Sie das Geld doch gut für das Sponsoring im Segelgeschäft gebrauchen…

Dommermuth: Ich habe vor kurzem 100 % der Anteile an der Deutschen Challenge (Gesellschaft des deutschen Segel-Teams für den America“s Cup) übernommen. Aber keine Angst, am Geld wird das Engagement im Segelgeschäft nicht scheitern.

VDI nachrichten: Mit dem Sponsoring des deutschen Segel-Teams für den America“s Cup wären Sie aber doch fast gekentert. Lohnt sich das 50 Mio. € teure Engagement immer noch?

Dommermuth: Ja, die Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Mitgesellschafter Uwe Sasse ist beendet. Unter dem Streit hat das Image von United Internet zuletzt etwas gelitten. Das werden wir nun wieder ändern. Wenn das deutsche Segel-Team in den nächsten Jahren einen guten sportlichen Eindruck hinterlässt, wird sich unser Engagement mehr als auszahlen.

VDI nachrichten: Herr Dommermuth, nach dem Platzen der Internet-Blase sind inzwischen wieder mehrere Internet-Titel extrem hoch bewertet – allen voran Google. Haben wir eine neue Internet-Blase?

Dommermuth: Die fulminanten Kurssteigerungen von Google haben mich schon überrascht. Als Google an die Börse kam, habe ich nicht gekauft. Das war mir zu teuer. Im Nachhinein gesehen war es ein Fehler. Die hohe Bewertung von einigen Internet-Werten ist durchaus gerechtfertigt. Es ist nicht mehr wie bei der Internet-Blase anno 2000. Damals war oft ausschließlich Fantasie in den Kursen. Die Firmen wirtschaften heute anders und sind deutlich profitabel. Google, Yahoo & Co haben eine riesige Zukunft vor sich. Wir stehen erst am Anfang des Internet-Zeitalters. Das Rückschlagpotenzial ist wesentlich geringer als früher – das gilt auch für United Internet.

VDI nachrichten: Haben Sie nicht Angst, einmal von den großen Internet-Konzernen wie Google, Yahoo oder von Microsoft geschluckt zu werden?

Dommermuth: Ich weiß nicht, ob uns Google & Co übernehmen wollen.

Aber falls sie es wollen, werden sie sich bestimmt erst einmal bei mir melden.

VDI nachrichten: Haben Sie noch Appetit auf weitere Akquisitionen?

Dommermuth: Wir werden immer wieder kleinere Akquisitionen durchführen. Eine größere Übernahme wie zuletzt Web.de wird es freilich in nächster Zukunft nicht geben.

NOTKER BLECHNER

Von Notker Blechner
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