Informationstechnologie 01.11.2002, 18:22 Uhr

„Wir haben hier jede Krise überwunden“

„Zu vermieten“ – so sehen die Geisterstädte des IT-Zeitalters aus. Zumindest im Silicon Valley, das derzeit seine schwerste Krise durchmacht.

Noch ist das Silicon Valley nicht tot: „Die Wirtschaft liegt am Boden, doch der Verkehr wird jeden Tag schlimmer“, klagt Maxim, der Taxifahrer aus Russland, der im goldenen Westen seinen amerikanischen Traum verwirklichen möchte. Und tatsächlich: Auf den Lebensadern des Silicon Valley, dem Highway 101, der Interstate 280, dem El Camino Real und all den in der Chip- und Computerwelt bekannten Straßen wälzt sich tagtäglich der Pendlerverkehr wie eh und je zu den Firmen der Chip- und Computerindustrie. Doch zwischen den belebten, meist zweistöckigen Bürogebäuden wächst die Zahl der leer stehenden Bauten. Manchmal scheinen die „For Lease“-Schilder sogar in der Überzahl gegenüber den Firmenlogos.
Doch es gibt sie nach wie vor, die Start-ups, die kleinen, innovativen Unternehmen, die sich in Nischen relativ komfortabel eingerichtet haben, z.?B. Lightspeed Semiconductor. Der Hersteller von kundenspezifischen Schaltkreisen, so genannten Asics, spürt zwar auch die derzeitige Flaute auf dem Chipmarkt, sieht sich aber ansonsten in einer recht guten Position. „Wir haben mitten in der Krise 35,3 Mio. Dollar an Kapital gesammelt“, berichtet Michael Sydow, als Vice-President für das Marketing zuständig. Einer der größten Investoren ist dabei das taiwanesische Foundry-Unternehmen TSMC, das auch die Chips von Lightspeed fertigt.
„Unsere Schaltkreise werden zu einem hohen Grade vorgefertigt“, erläutert Sydow die Technologie, „dann bei TSMC gelagert und mit wenigen weiteren Maskenschritten in die vom Kunden gewünschte Konfiguration gebracht.“ Zusammen mit einer von Lightspeed entwickelten Technologie, die den schnellen Test der fertigen Chips ermöglicht, bietet das Unternehmen seinen z.?T. recht prominenten Kunden aus dem Kreis der Fortune- 100-Unternehmen schnelle Entwicklungszeiten und hohe Sicherheit.
Lightspeed ist ein Beispiel dafür, wie junge Unternehmen im Silicon Valley entstehen: Das Management-Team setzt sich aus erfahrenen Managern und Ingenieuren vieler namhafter Chiphersteller zusammen. „Das haben Sie nur hier im Valley“, meint Sydow, „nur hier finden sich so viele hervorragende Leute und so viele potente Geldgeber an einem Platz.“ Natürlich ist er überzeugt, dass das Valley zur alten Form zurückkehren wird, wenn auch vielleicht erst in zwei oder drei Jahren.
Optimismus und Pragmatismus sind nach wie vor die vorherrschenden Stimmungen im Valley. Angst vor Arbeitslosigkeit wird zumindest nicht gezeigt. Antworten wie „Gute Leute finden hier immer einen Job“, erfährt man fast unisono. Doch natürlich gibt es sie, die Arbeitslosigkeit – und Ratgeber, wie damit umzugehen sei, finden sich auch im Internet. Dort werden Verhandlungsstrategien erläutert, wie man sich seinen Abschied von der alten Firma vergolden lassen kann, aber auch Tipps für den Umgang mit einem knappen Haushaltsbudget oder die Suche nach neuen Jobs geboten.
Wer hier nicht schnell einen neuen Job findet, verlässt die Gegend schlicht und einfach, weil das Leben im Silicon Valley nach wie vor teurer ist als anderswo in den Vereinigten Staaten. Im Februar schrieb „The Economist“: „Mit dem Platzen der Dotcom-Blase ging auch die Lebensqualität im Valley zurück. Der Grund sind die hohen Lebenshaltungskosten, die im Jahr 2000 rund 35 % über dem US-Durchschnitt lagen. Außerdem hat das Valley noch immer 82 000 Wohnungen zu wenig, und damit einhergehend die entsprechenden Verkehrsprobleme durch Berufspendler.“
Das Spannungsfeld zwischen arm und reich zeigt sich auch geographisch: Läuft in der Metropole San Francisco, die nördlich an das Valley grenzt, die aufwändige Verschönerung einst unansehnlicher Stadteile auf Höchsttouren, so zeigt sich San Jose, die größere Schwester im Süden des Silicon Valley, derzeit eher von der trostlosen Seite. Viel wurde in den letzten Jahren investiert: Das Museum of Modern Art, das Tech Museum und andere Prachtbauten säumen den zentralen Platz, doch schon in den Straßen der angrenzenden City ist praktisch jedes zweite Geschäft geräumt. Die Krise hinterlässt hässliche Narben im stromlinienförmigen Gesicht der bis dahin verwöhnten Metropole. Da bleibt auch die Kultur auf der Strecke: Im Juni musste das über 100 Jahre alte Sinfonieorchester seine Konzerttätigkeit einstellen. Zu groß der Konkurrenzdruck aus San Francisco, zu gering die Unterstützung der einheimischen Bevölkerung in den Zeiten der Wirtschaftskrise.
Ganz anders sieht es da in Palo Alto aus. Im schmucken Städtchen, fast auf halbem Weg zwischen San Francisco und San Jose gelegen, reiht sich downtown Geschäft an Geschäft: Vom Universitäts-Buchladen bis zum Luxus-Möbelgeschäft und einem Apple-Store. Hier liegt in zweifacher Hinsicht der Geburtsort des Silicon Valley: 1891 wurde hier die renommierte Stanford University gegründet. Ihr palmengeschmückter Campus mit Gebäuden, die eine Mischung aus Oxford- und mediterraner Sakral-Architektur sind, ist Keimzelle für viele namhafte IT-Firmen. Nur ein paar Meilen entfernt steht in der Addison Avenue, einer von Einfamilienhäusern geprägten Wohngegend, die berühmte Garage, in der Dave Packard und Bill Hewlett 1938 ihr Unternehmen Hewlett-Packard gründeten. Im Vorgarten des Anwesens zeugt heute ein Gedenkstein vom historischen Moment, auch wenn der Name Silicon Valley erst in den 70er Jahren geprägt wurde.
Mit den Jahren bildete sich so eine fast einmalige Kombination aus Unternehmen und Pioniergeist, aus hochkarätiger Forschung und potenten Kapitalgebern, die immer neue Gründungen möglich machte und schließlich in der Dotcom-Blase der Jahre 1999 und 2000 ihren bisherigen Höhepunkt erlebte. „Hier im Silicon-Valley bekommt man alles, was man braucht“, meinte vor einigen Jahren Volker Dolch, der als Deutscher seine Firma Dolch Computer Systems 1987 am Rande des Valley in Fremont aufgezogen hat, „wenn nicht an der nächsten Straßenecke, dann einige Straßen weiter“.
Auch gute Ingenieure. Angesichts der Entlassungen auf breiter Front – gerade am Montag verkündete z.?B. Adobe eine Kürzung seiner Mitarbeiterzahlen um 7 % – ist vom einst beklagten Ingenieurmangel nicht mehr die Rede. David Bell vom Chiphersteller Linear Technology macht keinen Hehl daraus, dass es derzeit wesentlich leichter ist, an gute Leute heranzukommen als in den Boomzeiten.
Europäisches Sicherheitsdenken ist den Amerikanern seit jeher eher fremd, und so gibt man auch schon mal einen sicheren Job auf, um bei einem Start-up mit neuen Technologien neue Herausforderungen zu suchen. Ein Beispiel ist David Fotland: Der Chief-Technology-Officer des kleinen Chipherstellers Ubicom, entspricht schon auf den ersten Blick dem Bild, das man sich von einem Techie im Silicon Valley macht: graues, wallendes Haar, Bart, legere Kleidung und natürlich Turnschuhe. Fotland war viele Jahre bei Hewlett-Packard, hat als Spezialist für Programmiersprachen von Mikroprozessoren unter anderem am PA-Risc Chip von HP und am gemeinsam mit Intel entwickelten Itanium mitgewirkt. „Doch heute ist HP nicht mehr das Unternehmen, das es einmal war“, sagt er und spielt damit auf den neuen Führungsstil von Carly Fiorina an. Die von vielen beklagte Aufgabe des einst berühmten „HP-Way“, jenes von den Firmengründern geprägten Management-Stils, der auch in schwierigen Zeiten Entlassungen nie als Mittel der ersten Wahl sah, hat ihn seinen Job beim Weltkonzern aufgeben lassen.
Seit einem Jahr ist er nun bei Ubicom, einem Chiphersteller mit gerade einmal 70 Mitarbeitern und hat da eine neue Herausforderung gefunden. Das Unternehmen baut Mikroprozessoren, die auf Datenkommunikation spezialisiert sind. Doch anstatt die komplizierten Aufgaben beim Umsetzen zwischen den verschiedenen Kommunikationsprotokollen in noch komplizierterer und teurer Hardware zu lösen, setzt man bei Ubicom auf Software. „Wir haben einen kleinen, spezialisierten Chip, und die Software regelt die schwierigen Dinge.“ Denn die vielen möglichen Kombinationen würden sonst zu einer undurchschaubaren Variantenvielfalt bei der Hardware führen.
Natürlich glaubt auch Fotland fest an das Überleben des Silicon Valley: „Wir haben hier schon so viele Krisen erlebt und bisher noch alle überstanden.“ Und mit den aufkommenden Nano- und Biotechnologien sieht er auch schon potentielle Nachfolger für die vielen Dot-Gones, denen anscheinend niemand im Valley so richtig nachtrauert. „Die hatten doch weder ein Business-Modell noch eine Ahnung, womit sie jemals Gewinn machen wollten“, heißt es fast stereotyp.
Nun wartet man darauf, dass das Pendel wieder in die positive Richtung ausschlägt. Maxim, der Taxifahrer aus Russland dürfte dann allerdings verzweifeln, denn mit dem Boom wird der Verkehr noch mehr zunehmen.
JENS D. BILLERBECK

Silicon Valley
Tal der Chips
Das Silicon Valley erstreckt sich südlich von San Francisco entlang der San-Francisco-Bay. Es liegt im County Santa Clara und umfasst Städte wie San Jose, Sunnyvale, Santa Clara, Cupertino, Mountain View und Palo Alto. 1999 waren hier rund 1,9 Mio. Menschen beschäftigt, im Sommer 2002 waren es laut offizieller Statistik noch 981 300, die Arbeitslosenquote liegt bei 7,6 %.

Ein Beitrag von:

  • Jens D. Billerbeck

    Jens D. Billerbeck

    Leiter Content Management im VDI Verlag. Studierte Elektrotechnik in Duisburg und arbeitet seit seiner Schulzeit jounalistisch. Nach Volontariat und Studienabschluss Redakteur der VDI nachrichten u. a. für Mikroelektronik, Hard- und Software, digitale Medien und mehr.

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