Mobilfunk 20.09.2002, 18:21 Uhr

„Wir dürfen weiter zeigen, was wir können“

Hightech in der Provinz heißt Hoffen und Bangen. Durch die vorläufige Rettung des Telefon-Providers Mobilcom ist die 10 000-Seelen-Stadt Büdelsdorf in Schleswig-Holstein knapp einer Katastrophe entgangen.

Die schwarzen Dienst-BMW stehen in langer Reihe vor den Fenstern der Werkskantine. Hunderte von Mückenleichen an den Stoßstangen zeugen von hektischen Wochenend-Reisen quer durch Norddeutschland bis nach Berlin. Doch die Menschen in der Kantine haben am Montagmittag keinen Blick mehr für solche Details. Wo am Freitag noch Grabesstille herrschte, ist nun bei Gemüsenudeln mit Geschnetzeltem für drei Euro fröhliche Ausgelassenheit angesagt.
In einem kleinen Seitenraum des dreigeschossigen Glaspalastes, mitten im Gedränge von Fernsehkameras und Journalisten, verkündet Vorstandsvorsitzender Dr. Thorsten Grenz das Ergebnis des hektischen Wochenendes und die Ursache des Frohsinns: „Mobilcom ist vorläufig gerettet.“ „Ich bin glücklich“, sagt eine Mitarbeiterin am Kaffeeautomat. Jürgen Hein, Bürgermeister des Mobilcom-Sitzes Büdelsdorf, verlässt erleichtert den Raum.
Büdelsdorf – ohne den einstigen Telekommunikations-David Mobilcom, der den Riesen Deutsche Telekom das Fürchten lehrte, wäre die 10 000-Seelen-Stadt am Rand von Rendsburg in Deutschland nach wie vor ein weißer Fleck auf der Landkarte. Obwohl rot hier die vorherrschende Farbe ist: nicht jenes leuchtende des Mobilcom-Emblems, sondern eine dunkle Variante als Backsteinfassade der Ein- und Mehrfamilienhäuser, die sich unter dem weiten norddeutschen Himmel ducken.
Das Hellgrau des Mobilcom-Sitzes an der Schnellstraße von Rendsburg nach Eckernförde hebt sich da wohltuend ab. Und ist für den Bürgermeister dennoch kein reiner Lichtblick: „Mobilcom zahlt schon seit drei Jahren keine Steuern mehr.“ Seit dem das Unternehmen für 8,4 Mrd. ! UMTS-Lizenzen ersteigerte, weist es gegenüber dem Finanzamt keinen Gewinn mehr aus.
Hightech in der Provinz – längst sind die Zeiten vorbei, in denen die New Economy als der Heilsbringer für strukturschwache Regionen galt. Welche Hoffnungen hingen an Firmengründer Gerhard Schmid, als der mit der noch jungen Mobilcom Mitte der 90er Jahre von Schleswig nach Büdelsdorf übersiedelte. Das erste am Neuen Markt notierte Unternehmen florierte und expandierte. Und zahlte bis Ende 1999 Steuern. Von den inzwischen 5500 Beschäftigten zogen nach und nach rund 2000 in die Büdelsdorfer Firmenzentrale ein. Und sie kamen zur rechten Zeit: 1997 schloss nach über 150 Jahren der bis dahin größte Arbeitgeber am Ort seine Tore mit dem Ende der Eisengießerei Ahlmann Karls Hütte gingen 1200 Arbeitsplätze verloren.
Den emotionalen Stellenwert der Eisengießerei hat Mobilcom in Büdelsdorf nie erreicht. Während dort Familien zum Teil in zweiter oder dritter Generation arbeiteten, sind die Mobilcom-Beschäftigten zumeist Zugereiste, teilweise von weit her. „Ich bin aus Düsseldorf hierher gekommen,“ sagt Thomas Schrader, EDV-Spezialist und Sprecher des Betriebsrates. Auch ihm ist die Erleichterung anzumerken, dass die Bundesregierung und das schleswig-holsteinische Kabinett übers Wochenende die drohende Insolvenz für Mobilcom durch 400-Millionen-Kredite der Landesbank und der Kreditanstalt für Wiederaufbau abwendeten.
Die Stimmung lässt er sich auch nicht dadurch verderben, dass sich bundesweit die Kündigung von einigen hundert Mitarbeitern nicht verhindern lässt: „Jetzt zählt vor allem, dass wir weiter zeigen dürfen, was wir können.“ Als Service-Provider werde Mobilcom schon bald wieder schwarze Zahlen schreiben selbst das umstrittene UMTS-Engagement sieht Schrader als aussichtsreich an. Vielleicht ist es Zweckoptimismus: Platzen die Hoffnungen auf den neuen Mobilfunkstandard, geraten bei Mobilcom 600 mit der UMTS-Technik befasste Mitarbeiter in Kündigungsgefahr.
Aber nicht nur deshalb ist Kirsten Grützner skeptisch, ob die überraschende Wende tatsächlich von Dauer ist. Am selben Morgen, als der Rundfunk die Nachricht über die neuen Finanzmittel für das angeschlagene Unternehmen brachte, kündigte ein Finanzdienstleister der Geschäftsführerin des Büdesldorfer Autohauses Volvo Kiso per Post an, künftig nicht mehr für die Bezahlung der Wartungsverträge für die Mobilcom-Autos gerade zu stehen: „Was ist denn jetzt eigentlich richtig?“ fragt sich Kirsten Grützner.
Sorgen bereitet ihr noch etwas ganz anderes: Die Geschäftsführerin hat gerade 250 000 ! in eine neue Autowaschstraße investiert weil ihre Firma unmittelbare Nachbarin der Mobilcom-Zentrale ist, war die Wirtschaftlichkeitsrechnung einfach: „Wenn von den 600 Mitarbeiterfahrzeugen nur 100 regelmäßig bei mir zum Waschen kommen, rechnet sich das Ganze.“
Und die Telefonspezialisten fahren, was die Reifen hergeben. „Sie kommen bestimmt von Mobilcom“, soll ein Polizist zu einem in die Radarfalle getappten Fahrer gesagt haben. Das habe er wohl am Kennzeichen erkannt, mutmaßte der Sünder. Alle Firmenwagen tragen Nummernschilder mit RD – MC. „Nein“, antwortete der Ordnungshüter: „am Fahrstil.“ Mobilcom-Leute gelten als dynamische Zeitgenossen, auch auf der Straße. Mobil sind sie zudem. „Wir haben 100 Pendler, die aus Mecklenburg-Vorpommern kommen“, weiß der Bürgermeister.
Viele Beschäftigte sind zwar nach Büdelsdorf und Umgebung gezogen, viele nehmen aber auch weite Wege in Kauf. Die Folge sieht Kirsten Grützner, wenn sie aus dem Fenster auf die andere Straßenseite schaut. Das Baugebiet dort ist eine verödete Wiese. Seit einiger Zeit stockt das Vorhaben. „Ein Teil des Grundstückes gehört Schmid“, weiß die Kauffrau.
Schmid – dieser Name spaltet Büdelsdorf. Einerseits ist er derjenige, der Mobilcom groß und damit die Gemeinde, die erst seit Januar 2000 Stadtrechte besitzt, bekannt gemacht hat. Andererseits kam durch seinen für viele unverständlichen Streit mit Großaktionär France Telekom „sein“ Unternehmen bis an den Rand des Ruins.
Bei dem Streit habe wohl viel Psychologie eine Rolle gespielt, mutmaßt der Bürgermeister, der sich der unverhohlenen Kritik anderer nicht anschließen mag. Psychologie ist rund um die Zukunft Mobilcoms und Büdelsdorfs ohnehin das Zauberwort. „Praktisch haben wir eigentlich nichts von dem Unternehmen, zumindest keine Steuern, höchstens die Umsätze in den Geschäften rundherum“, sagt der Bürgermeister. Aber psychologisch sei das Unternehmen doch hilfreich: „Beim Standortmarketing ist es das entscheidende Argument.“
Unternehmen braucht die kleine Stadt dringend. Denn mit dem Großunternehmen hat Büdelsdorf noch eines gemeinsam: Die hohe Verschuldung. Im Jahresetat von 20 Mio. ! klafft ein Loch von 5 Mio. !: „Wir werden städtische Leistungen kürzen müssen“, resigniert der Verwaltungschef. Seinen Dienst-Audi werden so schnell keine Mückenleichen verunstalten. Hektische Reisen nach Berlin oder Kiel kann er sich sparen. Das städtische Defizit werden weder Bund noch Land ausgleichen.
WOLFGANG HEUMER

Mobilcom-Chronik
Pionier in der Krise
1991: In Deutschland fällt das Mobilfunkmonopol. Gerhard Schmid gründet in Schleswig die Mobilcom Communicationstechnik GmbH & Co KG, vermarktet Verträge für D2, später auch für D1 und E-plus.
1993: Der Mobilcom-Umsatz steigt über 100 Mio. DM.
1997: Mobilcom geht als Pionier an den Neuen Markt.
1998: Das Festnetz-Monopol fällt. Schmid wirbelt mit Call-by-Call-Angeboten den Markt durcheinander.
2000: Die Aktie kostet im März 400 DM. France Télécom übernimmt 28,5 %. Mit Hilfe der Franzosen ersteigert Schmid eine UMTS-Lizenz für 8,4 Mrd. !.
2001: Der Konzernumsatz wächst auf 2,59 Mrd. !.
Juni 2002: Der Streit mit France Télécom über den UMTS-Ausbau kulminiert – Schmid tritt zurück.
September 2002: France Télécom kündigt den Rückzug an, Mobilcom droht die Insolvenz. Dann neue Hoffnung: Kanzler Schröder verspricht Kredite über 400 Mio. !. Die Aktie notiert bei 2,38 !. mav

Ein Beitrag von:

  • Wolfgang Heumer

    Der Autor hat mehr als zehn Jahre als Redakteur und Redaktionsleiter für verschiedene Tageszeitungen gearbeitet. Seit 1998 ist er freiberuflich mit den Schwerpunkten Wirtschaft, Technik und Wissenschaft für Magazine, Agenturen, Tageszeitungen und fachlich geprägte Medien tätig.

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