Informationstechnologie 17.03.2000, 17:24 Uhr

„Wir bringen uns um unsere Wachstumschancen“

Ausländer in Hightech-Berufen sind in Deutschland schon lange Realität. Im Ruhrgebiet tragen sie sogar ganz wesentlich zum Strukturwandel bei.

Ein kleiner Kellerraum im modernen Verwaltungsgebäude des Dortmunder Software-Hauses ProDV AG. Duy Tan Bui sitzt in seinem Zwei-Mann-Büro und philosophiert über jene deutschen Tugenden, die er besonders schätzt: „Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit“ sowie die gute kollegiale Zusammenarbeit in seinem Team. Auf die ist er besonders angewiesen, denn gemeinsam mit drei deutschen Kollegen entwickelt Bui Inter- und Intranet-Lösungen – Spezialität von ProDV ist das Zusammenführen und Verknüpfen verschiedener Software-Programme in Unternehmen.
Duy Tan Bui ist ausländischer EDV-Fachmann in Deutschland. So frisch wie er im Lande ist, so neu ist auch sein Job hier in der Region. Noch muss man durch Schlamm waten, will man über den zum Technologiepark gewordenen Acker neben der Dortmunder Universität, auf dem das ProDV-Haus liegt.
Aber Software-Häuser sind die Hoffnungsträger in der früheren Montanstadt Dortmund. Und ohne Menschen wie Bui läuft dieser Aufbruch an Rhein und Ruhr nicht.
Bui wurde im April 1971 in Saigon im damaligen Südvietnam geboren, hat immer noch die vietnamesische Staatsangehörigkeit: „Nein, eine Green Card habe ich nicht“.
Buis Vater war Beamter in Saigon. Nach dem Machtwechsel floh die vierköpfige Familie Bui – Duy Tan mit Mutter, Vater und seiner jetzt 24-jährigen Schwester – als „boatpeople“ aus ihrer Heimat. Das deutsche Rettungsschiff Cap Anamur fischte die Familie aus dem Meer, schließlich landet Bui in Mönchengladbach. „Staatsangehörigkeit: Vietnam, Status: Flüchtling“ stand bis vor kurzem in den Papieren Buis. Jetzt ist die deutsche Staatsangehörigkeit dazugekommen, stolz zieht er den Personalausweis aus der Hosentasche.
Doch dann macht er sich auch schon wieder über seinen PC her. Denn das Geschäft von ProDV boomt. Als Bui nach dem Informatikstudium an seinem 26. Geburtstag bei ProDV anheuert, zählte seine Arbeitsgruppe vier Mitarbeiter. Jetzt sind es 35, im Sommer sollen es 50 sein. „Wir könnten mehr Aufträge bearbeiten“, meint Bui. Aber es klemmt beim Fachpersonal.
ProCV liegt am östlichen Ende des „Telephone Valley“. Telephone Valley, das sind die Mobilfunkbetreiber D 1 in Bonn, D 2 und e-plus in Düsseldorf, der großen Handy-Produzent Nokia in Bochum und die aufblühende Dortmunder Software-Industrie. Sie reihen sich auf wie Perlen an der Bundesstraße 1, und in Dortmund haben die Gründerfirmen für intelligente Software-Lösungen Kohle und Stahl längst abgelöst.
Gut 11 000 Angestellte zählt die Informations-Technologie im Bezirk der Industrie- und Handelskammer Dortmund, 1000 Stellen sind offen. „Wir sind in der Kammer kopfstärker als Stahl, Maschinenbau und Kohle zusammen“, rechnet Heinz Leonhardt vor, ProDV-Vorstand und IT-Branchensprecher der Kammer. Doch das Wachstum der IT-Branche in der Region stößt an Grenzen. „Der Bedarf besteht jetzt im Moment , ein Ende ist nicht abzusehen“, meint er. Und um den zu decken, geht nichts an ausländischen Mitarbeitern vorbei. „Wir bringen uns sonst um Wachstumschancen.“
Auch ProDV will expandieren, geht in den nächsten Tagen an die Börse. „Wenn wir nicht vor Ort wachsen, geschieht dies woanders“, so Leonhardt.
Dabei rollt der „brain train“ schon längst, der Standort Deutschland und das Ruhrgebiet profitieren seit Jahren von Ausländern.
Etwa von Suhur Bhatia aus Duisburg. In einem kleinen Ladenlokal in Duisburg-Nedorf leitet der 37-jährige Inder, seit 1987 in Deutschland, das Software-Unternehmen Microboss. Bhatia ist Spezialist für 3-D-Anwendungen im Internet, hat heute zwölf Mitarbeiter.
Oder von Zbidgniew Surowiecki. 1984 gründete er mit drei Partnern ein Software-Haus. Der Pole mit seinem noch heute harten Akzent hatte die vorhandene Unix-Technologie als Plattform für kommerzielle Anwendungen im Internet entdeckt. Die gemeinsame Firma Quantum AG wuchs rasch, 300 Mitarbeiter zählte das Haus, als Surowiecki es vor zwei Jahren an ein US-Unternehmen verkaufte.
Doch seit Mitte vergangenen Jahres ist er wieder aktiv. Zusammen mit Partnern gründete er das Internet-Auktionshaus Hammerdeals AG. Hohe Schuttberge aus kleingemahlenen Kasernengebäuden säumen die Anfahrt zu Hammerdeals im Dortmunder Electronic Commerce Center (ECC), einer Ansammlung von Hightech-Unternehmen.
Noch vor fünf Jahren rollten hier gepanzerte Fahrzeuge der britischen Rheinarmee, jetzt ist die frühere Wehrmachtskaserne abgerissen und hat Platz gemacht für einen Neubau. Darin auch die sieben Hammerdeals–Mitarbeiter, die an ihren PC-Arbeitsplätzen an einer Internet-Plattform für Auktionen basteln. „Noch schreibt Hammerdeals rote Zahlen“, so Surowiecki. Doch er will an die Erfolgsgeschichte von Quantum anknüpfen.
„Eigentlich war ich auf der Durchreise in die USA, als ich vor 26 Jahren in Dortmund Station machte“, erinnert er sich. Eine Mischung aus Zufall, Marktchance, Bedarf nach EDV-Lösungen und ein Stück Pioniergeist, losgelöst von deutschem Sicherheitsdenken, machten ihn zum Firmengründer.
Surowiecki kommt aus dem Dunstkreis von Professor Hans Präli, der ihm „sehr geholfen hat“, eine graue Eminenz in Sachen Software in der Ruhrregion. Der inzwischen verstorbene Präli war gebürtiger Estländer, und damit auch ein „Wissens-Import“ aus dem Ausland. Nach dem Krieg ließ er sich in Dortmund nieder, gründete das Software-Haus mbp, das zur Keimzelle einer Vielzahl neuer Unternehmen wurde.
Ausländische Spezialisten wie Surowiecki haben inzwischen selbst Probleme, vor Ort genügend Fachleute zu finden. Er greift deshalb häufig auf Standard-Software von Quantum Polski in Oberschlesien zurück – diese rund 200 Köpfe starke FirmA in Polen war als Tochter der Dortmunder Quantum AG entstanden und gehört nun den polnischen Mitarbeitern.
Outsourcing als Notlösung. Bhatia hat allerdings einen anderen Vorschlag. Er hat die Zuversicht in deutsches Know-how noch nicht verloren und will eher Deutsche zu EDV-Spezialisten umschulen. „Auch in meiner Heimat“, so der Inder, „laufen IT-Fachleute nicht in Scharen herum.“
Auf halber Strecke zwischen dem Dortmunder Technologie-Park mit ProDV und dem ECC mit Hammerdeals liegt, ebenfalls an der Verkehrsschlagader B 1, die Dr. Materna GmbH, ein viergeschossiger Glaskasten.
Noch vor wenigen Jahren produzierte sie optische Speichermedien, jetzt ist Materna Spezialist für Anwendungen für Mobiltelefone gilt bei SMS als Weltmarktführer. Firmenchef Winfried Materna kennt sei Jahren nur eine Entwicklung seiner Firma – Expansion und Stellen schaffen. Doch auf bundesweite Ausschreibungen melden sich häufig nur wenige Bewerber. Vielleicht liegt es am Kohlenpott-Image von Dortmund, fragt er sich manchmal beim Blick aus dem Fenster, eher wohl an der Angebotslage: der Markt für EDV-Fachleute ist – den angeblich 30 000 arbeitslosen Spezialisten zum Trotz – wie leergefegt. Längst hat Materna eine Tochterfirma in Irland gegründet und Iren arbeiten befristet in Dortmund.
Ähnlich geht es dem Dortmunder Anlagenbauer Krupp Uhde GmbH, ebenfalls an der B 1 gelegen. Frank Schröder, Design-Ingenieur, und Dipl.Ing.. Rolf Süßbrecht, CAD-Betreuer bei Krupp Uhde, wickeln ihre Projekte ausschließlich in internationaler Zusammenarbeit ab. So verwinkelt die Uhde-Verwaltungsgebäude sind – das Haus verfügt über eine eigene Straßenuntertunnelung – so vernetzt sind die Dortmunder auch mit ihren Tochterfirmen in Mexiko, Indien, Russland und Südafrika.
Wie die Zusammenarbeit läuft – und dass Fachleute in Deutschland als Koordinatoren bitter nötig sind – zeigt der 260-Mio.-DM-Auftrag, den Uhde derzeit bearbeitet. In den neuen Bundesländern erstellen die Dortmunder eine Adipin- und Salpetersäureanlage für die Faserproduktion von Nylon. Der Auftraggeber kommt aus Italien er liefert auch das Basic Engineering für die Adipin-Anlage. Das Detail-Engineering für die Adipin- und für die Salpetersäureanlage – eine Uhde-Entwicklung – erledigen EDV-Fachleute bei den Tochterfirmen in Dzerschinsk, 400 km östlich von Moskau, und im indischen Bombay. Per E-Mail werden die Lösungen nach Dortmund übermittelt und hier auf dem Rechner als dreidimensionale Modelle dargestellt.
Uhde betreibt mittlerweile das größte private Ingenieurbüro in Indien, Spezialisten aus Fernost sind immer wieder zum Erfahrungsaustausch in Dortmund. Die Kampagne der CDU: „Kinder statt Inder an die Computer“ trifft hier nur auf Kopfschütteln, weil sie längst von der Wirklichkeit überholt ist.
„Der Bedarf an EDV-Leuten ist jetzt da“, meint Heinz Leonhardt von ProDV. „Entweder wir lassen die Fachleute herein, oder die Marktchancen gehen an uns vorbei“.
Von seinem Fenster aus kann er beobachten, was das bedeuten würde. Denn langsam wird das flüchtige Produkt Software zu Beton: ProDV baut aus, und am anderen Ende der Stadt, um das Electronic Commerce Center, soll ein ganzer Park für“s „Wohnen und Arbeiten“ entstehen. Alles das stünde auf dem Spiel.
Und damit diese Entwicklung weitergeht, kann man auch im Ruhrgebiet auf Menschen wie den Inder Bhatia und den Vietnamesen Duy Tan Bui schon lange nicht mehr verzichten – und wird auch damit rechnen müssen, dass sie, wie die beiden, auf Dauer in Deutschland bleiben. MARTIN ROTHENBERG
Es gibt sie schon lange, die IT-Fachleute aus aller Herren Länder, die mithelfen, den Strukturwandel im Ruhrgebiet zu gestalten: der Inder Suhur Bhatia und der Vietnamese Duy Tan Bui. Für Buis Chef, Heinz Leonhardt, ist die Einstellung von ausländischen Spitzenkräften eine Selbstverständlichkeit. „Beim Fußball ist das ja auch kein Thema.“ In der Mitte die Logos des Unternehmens im Dortmunder Electronic Commerce Center, darunter auch das von Hammerdeals.

Zuzug von Fachkräften ist in Deutschland seit 1973 möglich. In der „Anwerbestoppausnahmeverordnung ist in § 5 Abs. 2 geregelt, dass die Arbeitserlaubnis für Ausländer erteilt werden kann, „die eine Hochschul- oder Fachhochschulausbildung oder eine vergleichbare Qualifikation besitzen, wenn an ihrer Beschäftigung… ein öffentliches Interesse besteht“. In begründeten Fällen kann „einem Ausländer die Arbeitserlaubnis auch … erteilt werden, wenn das Landesarbeitsamt…festgestellt hat, dass ein besonderes… regionales, wirtschaftliches oder arbeitsmarktpolitisches Interesse an der Beschäftigung des Ausländers besteht“ (§ 8). Rund 800 Fachleute aus dem Ausland kommen jährlich auf diesem Weg nach Deutschland.

Ein Beitrag von:

  • Martin Rothenberg

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