Softwareentwickler Infor: Interview 12.10.2012, 19:54 Uhr

„Wir haben 4000 Entwickler für die Software“

Seit Oktober 2010 ist Charles Phillips CEO von Infor, dem nach SAP und seinem vorherigen Arbeitgeber Oracle weltweit drittgrößten Hersteller von Unternehmenssoftware. Nachdem er das Unternehmen 18 Monate lang bewusst aus der Öffentlichkeit herausgehalten hat, erklärt Phillips gegenüber den VDI nachrichten seine Strategie.

Charles Phillips, CEO von Infor, erklärt seine Unternehmens-Strategie

Charles Phillips, CEO von Infor, erklärt seine Unternehmens-Strategie

Foto: Oracle

VDI nachrichten: Herr Phillips, es war eine Zeitlang sehr still um Infor. Warum?

Phillips: Wir waren in den vergangenen 18 Monaten intensiv damit beschäftigt, unsere Produkte anzupassen, die User-Interfaces zu erneuern, die Infrastrukturschicht zu bearbeiten und jede Menge zu standardisieren. Das haben wir nun erledigt. Wir haben jetzt für jede unserer Zielindustrien ein besonderes Produkt, das aber dann wiederum in einer kompletten Suite integriert ist.

Was war an diesem Prozess so aufwendig?

Phillips: Ich erkläre es Ihnen anhand unseres Tempos: Wir haben in den vergangenen 18 Monaten mehr Produkte an den Start gebracht als in den gesamten vier Jahren zuvor. Und um das abzubilden, haben wir auch personell eine Menge unternommen: Wir haben bis dato 600 neue Ingenieure eingestellt, weitere 400 werden es bis zum Ende des Jahres sein. Mittlerweile haben wir von allen Herstellern weltweit mit 4000 Entwicklern die größte Organisation, wenn es um die Entwicklung von Unternehmenssoftware geht. Da haben wir einen eindeutigen Wettbewerbsvorteil.

Warum?

Phillips: Weil wir weder Hardware noch Datenbanken entwickeln, wir kümmern uns einzig und allein um Unternehmensprogramme. SAP und Oracle hingegen haben derart massiv akquiriert, dass sie noch immer mit der Integration der hinzugekauften Lösungen beschäftigt sind. Sie können nicht mehr alle Funktionalitäten in einer Suite anbieten. Man kann nicht alles beispielsweise auf SAPs Plattform Netweaver laufen lassen.

Sie haben die User-Interfaces angesprochen, was haben Sie in diesem Bereich unternommen?

Phillips: Unser Firmensitz liegt auch deshalb in New York, weil wir dort eine interne Designagentur gegründet haben. Die Menschen verlangen heutzutage selbst bei ihrer Business-Software einen schönen Look. iPads und
iPhones hat heutzutage jeder, und wenn man sein ERP nicht dieser Entwicklung anpasst, dann hat man spätestens bei der nächsten Anwendergeneration ein Problem.

Ihre Kunden sind klassischerweise große Fertigungsunternehmen, Firmen der chemischen Industrie oder aus dem Rüstungsumfeld. Sie wollen ernsthaft behaupten, dass diese Kunden großen Bedarf an einer „sexy“ Eingabeoberfläche haben?

Phillips: Aber sicher. Warum muss die Eingabemaske ansprechender gestaltet sein? Ganz klar, damit sich der Anwender die Informationen, die er im Tagesgeschäft braucht, einfacher erschließen kann. Da erhält ein Ingenieur etwa einen Alarm auf sein iPad, dass diese oder jene Anlage defekt ist und er handeln muss. Dann ist es wichtig, dass er direkt aus dieser Alarmmaske heraus auf seine Business-App zugreifen und einen entsprechenden Prozess auslösen kann. Intuitive Bedieneroberflächen erhöhen die Geschwindigkeit.

Inwiefern?

Phillips: In großen Industrieunternehmen dauert es doch manchmal bis zu fünf Jahren, bis man sich auskennt. Bis man weiß, wer für was zuständig ist, wer welche Fähigkeiten hat. Wir haben indes Social-Media-Funktionen in unser ERP integriert, so dass sich Menschen und Prozesse viel schneller zusammenführen lassen. Fazit: Bei unseren neuen Produkten geht es nicht so sehr darum, dass sie so gut aussehen, sondern dass sie massiv die Produktivität durch ihre Funktionalität steigern.

Das entspricht einer sehr produktspezifischen Sichtweise. Ihr Wettbewerb tickt anders und rückt große Entwicklungen in den Fokus, SAP beispielsweise die Cloud oder In-memory durch die Hana-Technologie?

Phillips: Wir sind ganz froh darüber, dass sich der Wettbewerb in Infrastrukturdiskussionen verliert. Wenn ich zu Vorständen der Automobilindustrie gehe, dann möchten die sicher keine esoterischen Technologiediskussionen über die Cloud mit mir führen. Die haben doch die Sorge, in vier Monaten ein neues Auto auf den Markt bringen zu müssen, dabei sollen wir ihnen mit unserer Technologie helfen. Sollen von mir aus andere über Hana sprechen.

Das heißt, die Cloud ist ernsthaft für Sie kein Thema?

Phillips: Doch natürlich, wir fahren eine klare Hybrid-Cloud-Strategie, wobei für die meisten Kunden selbst das nicht unbedingt vonnöten ist.

… weil?

… die meisten unserer Kunden derart groß sind, dass sie beim Softwarekauf hohe Skaleneffekte erzielen, so dass sie die Programme bei uns zu Amazon-Preisen kaufen können. Aber im Ernst: Wenn der Kunde sein ERP als Service beziehen möchte, dann machen wir auch das möglich.

Das ist ein klarer Fokus, gilt der auch für Ihren Börsengang, da Infor ja immer noch ein privat geführtes Unternehmen ist?

Phillips: Die Märkte sind durch den Wirbel um den Facebook-Börsengang stark in Aufruhr. Wenn sich das alles wieder beruhigt hat, dann ist und bleibt der Gang an die Börse für uns die erste Option.

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