Internet 24.06.2005, 18:39 Uhr

Willkommen im Wikiversum  

VDI nachrichten, Berlin, 24. 6. 05 – Wikipedia zählt inzwischen mehr Artikel als der Brockhaus Multimedial. Doch wer steckt eigentlich hinter dem riesigen Internetlexikon? Wer sorgt für die täglich rund 500 neuen Artikel aus Deutschland? Ein Besuch bei vier Wikipedianern in Berlin zeigt, wie verschieden die Menschen sind, deren Hobby es ist, mit anderen ihr Wissen zu teilen.

Spezialzeitschriften, Brandenburg-Magazine und Fachlexika stapeln sich in der Dachgeschosswohnung am Winterfeldmarkt in Berlin. Lienhard Schulz gibt viel Geld aus für Doktorarbeiten, die sonst nur in der Staatsbibliothek zu finden sind. Er geht auf Wikipedia-Partys in verräucherte Wohnungen im Ostteil Berlins und gesteht: „Ich sehe praktisch nicht mehr fern.“ Dabei blickt er auf die Startseite von Wikipedia.de. Ursprünglich wollte Schulz, 58 Jahre und Geschäftsführer eines Reisebüros, nur wissen, was das Wort „Elsbruch“ bedeutet. Dabei hat er sich infiziert.

Denn Wikipedia ist nur scheinbar eine Internetseite. Wikipedia ist ein Lexikon in 97 Sprachen. Mit 500 neuen deutschen Artikeln pro Tag, mit durchschnittlich 3500 aktiven Hobbyautoren, die 250 000 Artikel oder 642 000 kByte Wissensmaterial zusammengetragen haben. Weltweit sind es rund 4 200 000 kByte. Und Wikipedia ist dabei, die reale Welt zu erobern: Ein Berliner Verlag verkauft die freien Inhalte auf 10-€-DVDs. Zuletzt 30 000 Stück, die nächste Fassung erscheint im Herbst. Dieses Projekt ist gerade drei Jahre alt, aber wenn man dem Wirtschaftsmagazin Brand Eins glaubt, dann treibt es den Managern des 200 Jahre alten Brockhaus schon „den Angstschweiß auf die Stirn“.

Dabei möchten Wikipedianer Gutes tun: „Wir wollen allen Menschen auf der Welt kostenlosen Zugang zum Wissen ermöglichen“, sagt Jimmy Wales, Gründer, ehemaliger Finanzmakler und oberste moralische Instanz im Wikiversum. Sein Idol ist die Philosophin Ayn Rand und ihre Idee der freiwilligen, unbezahlten Arbeit. „Für die Gesellschaft kann man nur etwas Gutes erreichen, wenn man es freiwillig erreicht“, sagt Wales. Und bekommt dabei etwas leicht Guruhaftes, wenn er von „Liebe und Respekt“ redet und Wikipedia mit der Bibliothek von Alexandria vergleicht.

Die Epidemie schweißt vor allem Männer vor dem Computer fest. Als Schulz nach dem Elsbruch suchte, gab es dazu noch keinen Artikel auf Wikipedia. Also hat er ihn selbst geschrieben. Am 16. März 2004, abends um 17 Minuten vor zwölf, hatte er sein Coming-out und stellte 200 Wörter ins Netz. Auch wenn die erste Fassung des Hobbyforschers von kleinen Fehlern wimmelte.

„Die Verlässlichkeit von Wikipedia liegt nahe des statistischen Rauschens“, heißt es wegen solcher Fehler in einer internen Anweisung eines deutschen Magazinverlags den Journalisten ist es verboten, Wiki als Quelle anzugeben. „Das ist ein Vorschlagewerk, kein Nachschlagewerk“, lästern die Verleger des Brockhaus gerne. Soll heißen: Das Wissen im Brockhaus ist in Stein gemeißelt, Wikipedia ist nur ein Diskussionsstand. Wetten sollte man darauf nicht.

Denn was soll man dazu sagen, wenn ein 15-jähriger Schüler aus Berlin-Treptow als Experte für U-Bahnen gilt und als Administrator das letzte Wort in Fach-Diskussionen hat? Im Zimmer von Cornelius Kibelka liegen noch die Stofftiere und Lego-Bausätze im Regal. Ein Bündel Kabel führt zum Telefonanschluss der Eltern.

Der Junge mit Pferdeschwanz und Fliesspulli hat noch keine eigene Flat- rate – aber schon Verantwortung: Ein Admin kann Wikipedia-Seiten vor Veränderungen schützen, ganze Seiten löschen und Nutzer sperren, so dass sie nicht mehr mitdiskutieren können. Er ist ein gewählter Zensor, ein Verstoß gegen das Grundgesetz und ein Fremdkörper im diskussionsverliebten Wikiversum: Aber als Schlichtungsstelle unentbehrlich. „Viele haben gesagt, ich sei zu jung“, meint Kibelka trotzdem haben sie ihn zum zweitjüngsten der knapp 150 deutschen Administratoren gewählt. Jetzt hofft er, dass er nicht vor allzu schwierige Entscheidungen gestellt wird. Denn die zwei bis drei Stunden, die er täglich am Rechner sitzt, braucht er für seine U-Bahnen.

Auf dem Schreibtisch liegt das Buch „U-Bahnen gestern-heute-morgen: von 1863 bis 2010“, es hat fast 30 € Taschengeld gekostet. Kibelkas Texte im Internet sind so gut, dass sie als „Exzellente Artikel“ ausgezeichnet wurden. Das ist der Ritterschlag und das Wiki-Äquivalent zum Brockhaus-Eintrag: Exzellente Artikel dürfen nicht mehr verändert werden. Wikipedia hat sein Leben verändert: „Früher habe ich das ganze Nachmittagsprogramm von RTL 2 gesehen. Jetzt schaue ich höchstens die Nachrichten.

Was ist so fesselnd an Wikipedia? „Wir wollen die Welt nicht verändern, wir wollen sie nur möglichst genau beschreiben“, sagt Martin Zeise, Elektroingenieur und Projektleiter beim Kraftwerksservice der Alstom Powerservice GmbH. Einen Teil seiner Freizeit verbringt er im Fahrradladen des ADFC, einen anderen mit Wiki. Dort schreibt er über Hochspannungs- und Kraftwerkstechnik: „Aber nicht viel.“ Privat schreibt und diskutiert Zeise lieber über „Aldi“, Ecuador und Fahrradtouren. Als Wikipedianer glaubt er an den Sieg des besseren Arguments. Auch wenn immer irgendwo ein Meinungskrieg tobt.

Es gibt auch die Bösen im Wikiversum. Das sind die Vandalen und Extremisten: Jeder Internetnutzer kann Seiten ändern und Inhalte löschen. Aber die Software ist so angelegt, dass „Die Guten“ mit einem einzigen Klick die richtige Fassung wiederherstellen. Binnen Sekunden, so dass die meisten Vandalen schnell wieder aufgeben. Und wenn Neonazis den Artikel über Adolf Hitler zerstören, dann findet sich ein Administrator, der die Seite gegen Veränderungen sperrt. Das sind die einfachen Angriffe der Bösen. Schwieriger sind subtile Änderungen: Wenn etwa der Hinweis „rechtsextremer Hintergrund“ bei einer Straftat gelöscht wird, fällt das oft lange nicht auf. Denn auch die Feinde der Wahrheit haben gelernt, mit feinem Florett zu fechten.

Viel anstrengender sind aber die eigenen Leute: Henriette Fiebig wird richtig fuchsig, wenn sie von ihrem ersten Wiki-Erlebnis spricht: „Das war grottenschlecht, was da stand.“ Fiebig, stets ganz in Schwarz gekleidet und immer mit ihrem iBook von Apple unter dem Arm, ist eine der wenigen Frauen im Wikiversum und im Vorstand des Wikimedia Deutschland e.V.

Der Verein hat zwar formell nichts zu sagen (die Server gehören der Wikifoundation), aber irgendwie muss man sich auch als anarchisch angelegtes Projekt organisieren: vom Wikipedia-Kongress bis zur Grillparty, oder als Moderator der „Edit-Wars“, Verbesserungskriege, auf den Diskussionsseiten. Mühsam, oft pedantisch wird da um jedes Wort gerungen. Aber im Großen und Ganzen sind die Diskussionen erfolgreich: In einem Test der Fachzeitschrift c“t schnitt Wikipedia schon Mitte 2004 besser ab als die Konkurrenz von Brockhaus und Microsoft Encarta. Mit Stärken bei technischen und naturwissenschaftlichen Themen.

Einträge über Kunst, Kultur und Philosophie sind längst nicht so gut. Der Eintrag über das mittelalterliche „Hildebrandslied“ war so schlecht, dass Fiebig ihn „komplett neu“ geschrieben hat. „Warum sollte nicht die ganze Welt an meinem Wissen teilhaben?“ Immerhin hat sie die Deutsche Literatur des Mittelalters studiert.

Auch der Erstling über den „Elsbruch“ von Lienhard Schulz musste sich inzwischen 40 Verbesserungen unterwerfen. Er scheint perfekt, und trotzdem kann man sich im Streitfall nicht auf den Text berufen. Nur der Brockhaus hat in Deutschland das Privileg des letzten Wortes. Bei Wikipedia muss der Leser damit leben, das alle Erkenntnis vorläufig ist.

Schulz stört das nicht. Er ist jetzt viel mit Schreibblock und Kamera in Brandenburg unterwegs und recherchiert über neue Landschaften. Auch die Dissertation über „Albrecht den Bären“, den Gründer der Mark Brandenburg, hat er sich zum Lesen mit auf die Dachterrasse genommen. Es könnte wieder ein „Exzellenter“ Text werden. Einen Eintrag zum Elsbruch gibt es im Brockhaus übrigens bisher nicht. MARCUS FRANKEN

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